bedeckt München 23°

Familienquartett in Gent:Die Banalität der letzten Stunde

An Miller und Filip Peeters mit ihren Töchtern.

(Foto: Michiel Devijver)

Milo Rau inszeniert "Familie" am NT Gent mit einigen Schaudereffekten. Aber wozu?

Von Till Briegleb

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Ort. Es ist finsterste Nacht, Autoscheinwerfer beleuchten einen gläsernen Bungalow, aber die Vögel zwitschern, als sei der sonnigste Lenz da. Vielleicht ist das so in Calais-Coulogne, wo der berühmte Leuchtturm der Ärmelkanalstadt nur sechs Kilometer entfernt liegt und Amsel, Drossel, Fink und Meise den wandernden Lichtstrahl der Schifffahrtshilfe für Sekundentag halten. Vielleicht haben nachtsingende Vögel auch die Familie Demeester 2007 in den Wahnsinn getrieben, sodass die zwei erwachsenen Geschwister und ihre Eltern sich am Balken der Veranda gemeinsam erhängt haben? Ein seltsamer Fall kollektiven Freitods, der die Fantasie beschäftigen kann und noch zwölf Jahre später Milo Rau dazu veranlasst hat, ein Stück zu inszenieren, das den Familienselbstmord der Demeesters als erklärungslos mystifiziert.

"Familie", wie der Abend im NT Gent schlicht betitelt ist, wird von einer echten Familie gespielt, die etwas anders zusammengesetzt ist als das Vorbild. Nicht vier erwachsene Menschen erhängen sich am Schluss vor Publikum, sondern das Schauspielerehepaar An Miller und Filip Peeters mit ihren jungen Töchtern Leonce und Louisa. Und was dieses "authentische" Familienquartett in den knapp zwei Stunden Nachtstück mit Vogelgezwitscher auf Anweisung Milo Raus spielt, das verweigert sich systematisch jeder Logik eines geplanten und verschworenen Abgangs aus dem Leben.

Papa kocht Seefrüchte, Mama macht sich schön, die Töchter fragen sich Englisch-Vokabeln ab, was man alles fast ausschließlich auf einer großen Leinwand über der Bühne sieht. In dieser ereignislosen Alltäglichkeit zwischen Küchenschürze, Zimmerpflanzen und Familienvideos aus dem Skiurlaub in Österreich (Ausstattung: Anton Lukas und Louisa Peeters, die ältere Tochter) verplempert sich die Zeit.

Natürlich ist diese sehr langweilige Normalität aufgeladen mit Ahnung. Jeder Zuschauer weiß, dass die freundliche und zuneigungsvolle Kleinfamilie gerade ihr letztes Abendmahl einnimmt, und wer es nicht ahnt, wird von den eingeblendeten Zwischentiteln darüber belehrt. Doch alles, was die Regie des "einflussreichsten, ausgezeichnetsten, interessantesten und ambitioniertesten Künstlers unserer Zeit", wie Milo Rau sich allen Ernstes im Programmheft vorstellen lässt, aus dieser Situation macht, ist, den Zusammenhang zwischen dem Dargestellten und dem zu Erwartenden systematisch zu zerreißen. Die sympathische Familie breitet in kurzen Zwischenszenen zur langatmigen Banalität, die Milo Raus Theaterfernsehen dem Publikum zumutet, einfach die normalsten aller Sorgen aus, die nirgends auf Lebensmüdigkeit hindeuten.

Der Schauspielervater bereut seine häufige Abwesenheit, die ihn seinen Töchtern entfremdet hat. Die Mutter erzählt, dass sie ihre Töchter zu starken Frauen erziehen will. Diese unterhalten sich darüber, ob das Küssen eines Jungen schon bedeutet, dass eine feste Beziehung besteht. Wie in einem schlicht gestrickten Horrorfilm, der sich lange an fassadenhafter Kleinbürgeridylle weidet, um dann das Böse um so blutiger einbrechen zu lassen, basiert das Spannungskonzept von "Familie" auf dem Bewusstsein des zu erwartenden Schreckens.

Man quält sich mit den Todgeweihten durch ihre letzte Stunde und den ansteigenden Pegel an Sentimentalitäten, fett untermalt mit manipulativer Moll-Musik von Leonard Cohen und Jean-Philippe Rameau, erhält aber nicht den kleinsten Hinweis auf das Warum. Und das ergibt im Resultat eine Form emotionaler Erpressung ohne Erkenntnisgewinn, denn die Empathie des Zuschauers wird speziell durch die Anwesenheit der beiden lieben Mädchen gequält, nur um schließlich die steile These illustriert zu bekommen, eine Tat wie die der Demeesters brauche keine Gründe.

Das nun ist im speziellen Fall wie im allgemeinen Kontext vollkommener Quatsch. Die Demeesters litten offensichtlich unter schweren Depressionen, wie man in Zeitungsartikeln über den Fall nachlesen kann. Und für eine halbwegs analytische Betrachtung von destruktiven psychosozialen Prozessen ist Milo Raus kontralogische Verlaufsbeschreibung einer suizidalen Tendenz des Alltags völlig unbrauchbar und nur auf Schauereffekt hin inszeniert.

Der gleiche Regisseur, der 2016 mit seinem Erfolgsstück "Five Easy Pieces" über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux das beeindruckende multiperspektivische Porträt einer ganzen Gesellschaft und ihrer verborgenen Traumata gezeichnet hatte, tritt hier einfach auf die Gefühlstube, bis sie leer ist.

© SZ vom 07.01.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite