Fabian Hinrichs im Deutschen Schauspielhaus Solo für Nervensäge

Fabian Hinrichs hat als Gisbert Engelhardt im Münchner "Tatort" präzise die Sehnsucht der Zuschauer getroffen. Mit seiner herrlich nervigen Art wird er wohl trotzdem kein deutscher TV-Star. Denn für den Humor des deutschen Fernsehens stellt er zu intelligente Fragen, zum Beispiel in seinem neuen Theater-Monolog "Ich. Welt. Wir."

Von Till Briegleb

Es heißt, dass man die Mentalität eines Landes an seinen Film- und Fernsehstars erkennt. Nur in Deutschland ist das anders. Da erkennt man die Mentalität an dem Gejammer darüber, dass deutsche Berühmtheiten nichts taugen. Eigentlich gelten die Damen und Herren, die für Quote sorgen, weitgehend als Pseudos. Als Eierkocher-James-Bond wie Til Schweiger, als blaustrümpfige Eisblumen-Walküre wie die Vroni oder als humoristische Berufsunfälle mit dem Ethos des schlechten Benehmens wie der Bohlen Dieter.

Ein "Star" in Deutschland zu sein, bedeutet, mit dem ständigen Gefühl leben zu müssen, nur für die Quote zu taugen. Also stellt sich doch die Frage, ob wir Deutschen einfach so neidisch und gemein sind, wie unsere Celebrities vermutlich glauben, oder ob unsere Filmerzeugnisse nicht doch einfach mal andere Schauspielstars vertragen könnten.

Ausgerechnet ein "Tatort", dieses sonntägliche Ersatzgebet an die deutsche Befindlichkeit, sorgte vor einigen Wochen an diesem Punkt für Diskussionsstoff Nein, nicht der mit Til Schweiger der das alte Dilemma nur erneuert hat, sondern der mit Fabian Hinrichs, ein Münchner "Tatort" mit dem bezeichnenden Titel "Der tiefe Schlaf".

Als fingertrommelnde Nervensäge mit herzlich schrägen Verhaltensauffälligkeiten lebte der neue Partner von Batic und Leitmayr, Gisbert Engelhardt, zwar nur 60 Minuten, bevor er den Foltertod neben einer Bundesautobahn starb, aber diese Stunde war eben eine Sternstunde. Selten waren bezahlte und unbezahlte Rezensenten sich so einig darüber, dass der tiefe Schlaf des deutschen Star-Wesens hier einen heilsamen Alb geträumt hat: Fabian Hinrichs passte einfach nicht, und zwar im allerbesten Sinne.

Obwohl dies bereits Hinrichs dritte "Tatort"-Rolle war und er als Hans Scholl in Marc Rothemunds preisdekoriertem Drama "Sophie Scholl - Die letzten Tage" 2005 schon mal am echten Ruhm schnuppern durfte, sorgte erst Gisbert Engelhardt dafür, dass Hinrichs ein Heiland von Facebook wurde, wo seit Ende Dezember Tausende Klicker vom Bayrischen Rundfunk fordern, den Toten wiederauferstehen zu lassen.

Genug von den rundgelutschten Originalen

Das ungekünstelt Anstrengende dieser Figur hat ganz offensichtlich präzise eine Zuschauer-Sehnsucht getroffen, die genug hat von den rundgelutschten Originalen, wie sie deutsche Fernsehredakteure so lieben.

Aber Hinrichs ist ein Typ, der es nicht fertigbringt, dauernd die Nähe zu den Garanten des Erfolgs zu suchen, die vor allem den Kompromiss lieben. Er stellt in Interviews dem deutschen Filmschaffen ein ehrliches Zeugnis aus, auch, wenn seine Agentur darüber verzweifeln mag: "Man sieht beim deutschen Film eigentlich nur die Bremse, das Malen nach Zahlen."

Und trotz seines persönlichen Erfolgserlebnisses erkennt er "keine Möglichkeit, etwas zu verändern, vollkommen ausweglos. Ich bin frustriert, alle sind frustriert."

Hinrichs hat dieses Selbstbewusstsein, Tacheles zu reden, in einer Theatertradition entwickelt, auf die deutsche Caster in der Regel nur kopfschüttelnd herunterblicken: Das intelligente Gestörtentheater von Frank Castorf, René Pollesch, Schorsch Kamerun oder Christoph Schlingensief, mit denen Hinrichs arbeitete, seit er 2000 von der Schauspielschule an die Volksbühne Berlin engagiert wurde.

Diese Lehre macht in zwar so auffällig gut und eigen, aber das disqualifizierte ihn bisher eher für den Beruf eines deutschen Stars.

"Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen", der Titel von Fabian Hinrichs zweitem selbstgebastelten Soloabend, der nun am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere hatte, sagt eigentlich schon alles darüber, warum er es vermutlich auch weiter schwer haben wird, den "Bambi" zu gewinnen. Denn wenn man ihn das machen lässt, was er am Besten kann, dann gibt Hinrichs einen satirischen Barfußprediger, der mit seiner Suche nach einer neuen Ernsthaftigkeit nervt.

Herrlich nervt, wohlgemerkt. Seine besten Abende hatte er immer, wenn Regisseure wie Schorsch Kamerun oder René Pollesch ihn von der Leine ließen, zuletzt auch gerne ganz allein, wie in den Soloperformances "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang" oder "Kill your Darlings", für die Hinrichs einige Theaterauszeichnungen gewann.

Dann tigert Hinrichs über die große leere Bühne, spielt schelmisch grinsend mit dem Publikum und macht sich in überdehntem Deklamieren Gedanken über die Seele.

In Hamburg hat Hinrichs' Ansprache nun endlich die perfekte Form gefunden: ein Gottesdienst ohne Gott. In langer Unterwäsche, begleitet von einem Sitarspieler schlüpft Hinrichs in verschiedene Guru-Positionen. Unter einem bedrohlich leuchtenden kosmischen Auge und umstellt mit Pappkonterfeis von Schopenhauer, Gründgens, Freud, Sloterdijk und anderen Geistesgrößen schlägt er den Gong und ruft: "Ich suche ein Tor gegen den Schmerz, ein moderner Mensch sein zu müssen."

Im Bett mit Adorno erklärt er: "Wir haben uns totgedacht." Hildegard von Bingen wird von der Bühne getreten, weil sie nur reiche Frauen in ihr Kloster aufgenommen hat. Und zwischen Morrissey und Goebbels erklärt der Prediger die neuesten Thesen zur Männlichkeitsdressur: "Wir müssen hart werden, das ist unser Schicksal. Wenn diese Selbstverhärtung nicht gelingt, wird man depressiv und sehnt sich nach einem milderen Klima."

Sein Humor hat etwas von Buße

Das ist nicht der Humor des deutschen Fernsehens. Und zwar gar nicht mal wegen der absurden Manier, sondern weil Hinrichs die Dinge nicht denunziert, über die er scherzt.

Tatsächlich lebt ein Abend wie "Ich. Welt. Wir." von der Schwebe zwischen Botschaft und Boshaftigkeit. Philosophie und Esoterik als Gegenstand zu wählen, um spielerisch über die menschliche Verlorenheit zu scherzen, zeugt bei Hinrichs von ernsthafter Auseinandersetzung.

Jede vorschnelle Verurteilung von Sonderlichkeiten ist diesem fröhlichen Franziskus ein Gräuel, und sein Humor hat etwas von Buße, das versprochene Heil leider nicht wirklich glauben zu können. Im Gegensatz zum Popstatus, den Glauben heutzutage annimmt, ist Hinrichs' assoziatives Herumstreunen in der Geistesgeschichte getrieben von tiefem Interesse.

Schwer vorstellbar also, wie ein so geformter Charakter neben Christine Neubauer oder Stefan Raab auftritt. Und deswegen wird es wohl auch nichts mit den neuen Stars. Denn um die Qualität eines Fabian Hinrichs wirklich herauszustellen, müsste man die Branche dem Schauspieler anpassen, und nicht ungekehrt. Über diese Konsequenz befindet sich das deutsche Qualitätsfernsehen offensichtlich noch immer im Tiefschlaf.