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Familienkömodie:Kinder an der Macht

Der Familientherapeut rät: „Man muss das Paar befreien vom Mythos der spontanen Sexualität“ – Eric Bergkraut spielt sich selbst als Vater, die Schauspielerin Elisabeth Niederer ist die Mutter.

Das Schweizer Ehepaar Ruth Schweikert und Eric Bergkraut hat einen Spielfilm mit den eigenen drei Söhnen gedreht. "Wir Eltern" zeigt ihre erzieherische Überforderung als Komödie.

Von Martina Knoben

Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend." Ein Zitat von Mark Twain, dem Eltern, zumal von Pubertierenden, vermutlich spontan zustimmen möchten. Die Szenen am Anfang dieser Familienkomödie dürften ihnen bekannt vorkommen, vom morgendlichen Zombiezustand der Halbwüchsigen über eine Spur nasser Handtücher im Bad bis zu zermürbenden Dialogen wie diesem: "Romeo, nimm die Kopfhörer ab!" - "Waaas?"

Der spätpubertäre Protagonist, der sich hinter einem Wall aus Musik verschanzt, wird von Ruben Bergkraut gespielt, dem Sohn des Regisseurs. Neben ihm sind seine Brüder Elia und Orell Bergkraut zu sehen. "Wir Eltern" ist eine Homestory, die vom Schweizer Ehepaar Ruth Schweikert und Eric Bergkraut frei nach eigenen Erlebnissen gedreht wurde, in den eigenen vier Wänden, mit den eigenen drei Söhnen. Auch der Papa spielt sich selbst, nur die Mutter wird von der Schauspielerin Elisabeth Niederer verkörpert.

Nach knapp vier Monaten Homeschooling und Home-Office trifft "Wir Eltern" einen Nerv. Wie beim Zahnarzt: die Vitalitätsprüfung ist positiv, wenn es wehtut. Der Witz des Films ist fies, die Story gerät immer wieder ins Groteske. Dass Eltern und Kinder Freunde sein können, diesem gängigen Erziehungsirrtum sitzen die Autorin Schweikert und Regisseur Bergkraut nicht auf. Schon der Titel ihres Films macht die Erzählperspektive deutlich: Hier geht es nicht um das Coming of age der Söhne, ihre Suche nach Sinn und Ziel im Leben, sondern um die Krise ihrer Erziehungsberechtigten.

Der Junge, der im Film Romeo heißt, hat sich nach dem Abitur eine "Auszeit" genehmigt, sein Zwillingsbruder Anton muss das Abitur erst noch schaffen. Beide aber verpennen den halben Tag, zocken stundenlang am Familienfernseher ("Könnt ihr mal ruhig sein, ich versuche zu gamen") und kiffen so viel, dass sich die Hausverwaltung über die Reste der Joints vor der Wohnung beschwert. Die Eltern werden als Dienstleister verstanden, das Zuhause als Serviceunternehmen, in dem der "Kunde" - das Kind - König ist. Der bildungsbürgerliche Hintergrund und Anspruch der Eltern machen die Sache nicht leichter. Abi muss sein - und wenn es die Eltern selber schreiben! Zu den fiesesten und komischsten Drehbucheinfällen gehört, dass Vater und Mutter unabhängig voneinander Exposés für Antons Abiturarbeit verfasst haben. Gönnerhaft hört sich der Junge die elterlichen Vorschläge an.

Reale Erziehungsexperten geben der fiktiven Filmfamilie gute Ratschläge

Die beiden wollen nur das Beste für ihre Kinder, aber verzweifeln zunehmend an der Familiendynamik. Schließlich sind die "Kinder" eigentlich erwachsen (und spielen ihre Volljährigkeit im Bedarfsfall auch aus), übernehmen für das Zusammenleben und den Haushalt aber so viel Verantwortung wie ein Grundschüler. Appelle an die Einsicht der Jugendlichen verpuffen ebenso wie ein Strafpunktesystem, das sich die Mutter ausdenkt, an dessen Ende die Drohung des Rauswurfs steht. Romeo und Anton denken nicht daran, das "Hotel Mama" (das eher ein "Hotel Papa" ist, weil die Mutter politisch sehr aktiv ist) zu verlassen. Verzweifelt beschließen die Eltern einen radikalen Schnitt.

"Die Kleinfamilie ist heute hoffnungslos überfordert", meldet sich in der Krise der berühmte Kinderarzt und Autor von Erziehungsratbüchern Remo Largo zu Wort. Die Eltern haben sich Rat bei Experten geholt, neben Largo sind das die Schweizer Journalistin und Initiatorin des Mamablogs Michèle Binswanger und der Familientherapeut Henri Guttmann. Sie sagen: "Der Mensch ist ein faules Tier. Wenn die Zwillinge jetzt nicht mit einem regelrechten Fußtritt rausgeschmissen werden, dann bleiben sie noch lange." Oder, ebenso wahr: "Kinder haben heutzutage zu viel Macht, weil sie den Glücksanspruch der Eltern erfüllen sollen."

Es sind Analysen einer Gesellschaft, die Kinder unter enormen Druck setzt, nicht nur das Leben der Eltern mit Sinn zu erfüllen, sondern auch im flott rotierenden Hamsterrad von Schule und Berufsfindung zu bestehen. Die Aussagen der Experten sind nicht neu - illustriert mit der entgleisten Eltern-Kind-Beziehung im Film aber sind ihre Diagnosen besonders überzeugend. Dass die Helfer im Bad, im Wohn- oder Kinderzimmer der Familie auftauchen, lässt sie außerdem wie Freunde wirken, die gute Ratschläge geben. Die Mischung aus Dokumentarischem und Fiktion wirkt so beinahe natürlich.

"Wir Eltern" entstand an nur fünfzehn Drehtagen für den 2018 eingerichteten Wettbewerb "Fast Track" der Zürcher Filmstiftung. "'Quick and dirty", so der Filmverleih, sollten die geförderten Filme werden. Tatsächlich wirkt "Wir Eltern" ausgesprochen homemade - auf eine sympathische Weise improvisiert und manchmal auch holprig. Das irritiert zu Beginn, weil das übliche Abtauchen in die Fiktion einfach nicht möglich ist. Stattdessen bleibt die Filmemacherfamilie in der Filmfamilie immer erkennbar, fühlen sich die Konflikte und Charaktere besonders "echt" an. Selbst die beiden Pubertiere, die im dauergestressten Blick der Eltern lange wie Monster wirken, wie Karikaturen ihrer selbst, dürfen am Ende zeigen, dass sie reale, vielschichtige Menschen sind. Junge Menschen mit einem eigenen Kopf. Mit denen man sogar reden könnte.

Wir Eltern, Schweiz 2019 - Regie, Buch: Eric Bergkraut, Ruth Schweikert. Kamera: Stéphane Kuthy. Schnitt: Bigna Tomschin. Mit: Elisabeth Niederer, Eric Bergkraut, Elia Bergkraut, Ruben Bergkraut, Orell Bergkraut und den Experten Remo Largo, Michèle Binswanger, Henri Guttmann. Verleih: W-Film, 94 Minuten.

© SZ vom 16.07.2020

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