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Familienroman:Wechselnde Antworten auf eine unmögliche Frage

Miljenko Jergović, geboren 1966 in Sarajevo, erzählt die Geschichte seiner Familie, in einem Roman, der die Gattung bis an ihre Grenzen strapaziert.

Von Nicolas Freund

Sarajevo im Frühjahr 1945. Es fehlt an allem, vor allem an Nahrung, aber in den zerbombten Hinterhöfen spielen die Kinder, als wäre nichts. Manchmal bringen sie bunte Steinchen, die sie auf der Straße gefunden haben, mit nach Hause. "Der Vater schwieg. Beim zweiten Mal nahm er ihr die Steinchen weg und sagte: Damit spielt man nicht!"

Diese ruhige, aber energische Reaktion des Vaters auf so etwas harmloses wie ein paar bunte Kiesel, ist eine der frühesten Erinnerungen Javorka Regina Stublers, der Mutter von Miljenko Jergović, die er in seinem Buch nacherzählt. Die andere frühe Kindheitserinnerung ist die an einen Jungen, der ein Pita-Brot isst.

Die bunten Steine waren Teil eines Mosaiks, das die sephardische Synagoge in Sarajevo zierte, bis sie 1941 bei einem Luftangriff beschädigt, anschließend geplündert und nie wieder aufgebaut wurde. Jergović hat in Romanen, Essays und Artikeln über diese Zerstörung geschrieben, auch in seinem neuen Buch "Die unerhörte Geschichte meiner Familie" spielt sie eine Rolle, neben den Erinnerungen der Mutter und der Frage nach der grundsätzlichen Selektion des Gedächtnisses: "Das Mosaik hätte wieder zusammengefügt werden müssen, und die Geschichte gehört erzählt, so wie sie sich tatsächlich zugetragen hat."

Jergović weiß aber genau, dass es nicht so einfach ist mit dem Erzählen einer Geschichte, "so wie sie sich tatsächlich zugetragen hat". Er versucht es mit der Geschichte seiner Familie trotzdem. Einer Geschichte, die vom späten 19. Jahrhundert bis zu ihm selbst reicht, die er "schon mehrfach erzählt" hat, bei der sich in dieser Fassung "Ausschmückungen und Veränderungen leider verbieten". Denn es geht ihm um eine Frage, die derzeit wieder aktuell ist, in den Staaten des Balkans aber nie geklärt war, also immer zur Debatte stand: Wer bin ich?

Miljenko Jergovic

Miljenko Jergović, geboren am 28. Mai 1966 in Sarajevo. 2002 erschien sein Roman „Buick Rivera“ auf Deutsch.

(Foto: Miodrag Trajkovic/Verlag)

Die Literatur kann identitätsstiftend sein, häufig wird ihr diese Rolle aber auch nur unterstellt, denn identitätsstiftend kann alles sein, und den meisten Dingen tut man damit unrecht. Dass Literatur so oft als Gemeinsames einer Nation oder Volksgruppe dienen muss, hat mit der Sprache zu tun. Goethe für Deutschland und Dante für Italien sind Nationaldichter, die von jedem Schulkind gelesen werden und die jedes Volk als Kronzeugen der eigenen Kultur anführt. Zu Goethes und Dantes Zeiten existierten weder Deutschland noch Italien, aber wer heute Deutsch oder Italienisch spricht, der spricht immer ein wenig wie Goethe oder Dante.

Miljenko Jergović führt keinen kroatischen, keinen serbischen und keinen bosnischen Autor als Paten an. Am meisten beruft er sich wahrscheinlich auf sich selbst und auf Thomas Mann, aber auch da schwingt vor allem die Bewunderung für einen Autor mit, der sich eine Identität bewahrte, ob er in Deutschland, Italien, der Schweiz oder den USA lebte. "Wo ich bin, ist Deutschland" lautet der berühmte Satz, den Thomas Mann bei der Ankunft in New York im amerikanischen Exil in die Mikrofone sprach.

Fragte man Jergović, was da sei, wo er ist, würde er vielleicht auf sein Buch verweisen, in dem sich das gesamte zwanzigste Jahrhundert, der Krieg, der gleichzeitig nahe und ferne k.u.k.-Prunk mit den deutschen, österreichischen, kroatischen und allen sonstigen Verwandten vermischt. Schmelztiegel gibt es überall auf der Welt, aber der auf dem Balkan sei ein ganz besonderer, behauptet Jergović: "Der Unterschied ist aber nicht der einer gemischt-nationalen Gesellschaft zu einer national homogenen Gesellschaft. Der Unterschied liegt im Umgang mit Verschiedenheit." Dieser sei besonders hasserfüllt, wofür Jergović nicht nur Geschichten wie die von der Synagoge von Sarajevo und ihrem Mosaik , sondern natürlich auch die Jugoslawienkriege am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und die Ablehnung anführt, die er selbst erlebt hat.

Leseprobe

Als Nachkomme deutscher Vorfahren, als Bosnier, der auf Kroatisch schreibt, gehört er nirgends so richtig dazu. "Der Mob weiß, welches Wappen, welche Fahne, welcher Name ihm gehört, und brüllt es frei heraus, wir hingegen sehen uns zu langen, umständlichen Erklärungen, Romanen, Filmen, fiktiven und wahren Geschichten gezwungen." Jergovićs Ausweis ist dieser Roman, der aber den Romanbegriff bis an seine Grenzen strapaziert und selbst nicht genau zu wissen scheint, was er eigentlich ist, denn er besteht aus mehreren längeren Texten, die eigene Bücher sein könnten. Er enthält einen Roman über die Familiengeschichte der Stublers, eine Reportage über den Krebstod der Mutter, ein "Tagebuch der Bienen", dazu viele kleine Texte, die sich um diese größeren formieren, aber anscheinend nicht in diese eingefügt werden konnten. Wie die Steinchen aus dem zerstörten Mosaik.

"Vielleicht leben wir alle die Leben künftiger oder vergangener literarischer Helden."

Durch Berichte von Verwandten, aus Fotografien, von denen einige in dem Buch abgedruckt sind, und durch Archive hat Jergović die Geschichte der Familie Stubler bis in die letzte noch irgendwie rekonstruierbare Verästelung nachvollzogen. Gewissenhaft berichtet er von dem stolzen Eisenbahnbeamten Karlo Stubler, der herzkranken Großmutter, den ganzen großen und kleinen Dramen vor dem und im Krieg, zwischen Wien und Sarajevo. "Aber lassen wir Familien- und Historienroman, kommen wir zurück zu uns."

Kann man diesen Schilderungen trauen? Vieles kann der Erzähler gar nicht wissen, anderes ist, entgegen seiner Ansage, offensichtlich ausgeschmückt. Jergović verfolgt ein anderes Projekt als die Geschichte seiner Familie niederzuschreiben, ihm geht es nicht um historisch akkurate Darstellungen, obwohl er den nüchternen Stil einer Chronik manchmal treffend imitiert, um ihn mit Kommentaren oder Relativierungen aber sofort wieder zu unterlaufen. Denn: "Die Wahrheit liegt in wechselnden Antworten auf eine unmögliche Frage."

Wer bin ich?, das ist keine Frage, auf die Jergović eine einfache Antwort erwartet. "Die unerhörte Geschichte meiner Familie" ist ein Großprojekt über die Eitelkeit dieser Frage und die Unmöglichkeit, sie zu beantworten. Jergović möchte die Konstruiertheit jeder Identität ausstellen, indem er all die Unsicherheiten und Vagheiten betont, die sich in den Geschichten auftun, auf die man sich beruft, wenn man sagt, man sei Deutscher oder Kroate, aus dieser oder jener Familie. Er selbst sagt über sich, sicher sei für ihn nur die Prägung durch seine Großmutter. "Bei allem anderen stehe ich auf schwankendem Boden."

Miljenko Jergović: Die unerhörte Geschichte meiner Familie. Roman. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2017. 1144 Seiten, 34 Euro. E-Book 24,99 Euro.

Dieses Annahme führt dazu, dass es in der Geschichte der Familie nur um eine Person geht: Miljenko Jergović. Alle Stimmen des Romans sind seine Stimme, er hat alle anderen absorbiert. Die Frage nach der Identität ersetzt er durch radikalen Individualismus. Der Reportage genannte Teil über die Krebserkrankung und den Tod seiner Mutter ist vor allem auch ein Endlager für seine Gleichgültigkeit den Eltern gegenüber: "Es fällt mir nicht schwer zu sagen: Ich habe sie nicht geliebt." Formal ist diese "Reportage" kaum von dem vorangegangenen "Roman" unterschieden. Bei dem ganzen Buch handelt es sich um einen Text, der immer wie auf dem Sprung zu sein scheint, ein Roman zu werden, diese Bewegung aber demonstrativ nicht wagt. Eine fadenscheinige Geste, denn natürlich ist der Text längst geworden, was er nie sein wollte: ein ausufernder, etwas eitler und um seiner selbst willen geschriebener Familienroman. Miljenko Jergović kann der Frage nach der Identität nicht entkommen, auch weil er sich selbst jederzeit daran orientiert. Alles könnte ganz anders sein - ist es aber nicht. Jergović unternimmt immense Anstrengungen, diese Möglichkeit aufzuzeigen.

"Vielleicht leben wir alle die Leben künftiger oder vergangener literarischer Helden." Miljenko Jergović hat sich vorsorglich selbst zu einem gemacht. Dabei zeigt sich gerade in den kleinen, oft anekdotischen und assoziativen Texten, in denen der Autor sich zurücknimmt, welche Klasse er hat.

© SZ vom 31.08.2017
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