Fatima Daas: "Die jüngste Tochter":Der einzig sichere Ort

Fatima Daas: "Die jüngste Tochter": 1995 ist sie geboren, Fatima Daas ist ihr Nom de Plume. Die Erzählerin ihres Debütromans heißt genauso.

1995 ist sie geboren, Fatima Daas ist ihr Nom de Plume. Die Erzählerin ihres Debütromans heißt genauso.

(Foto: JOEL SAGET/AFP)

Muslima und polyamourös: Die Erzählerin von Fatima Daas' preisgekröntem Debüt "Die jüngste Tochter" führt mehrere scheinbar unvereinbare Leben gleichzeitig. Eine Kraftprobe mit der Welt.

Von Alex Rühle

Es beginnt scheinbar ganz konventionell, mit der Vorstellung der eigenen Person: "Ich heiße Fatima. Ich trage den Namen einer symbolischen Figur des Islam. Ich trage einen Namen, den man ehren muss. Einen Namen, den man nicht ,beschmutzen' darf, wie man bei uns sagt. Beschmutzen bedeutet bei uns entehren. Wassekh, im algerischen Arabisch. Im Dialekt sagt man darja, darija."

Fatima. Ein Name, seine religiös-kulturelle Herkunft, die Ermahnung, diesen Namen zu ehren und dazu fremdsprachige Einsprengsel, hocharabisch und familiär-dörflicher Dialekt. Und so zentral wie en passant der zweimalige Einschub "bei uns", im Sinne von: in unserer anderen Kultur.

Der formale Witz ist nun, dass 69 der 71 kurzen Romankapitel mit diesem immergleichen Satz anfangen: "Ich heiße Fatima." Als sei dieses Faktum der einzige sichere Ort, von dem aus der Rest dieses Lebens erkundet werden kann. Ein erzählerisches Basislager, die eine trittfeste Stufe, von der aus man jedes Mal andere Expeditionen in die eigene, zutiefst widersprüchliche Existenz wagen kann: "Ich heiße Fatima Daas. Ich trage den Namen einer Vorstädterin, die von Clichy über den Ring nach Paris fährt, um auf die weiterführende Schule zu gehen." "...ich bin Französin. Ich bin algerischer Herkunft. Meine Eltern und meine beiden Schwestern sind in Algerien geboren." "...ich bin Allergikerin und Asthmatikerin." "Eine Vorstädterin, die täglich über drei Stunden in öffentlichen Nachverkehrsmitteln verbringt." "Ich bin eine Lügnerin. Ich bin eine Sünderin."

Sie sitzt zwischen allen Stühlen und sagt, ja, genau dieses Dazwischen ist mein Platz

Fatima Daas also. Diesen Namen hat auch die 26-jährige Autorin angenommen, die mit ihrer Hauptfigur vieles teilt. Die französisch-algerische Herkunft. Das Schicksal, die jüngste Tochter zu sein, was dem Buch sowohl im Französischen als auch im Deutschen seinen Titel gibt. Clichy-sous-Bois als Wohnort und die Tatsache, dass sie lesbisch und zugleich gläubige Muslimin ist, was innerhalb des Textes enorme Zugkräfte entwickelt, schließlich verbietet der Imam die gleichgeschlechtliche Liebe. In vielen Bildungsromanen stünde am Ende eine Emanzipation, die Heldin steigt aus dem engen Korsett theologischer Moralvorstellung aus und lebt fürderhin mutig ihre Liebe. Oder sie verzichtet um der Religion willen. Daas tut weder das eine noch das andere, sie lebt vielmehr beide Seiten immer intensiver, betet in ihrem Zimmer, fastet, vollzieht minutiös und innig die rituellen Waschungen. Und lebt gleichzeitig nicht nur homosexuell, sondern polyamourös zwischen drei Frauen. Es gibt die idealisierte, ferne Nina, und dann sind da noch ganz handfest und sommersprossensinnlich Gabrielle und Cassandra.

"La Petite Dernière" war der große französische Überraschungserfolg im vergangenen Jahr 2020. Vielleicht weil da jemand zwischen allen Stühlen sitzt und sagt, ja, genau dieses unbequeme Dazwischen ist mein Platz: Ein Mädchen, das sich immer wie ein Junge fühlte. Eine Tochter, die den Eltern dreier Mädchen unbewusst den Sohn ersetzen musste. Algerischer Herkunft, aber in Frankreich lebend, Wohnadresse Clichy-sous-Bois, aber ins reich-libertäre Paris orientiert. Muslimin und Lesbe mit anerzogener Homophobie.

Daas ist nicht zum Schreiben in die hippe Stadt gezogen und schaut von dort mit dem soziologischen Fernglas auf ihr früheres, fremdes Leben. Die Autorin ist vielmehr auch nach dem Erfolg in Clichy-sous-Bois geblieben, jener Banlieue, die 2005 nächtelang lichterloh in Flammen stand; und ihre gleichnamige Erzählerin findet ihre lesbischen Freundinnen und deren vermeintliche laizistische Metropolen-Souveränität ähnlich vernagelt wie den Glaubenskonservativismus ihrer Eltern. Wer sagt denn, dass das Kopftuch immer Unterdrückungsinstrument sein muss? "Ich heiße Fatima. Ich suche Stabilität. Denn es ist schwer, immer abseits zu sein, abseits der anderen, nie bei ihnen, abseits des Lebens, immer daneben."

"Schweigen war in meiner Familie das am wenigsten verschlüsselte Kommunikationsmittel."

Sie will ihren Eltern eine gute Tochter sein, man soll Vater und Mutter schließlich ehren, aber als Gesetze wie dieses formuliert wurden, gab es noch keine mehrfach gebrochenen migrantischen Banlieueschicksale. Wie soll das gehen mit dem Ehren, wenn die Eltern nur gespensterhaft durch ihr eigenes Leben gleiten, nirgends zu Hause, ohne das Rüstzeug, in der fremden französischen Welt souverän zu bestehen. Die Mutter ist beunruhigt, weil ihre seltsame Tochter in diesen männlichen Klamotten rumläuft und partout keine Jungs mag. Der analphabetische Vater hat sich ganz in sich zurückgezogen, seine Gewaltausbrüche sind nichts als Bankrotterklärungen. Er hatte einen Sohn erhofft, aber auch das dritte Kind ist ein Mädchen. Aber reden darüber? Auf keinen Fall. "Schweigen war in meiner Familie das am wenigsten verschlüsselte Kommunikationsmittel."

Das Buch, das aus diesem drückendem Schweigen entsteht, wirkt wie ein Tunnel, den sich die Autorin aus der Familie herausgräbt, da ist keine auktorial souveräne Perspektive, sondern nur ein Jetzt mit dunklen Rändern, aus dem es irgendwie weitergehen muss. Gleichzeitig merkt man dem sehnig schlanken Text an, dass hier streng gekürzt wurde, nichts wirkt überflüssig oder geschwätzig, eher lässt Daas immer wieder Platz für das Schweigen.

In einem der beiden Kapitel, die von dem immergleichen Namensmantra abweichen, geht Fatima zu einem Imam, um sich Rat zu holen, eine Art indirekte Beichte, schließlich erzählt sie zwar die Wahrheit, versteckt diese aber in einer Lüge, indem sie behauptet, es gehe da um eine gute Freundin, die lesbisch sei. Der Imam ist stockkonservativ, sie müsse die Freundin zurückholen auf den rechten Weg, alles andere sei schlimmste Sünde.

Fatima Daas: "Die jüngste Tochter": undefined

Es wäre aber falsch, das Buch als Bekenntnis einer Muslimin zu lesen. Genauso kann man es als großen Roman einer fernen Liebe verstehen, jedes Treffen mit Nina, dieser um vieles älteren, einsamen Frau, ist elektrostatisch aufgeladen, Fatima bemüht sich jedes Mal, ihren "Scheißegalblick" aufzusetzen, an dem aber eben leider "nichts scheißegal ist". Bei den Treffen mit ihr ist die Rede von einigen Hohepriesterinnen des weiblichen Schreibens, Duras, Annie Ernaux, die lange zitiert wird, klare Reminiszenzen, auf denen sich dieses Debüt aber nie abzustützen braucht.

Fatima Daas und die Übersetzerin Sina de Malafosse haben für "Die jüngste Tochter" gemeinsam den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt 2021 erhalten. Ein schöner Preis, der die Übersetzungsleistung genauso honoriert wie den Ausgangstext. Daas hat viel Kraft darangesetzt, einen singenden, schwingenden Text zu konstruieren, der beim Gang durch die Seiten so cool wie sicher in den Knien federt. Einige Kritiker erinnerte der Ton gerade in der Repetition an Koransuren, näher aber ist das Ganze am Rap, den ruhigen Oden von "Grand Corps Malade" etwa, der ebenfalls aus den nördlichen Banlieues stammt und das Leben dort besingt. Dazu englische Einsprengsel, und immer wieder arabische Wendungen, schließlich wird dieses Leben von Lil Wayne genauso geprägt wie von der algerischen Großmutter in ihrem bäuerlichen Dorf. Sina de Malafosse hat es geschafft, diesen herrlich schwingenden Rhythmus in das ja sonst oft so elend rechteckige Deutsch umzuschmelzen.

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