Faszination Rock-Festival "Backstage ist arschlangweilig!"

MTV-Moderator Markus Kavka über kuschelige Festivals, große Stars und darüber, warum jeder Festivalbesucher ein Vorhängeschloss mitnehmen sollte.

Interview: Frederic Huwendiek

Markus Kavka ist Musikjournalist und Moderator beim Musikfernsehsender MTV.

Markus Kavka: "Man erduldet schon einiges, um dann zu diesem riesigen Common-Sense-Gebilde sein Scherflein beitragen zu können."

(Foto: Foto: MTV)

sueddeutsche.de: Herr Kavka, was sollte ein Festivalbesucher auf jeden Fall mitnehmen?

Markus Kavka: Unbedingt eine warme Regenjacke. Man will zwar immer, dass die Sonne scheint, aber leider regnet es dann doch ziemlich häufig. Ich erinnere mich, wie ich einmal bei Rock am Ring mit einem dünnen Sommerjäckchen Radiohead anmoderiert habe - und es waren drei Grad und Schneeregen. Ich konnte mich dann danach gleich drei Tage ins Bett legen.

sueddeutsche.de: Und: Etwas daraus gelernt?

Kavka: Ja, das passiert mir nie wieder. Und - auch ganz wichtig: ein Vorhängeschloss fürs Zelt. Und das nicht, weil die Leute irgendwelche Sachen klauen. Sondern, viel schlimmer: Die kacken dir ins Zelt. Ist einem Kumpel von mir passiert.

sueddeutsche.de: Was kann ich getrost zu Hause lassen?

Kavka: Ich finde, man muss gar nicht so viel Alkohol mitnehmen. Wenn man sich überlegt, was da besonders bei den großen Festivals abgeht - da wäre weniger mehr. Dann kannst du ein paar mehr Bands sehen und musst nicht in deinem Erbrochenen übernachten.

sueddeutsche.de: Was macht ein gelungenes Festival aus?

Kavka: Ich mag es immer ganz gerne, wenn Festivals in einer schönen Umgebung stattfinden. Wenn da ein See oder ein Wäldchen in der Nähe ist. Gute Musik in der Natur genießen ist super. Was ich nicht so gerne mag, sind Festivals, die so einen viehauftriebsmäßigen Charakter haben und sehr zweckmäßig angelegt sind. So ein Schotter- oder Betonplatz und außenrum die üblichen Buden.

sueddeutsche.de: Beschreiben Sie gerade Rock am Ring?

Kavka (überlegt): Mhm. Im Grunde ist Rock am Ring so aufgebaut. Ich find's aber trotzdem okay, weil die Rennstrecke ihren eigenen Charme hat und die Eifel, in der ja der Nürburgring liegt, eine schöne Landschaft ist. Ja, aber eigentlich ist Rock am Ring schon eher zweckmäßig betonlastig - das stimmt schon. Das Wichtigste an einem Festival ist aber der Vibe, den so eine Veranstaltung ausmacht.

sueddeutsche.de: Das heißt?

Kavka: Wenn man merkt, da kommen Leute hin, die nur wegen der Musik da sind. Die sich gegenseitig nichts Böses wollen und einfach eine gute Zeit haben. Das Immergut-Festival ist in der Hinsicht einfach unschlagbar. Da ist es fast egal, welche Bands spielen, man fährt da einfach hin, weil man weiß, da ist es kuschelig, da sind Gleichgesinnte und keine Arschlöcher. Das ist einfach optimal.

sueddeutsche.de: Erklären Sie mir die Faszination Festival!

Kavka: Das Gemeinschaftsgefühl ist sicher ganz wichtig. Leute, die sich nur ein bisschen für Fußball interessieren, rennen ja auch ins Stadion - auch wenn's daheim auf dem Sofa bequemer wäre.

Wenn man dann auf dem Festival aber irgendwo hinten steht und die Band nur mit dem Fernstecher erkennen kann oder wahlweise in den ersten Reihen ausharrt und dabei fast zerquetscht wird, fragt man sich schon: Warum tue ich mir das an?

sueddeutsche.de: Und warum?

Kavka: Da ist eben dieses Massengefühl. Da sind dann so viele Leute, die das Erlebnis mit einem teilen. Und dann kommt eben ein Crowdsurfer der dir seine Dreckssohle ins Gesicht schmiert - völlig egal: Steigste selber hoch und surfst ein bisschen. Man erduldet schon einiges, um dann zu diesem riesigen Common-Sense-Gebilde sein Scherflein beitragen zu können.

sueddeutsche.de: Was hat mehr Reiz: Mit Pass am Bühnenrand oder im Schlamm unten?

Kavka: Ich kann das ja beides ganz gut beurteilen. All denen Leuten, die es erstrebenswert finden, hinter der Bühne rumzuhängen, kann ich nur sagen: Backstage ist es arschlangweilig. Die Bands sind so lange unsichtbar, bis sie vor irgendeine Kamera gezerrt werden und Promo machen müssen, oder eben auf die Bühne schlappen. Ansonsten sind die alle in ihren Tourbussen oder hängen irgendwo am Buffet rum. Denen beim Essen zuzuschauen ist aber auch nicht sonderlich spannend. Außerdem ist der Sound hinter der Bühne einfach beschissen.

sueddeutsche.de: Das heißt, Sie gucken sich das Ganze auch lieber von unten an?

Kavka: Absolut. Ich versuche, auch wenn ich auf den Festivals arbeiten muss, so oft wie möglich vor die Bühne zu kommen.

sueddeutsche.de: Gehen Sie denn auch auf die Campingplätze?

Kavka: Klar, aber mehr beruflich. Bei Rock am Ring 1999 habe ich, damals noch für Viva Zwei, eine Reportage auf dem Campingplatz gemacht. Es hat mal wieder geschüttet - und ich hatte extra einen weißen Anzug angezogen. Den hab ich mir jahrelang in den Schrank gehängt - ungewaschen.

sueddeutsche.de: Ungewaschen?

Kavka: Ja, weil der einfach so geil aussah: Die ganzen besoffenen Diplomrocker vom Campingplatz kamen da "Hey, Kavka!" rufend her gerannt - und haben mir mit ihren verschlammten Händen auf die Schulter geklopft. Ich hatte da hundert Händeabdrücke auf dem Jacket und meine Anzugshose war bis zu den Knien braun vom Matsch. Später durfte ich dann auch noch aus einem Kanister eine gelbliche, warme Flüssigkeit ohne Kohlensäure trinken, von der ich bis heute nicht wissen will, was das war. Apfelschorle fällt bei Rock am Ring ja raus.

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