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Faktentreue:Wahrheit in der Fiktion

"Spotlight"-Drehbuchautor Josh Singer (Mitte) und Darsteller Mark Ruffalo (rechts) auf der Bühne des Dolby-Theaters.

Für jeden eine Statue: "Spotlight"-Drehbuchautor Josh Singer (Mitte) und Darsteller Mark Ruffalo (rechts) auf der Bühne des Dolby-Theaters.

(Foto: AFP)

Nur weil der neue Chefredakteur Martin Baron die Brisanz des Skandals erkannte, arbeitete sich das "Spotlight"-Team dann doch in den Fall ein. Baron, heute Chefredakteur der Washington Post, bescheinigt dem Film einen hohen Wahrheitsgehalt, obwohl er sich selbst nicht immer als schmeichelhaft dargestellt empfindet: "Liev Schreiber (der Baron-Darsteller im Film, Anm. d. Red.) zeigt mich ... als stoischen, humorlosen und etwas sturen Kerl, den viele meiner Kollegen sofort erkennen, der meinen besten Freunden aber sicher etwas fremd ist."

Doch er müsste ein noch viel größerer Griesgram als im Film sein, wenn er sich über den Film ernsthaft beschweren wollte, schreibt Baron weiter. Regisseur Tom McCarthy und Drehbuchautor Josh Singer hätten das Geschehen in einer Weise durchleuchtet, wie er es noch nie erlebt habe. "Sie führten scheinbar endlose Gespräche mit Journalisten, Rechtsanwälten, Opfern, Experten und Bostoner Bürgern über das Thema kirchlichen Missbrauchs.... Tom und Josh wussten mehr über die Vorgänge beim Globe als ich."

Baron erinnert allerdings auch daran, dass "Spotlight" keine Dokumentation ist, sondern ein Spielfilm. Im Großen und Ganzen stelle der Film den Gang der Dinge zutreffend dar - doch er stenografiere nicht jedes Gespräch und jede Begegnung mit. "Das Leben entfaltet sich nicht so geradlinig wie in einem Zwei-Stunden-Film, der neue Figuren und Sachlagen kohärent zusammenfügen muss."

Aber selbst bei seinen fiktiven Elementen ist der Film keineswegs dazu angetan, Geschichtsklitterung zu Gunsten seiner Helden zu betreiben: In einer Szene macht ein dubioser Opferanwalt die "Spotlight"-Redakteure darauf aufmerksam, dass er ihnen schon vor Jahren eine Liste mit den Namen 20 pädophiler Priester zugesandt habe, doch damals habe der Boston Globe das weitgehend ignoriert.

Pulitzer-Preisträger mit Fehlern

Ganz genauso habe es sich nicht zugetragen, sagt "Spotlight"-Teamchef Walter Robinson dem Unterhaltungsmagazin Entertainment Weekly. Das Gespräch sei Fiktion und bringe doch zutreffend die Fehlbarkeit zum Ausdruck, die es auch bei den Medien gebe: "Wie jeder Journalist, der so lange wie ich unterwegs ist, habe ich einen Beitrag zu den vielen Fehlern geleistet, die gemacht werden."

Wenn ein Film bei einem Pulitzer-Preisträger so viel Demut bewirkt, dann hat die Academy in diesen hysterischen Zeiten wohl etwas richtig verstanden.

© SZ.de/doer
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