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Fatih Akin:Unverbesserliche Romantiker

SZ: Im Film "Crossing the Bridge" trägt eine Braut auf ihrer Hochzeit Schwarz, weil sie sich von ihrer Familie trennen muss und deshalb trauert.

Fatih Akin

2004 erhiehlt Fatih Akin den Deutschen Filmpreis für "Gegen die Wand".

(Foto: Foto: dpa)

Akin: Ja, das ist interessant, oder? Die Zigeuner heiraten in Schwarz. Das wusste ich auch bis dahin nicht. Verkehrte Welt. Finde ich ja viel schicker als Weiß. So schön "gothic".

SZ: Sind Sie am Ende ein Romantiker?

Akin: Ja. Absolut. Das muss ich sein in meinem Beruf, so wie ich ihn verstehe. So wie ich das Kino erleben möchte und erleben lassen möchte. Und ich glaube, die Romantik ist nicht nur in der Kultur zu finden, es gibt durchaus Schnittmengen mit der Realität.

SZ: Romantik ist die Lust am Untergang, hat uns mal ein Lehrer beigebracht.

Akin: Der Weltschmerz, ja. Interessant ist, dass sich die Romantik des Westens mit der des Orients deckt. Die Türken leiden auch sehr gern. Sie leiden mehr, als sie genießen. Oder sie genießen es, zu leiden. Das nennt man "kara sevda", die schwarze Liebe: "kara" ist dunkel oder schwarz und "sevda" heißt Liebe. Wenn die Liebe schmerzt.

SZ: Das ist keine türkische Spezialität. Das gibt es bei uns auch.

Akin: Eben, schon bei Goethe: "Die Leiden des jungen Werthers". Genau das ist mit "kara sevda" gemeint.

SZ: Dann ist die schwarze Liebe die unerwiderte Liebe?

Akin: In der Türkei ist die Liebesheirat ein sehr junges Thema, es gibt sie erst seit fünfzig Jahren, wenn überhaupt. Und wenn man jemanden heiraten musste, verliebte man sich gern in einen anderen. Die nicht gelebte Liebe währt ewig, bleibt riesig. Hat ja auch was.

SZ: Die Männer in Ihren Filmen sind häufig unverbesserliche Romantiker: maßlos, kleinkriminell, kompromisslos, provokant. Und selbstzerstörerisch.

Akin: Das ist romantisch? Ja, wahrscheinlich stimmt das. Das kommt von mir. Vieles, was in meinen Filmen über Geschlechterrollen zum Ausdruck kommt, hat mit meiner eigenen Auffassung von Geschlechterrollen zu tun.

SZ: Einer Ihrer Lieblinge, Birol Ünel, verkörpert in "Gegen die Wand" einen gnadenlosen Alkoholiker und in "Soul Kitchen" einen größenwahnsinnigen Koch.

Akin: Er ist mein Enfant terrible.

SZ: Er provoziert. Ist Provokation eine Ausdrucksform, die Ihnen liegt?

Akin: Ich bin nicht jemand, der provoziert. Aber ich mag Leute, die provozieren. Vielleicht, weil ich mich selbst nicht traue. Deswegen habe ich Sehnsucht nach solchen Leuten. Birol verkörpert viele Dinge, die ich nicht bin, von denen ich manchmal aber gern was hätte.

SZ: Finden Sie die Verweigerung von Normen sexy?

Akin: Ich finde es mutig. Ab einem gewissen Alkoholpegel ist es natürlich nicht mehr Mut, sondern Unfähigkeit, die Normen einzuhalten. Aber im Kern ist es immer berechtigt, Normen mal in Frage zu stellen, auf die eine oder die andere Art. Ich bin viel zu liebevoll und brav erzogen, um so mit Normen umzugehen. Ich hab' immer eins auf den Deckel bekommen, wenn ich zu laut wurde. Oder wenn ich mich geweigert habe. Weil wir auch nur zu zweit waren zu Hause: mein Bruder und ich. Birol hatte da mehr Glück, seine Familie war ein unübersichtlicher Haufen, da konnte man leichter aus der Reihe tanzen als in meinem Elternhaus.

SZ: Das kann man auch von zwei Seiten sehen. Vielleicht hat er etwas weniger Liebe mitbekommen.

Akin: Das kann man von zwei Seiten sehen, sicher. Aber er konnte sich eben freier bewegen. Und jetzt ist er ein Punker. Ein Troublemaker.

SZ: Und Sie finden ihn toll. Ihre Kamera liebt ihn jedenfalls.

Akin: Er bringt das meiste mit. Und in dem, was er mitbringt, kann ich dann herummalen. Wie in einem Aquarell, das noch nicht trocken ist. So ist bei mir die Zusammenarbeit mit den Schauspielern meistens. Sie bringen sich mit und ich arbeite mit dem, was sie anbieten.

SZ: Ist die Faszination für den ewigen Rebellen nicht irgendwann überholt?

Akin: Vielleicht. Aber ich muss meine jugendliche Sehnsucht und meine übergroße Identifikation mit Jungs wie James Dean, Marlon Brando, Mickey Rourke und Klaus Kinski erst mal ausleben.

SZ: An Mickey Rourke allerdings sieht man ganz gut, wohin das auch führen kann. Das war ja nicht mehr so sexy.

Akin: Aber er hat's überlebt. Und ich kann seinen Absturz nachvollziehen. Das ist keine einfache Branche. Wenn man etwas labiler ist, nicht so viel Glück oder nicht so gute Leute um sich herum hat, kann das passieren. Ich habe vollstes Verständnis für Exzesse und Abstürze. Und ich meine nicht Mitleid, ich meine Verständnis. Das kann mir genauso passieren.

Lesen Sie auf Seite 3, wie Fatih Akin zu seiner türkischen Herkunft steht.

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