Im Kino: "Falling" von Viggo Mortensen:Ein Bündel Hass

Kinostart - ´Falling"

Vater Willis (Lance Henriksen) und Sohn John (Viggo Mortensen) in "Falling".

(Foto: dpa/Prokino)

Vatermonster gegen Sohn: In seinem Regiedebüt "Falling" erzählt Viggo Mortensen von den Tücken der Demenz.

Von Tobias Kniebe

Als der Schauspieler Viggo Mortensen vier Jahre alt war, durfte er auf dem Schoß seines Vaters zum ersten Mal mit einer Schrotflinte schießen. Die beiden waren auf einer winterlichen Entenjagd im Moor, und während der Vater das Gewicht der Waffe hielt, spornte er den kleinen Viggo an, auf die fliegenden Vögel zu zielen und abzudrücken.

Gesagt, getan. Der Zufall wollte es, dass tatsächlich eine getroffene Ente vom Himmel stürzte. Klein-Viggo platzte fast vor Stolz, ging später mit ihr in die Badewanne, trocknete sie ab und bestand darauf, dass sie im Bett mit ihm schlafen sollte. Gegessen wurde sie am nächsten Tag trotzdem. Was er dann aber auch in Ordnung fand.

Diese Episode, die er vor Jahren einmal dem Talkmaster Conan O'Brien erzählt hat, findet sich als Rückblende in Viggo Mortensens Regiedebüt "Falling" wieder. Sie ist der einzige Moment echter Wärme zwischen einem Vater, der in der Gegenwart des Films schon alt und von Demenz befallen ist, und einem erwachsenen Sohn, der für ihn sorgen will. Und so unwahrscheinlich die Sequenz eigentlich ist, in ihren Details wirkt sie überzeugend. Wie das die Wahrheit im Kino manchmal so an sich hat.

Jesusgleich hält der Sohn dem Vater brav die andere Wange hin

Vom Rest des Films kann man das nicht unbedingt sagen. Denn als Autor ist Mortensen wild entschlossen, diesen alten Vater zu einer Art Monster zu machen. Fast jedes Mal, wenn der den Mund aufmacht, spuckt er schwulenfeindliche, frauenfeindliche oder rassistische Beschimpfungen, oft direkt gegen seinen Sohn oder seine verstorbenen Ehefrauen gerichtet. Bald sieht man in ihm nur noch diesen verhärmten, verkniffenen, Unrat hervorwürgenden Mund.

Unrat allerdings, der mit Verve geschrieben ist: oft sehr pointiert, gelegentlich bizarr komisch, gnadenlos sadistisch auf die Schwächen der anderen zielend. Der Schauspieler Lance Henriksen, der früher in den Filmen von Ridley Scott oder James Cameron eine schöne stoische Präsenz hatte, spielt das mit überzeugender Wucht. An den Schreiber dieses Tyrannen aber hat man irgendwann doch ein paar Fragen.

Wenn die alte Faustregel stimmt, dass ein Erzähler in all seinen Figuren steckt - und natürlich stimmt sie ausnahmslos immer -, hat Viggo Mortensen hier das leidenschaftliche Bedürfnis, unter dem Deckmäntelchen einer dementen Figur ganz schön viel Dreck abzulassen. Was auch dadurch nicht gebremst wurde, dass ihm kaum jemand Geld für den Film geben wollte. Es wurde dann eine Low-Budget-Produktion, alle haben für Mindestlohn gedreht.

Dann wiederum steckt der Erzähler Mortensen auch in der Figur des Sohnes, den er selber spielt. John, der kleine Entenjäger, ist später im Leben schwul geworden und lebt inzwischen in trauter Gemeinschaft mit einem Ehemann und einer adoptierten Tochter in Kalifornien. Es ist fast peinigend anzusehen, wie er all die Beschimpfungen und Erniedrigungen durch den Vater erträgt, ohne sich zu wehren oder den toxischen Alten seinem Schicksal zu überlassen. Jesusgleich offeriert er die andere Wange, aber so viele Wangen kann ein Mensch gar nicht haben, wie dieser seltsame Heilige hier zum Reinschlagen bereithält. Auf Dauer ist das ganz schön ermüdend.

Eine Idee scheint zu sein, dass man demente Familienmitglieder eben ertragen muss, weil sie für ihre Äußerungen nichts mehr können. Andererseits lässt die Demenz nur hervorsprudeln, was im Leben gewachsen ist, und so fragt man sich, wie aus dem Alten so ein Bündel reiner Hass werden konnte. Will "Falling" sagen, dass Entenjäger-Patriarchen von anno dazumal, die ihr Leben auf Farmen verbringen, so enden müssen? Dafür schleicht sich in die Farmbilder ganz schön viel Nostalgie ein, und das Stadtleben wirkt blass.

Viggo Mortensen hat im "Herrn der Ringe" bekanntlich den unbesiegbar souveränen Aragorn gespielt. Seither zelebriert er ein Image von Gelassenheit, buddhistischer Weisheit und liberaler Erweckung, das ihn in der Gegenwart zum Gott der Wokeness prädestiniert. Die Figur des Sohnes in "Falling" erzählt von genau dieser Sehnsucht, beim Schreiben des Films aber muss ihm aufgefallen sein, dass auch Flinten-Viggo von der Farm noch in ihm steckt - und alles, was der so mit sich schleppt.

Das Ergebnis wirkt wie ein spannender Blick ins Gehirn einer gespaltenen Persönlichkeit, in dem wilde Kräfte miteinander ringen. Nur nicht wie eine Geschichte, der man bis zum Schluss auch folgen kann. Denn eine solche müsste zuletzt doch auch Wunden zeigen, die irgendetwas erklären - eine Verletztheit des Vaters, die ihn so furchtbar werden ließ, und eine Liebesbedürftigkeit des Sohnes, die ihn so lange an ihn fesseln könnte.

Falling, USA 2020 - Regie und Buch: Viggo Mortensen. Kamera: Marcel Zyskind. Mit Lance Henriksen, Viggo Mortensen. Prokino, 112 Minuten.

© SZ/dbs
Zur SZ-Startseite

SZ PlusViggo Mortensen
:"Erzählen wollte ich diese Geschichte, um mich zu erinnern"

Wie ist es, die eigene Mutter oder den eigenen Vater beim Sterben zu begleiten? Viggo Mortensen hat seine Eltern gepflegt, die beide an Demenz erkrankt waren. Seine Erfahrungen hat er in seinem Regiedebüt verarbeitet.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB