Netznachrichten:Das ganze Leben gefilmt

Netznachrichten: Der KI das Sehen beibringen: Egocentric 4D Live Perception (Ego4D) ist eine Datensammlung aus mehr als 2000 Stunden Bewegtbild. Ein paar Hundert Freiwillige haben dafür ihren Alltag gefilmt.

Der KI das Sehen beibringen: Egocentric 4D Live Perception (Ego4D) ist eine Datensammlung aus mehr als 2000 Stunden Bewegtbild. Ein paar Hundert Freiwillige haben dafür ihren Alltag gefilmt.

(Foto: The University of Bistol)

Facebook will KI lehren, durch unsere Augen zu sehen, dafür haben Hunderte Freiwillige ihren Alltag aufgezeichnet. Die Technik könnte in Augmented-Reality-Brillen eingesetzt werden. Wollen wir das?

Von Michael Moorstedt

Facebook mal wieder. Das Unternehmen, war in der Technikpresse und entsprechenden Blogs zu lesen, wolle, dass "Maschinen die Welt durch unsere Augen sehen". Brrr. Bei näherem Hinschauen steckt hinter den Grusel-Teasern zunächst nicht mehr als Grundlagenforschung visueller Computersysteme. Bisher erschließen sich KIs, die Bilder interpretieren sollen, die Welt durch den massenweisen Konsum von annotierten und verschlagworteten Fotos. Sie sehen die Welt als Zuschauer, nicht als Akteur. Dumm nur, dass man so nicht durch die Welt geht. Weder Menschen noch mehr oder weniger smarte Maschinen haben die Perspektive des Außenstehenden, stattdessen befinden sie sich mitten in ihr, mit all den auf sie einprasselnden Eindrücken.

Statt der bisherigen Methode will Facebook nun ein neuartiges Datenset benutzen, das aus mehr als 2000 Stunden Bewegtbild besteht. Ein paar Hundert Freiwillige aus neun Ländern haben die Verrichtung ihres Tagwerks gefilmt. Aufgenommen wurden die Videos mit handelsüblichen Actionkameras, wie sie auch Skifahrer oder Mountainbiker auf ihren Helmen montieren. Statt mit fein säuberlich dargelegten Situationen muss die Software also nun mit Bewegungsunschärfe und eingeschränkten Blickwinkeln arbeiten. Ego4D hat man die Datensammlung genannt. Klingt bereits nach Action-Game, hat aber, wie Projektleiterin Kristen Grauman erklärt, handfeste Ziele: "Die Ego4D-Aufgaben drehen sich darum, zu verstehen, wie eine Person mit ihrer Umwelt, Objekten und anderen Menschen interagiert."

Potenzial, diese Technologie zu missbrauchen, gibt es reichlich

Eingesetzt werden könnte die Technik etwa in Augmented-Reality-Brillen, wie jener, die Facebook zufälligerweise erst letzten Monat vorgestellt hat. Dem Unternehmen erscheint die eigene Marke inzwischen derart negativ besetzt, dass man sich bei der Vermarktung dafür entschieden hat, den Namen des Brillenherstellers prominent zu erwähnen. Das ändert freilich nichts an dem zugrundeliegenden Geschäftsmodell. Die Praxis, so gut wie alle Daten der Nutzer auf Werberelevanz hin zu analysieren, würde so vom Online-Dasein auch auf die Offline-Welt übertragen werden.

Bei Facebook hat man sich auch schon allerhand Anwendungen für Ego4D erdacht. Da wäre etwa ein "episodisches Gedächtnis", das helfen könnte, verlorene Dinge wiederzufinden. Auch denkbar wäre ein "audiovisuelles Tagebuch", man könnte also Konversationen aufzeichnen.

Auf der einen Seite würde man Facebook also jeden wachen Moment speichern lassen - aber immerhin nie mehr seine Schlüssel verlegen. Klingt nach einem fairen Deal? Potenzial, diese Technologie zu missbrauchen oder mindestens für ungute Zwecke einzusetzen, gibt es also reichlich. Immerhin sprechen wir hier von Facebook.

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