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Fall Dieter Wedel:Sender überprüfen alte Wedel-Produktionen auf Übergriffe

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Die schwerwiegenden Vorwürfe gegen Dieter Wedel lassen deutsche Sender und Produktionsfirmen ihre gemeinsame Geschichte mit dem Regisseur aufarbeiten. Wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, hat die Bavaria Film, eines der größten deutschen Filmstudios, ein Rechercheteam gegründet, das bereits eine Stab- und Besetzungsliste der Wedel-Filme erstellte. Das Münchner Unternehmen hat drei Filme des TV-Regisseurs produziert: "Der König von St. Pauli" (1997), "Die Affäre Semmeling" (2001) und "Gier" (2009).

Nachdem im Archiv des Saarländischen Rundfunks (SR) Hinweise auf mögliche Vorfälle bei den Dreharbeiten zur Serie "Bretter, die die Welt bedeuten" aufgetaucht sind, soll das Team prüfen, ob es bei der Bavaria ähnliche Dokumente gibt. Der Ombudsfrau des Unternehmens lägen bisher keine Vorwürfe vor, so der seit 2014 amtierende Bavaria-Chef Christian Franckenstein im Spiegel. "Es gilt die Unschuldsvermutung. Aber als Produzent haben wir eine moralische Verantwortung."

Nach den Vorwürfen gegen Wedel sichtet auch der Norddeutsche Rundfunk (NDR) seine Unterlagen auf mögliche Hinweise sexueller Übergriffe. "Derzeit wird geprüft, ob sich in den Produktionsunterlagen von damals Hinweise auf entsprechende Vorkommnisse im Zusammenhang mit Wedel-Produktionen finden", sagte ein NDR-Sprecher. Auch der SR sucht Aufklärung. Eine Rechercheeinheit des Senders und eine Task-Force unter Leitung des Senderjustiziars sichtet momentan die Akten. Das Ziel sei, sagte SR-Sprecher Peter Meyer der SZ, "die Systeme, Mechanismen und Verhaltensweisen auszuleuchten", um für die Zukunft "Kontrollmechanismen sowie eine Atmosphäre der Transparenz und des Miteinanders zu schaffen".

Die Intendanten der ARD wollen sich bei ihrer Sitzung Anfang Februar ebenfalls mit dem Thema sexuelle Belästigung befassen. Die ARD nehme die Diskussion um Missbrauchsvorwürfe sehr ernst, teilte der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm mit. "Unsere Mitarbeitenden müssen vor Übergriffen und Sexismus geschützt sein; sexuelle Belästigung und Ausnutzung von Machtpositionen können wir nicht dulden." Nur eine Kultur des Vertrauens führe dazu, dass Betroffene sich öffnen - ohne Sorge vor Nachteilen, betonte Wilhelm.

Anfang Januar hatten Schauspielerinnen im Zeit-Magazin schwere Vorwürfe gegen Dieter Wedel erhoben. In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit berichten weitere Frauen von sexuellen Übergriffen durch Wedel. Sie werfen dem deutschen Regisseur Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und Mobbing am Filmset vor. Die Zeit zitiert in ihrem Dossier aus einem Brief, dass Handgreiflichkeiten "infolge versuchter sexueller Kontakte" seinerzeit beim SR aktenkundig wurden.

Wedels Anwalt Michael Philippi sagte der Tagesschau, der Regisseur könne wegen seiner Gesundheitsprobleme derzeit nicht Stellung zur Berichterstattung beziehen. Nach einer Herzattacke liegt Wedel seit Anfang der Woche im Krankenhaus.

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