Faber-Castell Preis für Zeichnungen:Unvergesslich in einer spektakelsüchtigen Szene

Es wirkt fast widersinnig, im Jahr 2012 einen internationalen Preis für Zeichenkunst auszuloben. Doch das so flaue Projekt Faber-Castell Preis hat nicht nur eine sehenswerte Ausstellung in Nürnberg verursacht, sondern mit Trisha Donnelly auch eine herausragende Künstlerin ausgezeichnet.

Catrin Lorch

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Sevda Chkoutova, Weibsbild 20, 2009 © Katalog.

Quelle: Sevda Chkoutova, Weibsbild 20, 2009 © Katalog.

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Es wirkt fast widersinnig, im Jahr 2012 einen internationalen Preis für Zeichenkunst auszuloben. Doch das so flaue Projekt Faber-Castell Preis hat nicht nur eine sehenswerte Ausstellung in Nürnberg verursacht, sondern mit Trisha Donnelly auch eine herausragende Künstlerin ausgezeichnet. Von Catrin Lorch.

Wer Kunst noch nach Gattungen sortiert, wirkt heute altvorderlich; die klassische Einteilung Skulptur, Malerei, Zeichnung gilt seit dem vergangenen Jahrhundert als überholt. Weil auch technische Medien wie Fotografie und Video lange schon zum Kanon gehören und inzwischen überhaupt jedes Material als kunsttauglich gilt, vor allem aber, weil die Künstler an Sparten nicht einmal mehr so weit interessiert sind, dass sie diese überwinden wollen.

Insofern wirkt es fast widersinnig, im Jahr 2012 einen internationalen Preis für Zeichenkunst auszuloben, wie er gerade in Nürnberg erstmals vergeben wurde. Dass hier mit Stiften um die Auszeichnung gefochten werden soll, rechtfertigt sich einzig aus der Position des Preisgebers: Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell stellt Stifte her und kann in der Firmenchronik darauf verweisen, dass unter anderem van Gogh, Munch und Beuys mit den Produkten der Firma nicht ungeschickt gearbeitet haben. Man fühlt sich dem Medium verpflichtet - und hat bis in die neunziger Jahre hinein auch schon Stipendien an ,,Stadtzeichner'' vergeben.

Doch das so flaue Projekt hat nun nicht nur eine sehenswerte Ausstellung in Nürnberg verursacht, die mit den fünf Nominierten - zu ihnen gehören Jorinde Voigt, Paulina Olowska, Sabine Moritz und Sevda Chkoutova - tatsächlich ein aussagekräftiges Spektrum von Arbeiten auf Papier versammelt. Der Preis kann auch eine herausragende Künstlerin als erste Trägerin verzeichnen: die im Jahr 1974 in San Francisco geborene Trisha Donnelly. Was auch insofern spannend ist, als jetzt zwei Städte in der bundesdeutschen Provinz - nämlich Nürnberg und Kassel - aktuelle Arbeiten dieser Ausnahme-Künstlerin zeigen, die vor allem eins sind: rar.

Text: Catrin Lorch/SZ vom 13.07.2012

Im Bild: Sevda Chkoutova, Weibsbild 20, 2009 © Sevda Chkoutova / courtesy of Neues Museum Nürnberg.

"Internationaler Faber-Castell Preis für Zeichnung" im Neuen Museum in Nürnberg bis zum 21. Oktober. Der Katalog kostet im Museum 20 Euro.

Trisha Donnelly, Titel auf Nachfrage (Detail), 2002 © Katalog.

Quelle: Trisha Donnelly, Titel auf Nachfrage (Detail), 2002 © Katalog.

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Dass Werke von Trisha Donnelly schwer dingfest zu machen sind, sich spröde und abweisend nur sporadisch zeigen, dann aber mit seltener Wucht und ungebrochenem Pathos, hat dazu geführt, dass diese Werke sogar im kurzen Gedächtnis der spektakelsüchtigen Galerienszene als unvergesslich gelten. Spätestens seit sie im Jahr 2000 in napoleonischer Uniform auf einem Pferd in die New Yorker Casey-Kaplan-Galerie einritt und dort theatralisch eine Kapitulation verlas. Dass sie danach vergleichbar theatralische Auftritte vermieden hat, ja nicht einmal eine ähnlich akklamatorische Ausstellung folgen ließ, deutet an, dass dieses Werk in berechnender Ruhe weiter auszugreifen gedenkt.

Wer Einladungskarten und Ankündigungen als Versprechen begreift, kann sich seither von Trisha Donnelly betrogen fühlen: Möglich, dass das Publikum nach der Verleihung des Central-Preises vor einigen Jahren in Köln in dem Bewusstsein nach Hause ging , etwas verpasst zu haben. Während man beim Festdinner saß, durchquerte, angeblich, ein schwarzes Pferd den darunter liegenden Ausstellungs-Saal; in den Steigbügeln sollen die Stiefel eines Cowboys verkehrt herum eingesteckt gehangen haben, ein Totenritual aus dem amerikanischen Westen, von dessen Wucht und Pathos jedoch nur wenige Zeugnis ablegten, und auch die äußerten sich widersprüchlich. Auf der Biennale in Yokohama im Jahr 2008 bestand Donnellys Auftritt dann tatsächlich nur noch in der enigmatischen Ankündigung, sie werde während der Laufzeit in Hakone arbeiten.

Doch ausgerechnet in Deutschland erhält diese Kunst jetzt zwei Adressen: In Kassel zeigt Donnelly während der Documenta einen abstrakten Film. Für Nürnberg hat sie sogar mit dem Stift auf Papier gearbeitet. Die eng gestrichelten, lose umrissenen Motive, die auf dem Blattweiß liegen, als seien sie Tretminen, sind zwar absolut unidentifizierbar - aber beileibe nicht abstrakt. Sie wirken eher so, als habe Donnelly auf dem Papier einen Ort markiert für etwas, dessen Dimensionen sich noch nicht ganz gezeigt haben. Dass sie auf eines der Motive noch ein Videobild projiziert, hält die Figur-Grund-Konstellation am Schweben: Die Leere ist eine Möglichkeitsform, und Trisha Donnelly arbeitet damit, als arbeite sie am Zeilenfall eines Gedichts, das ja auch mehr ist als Bleistift auf Papier.

Im Bild: Trisha Donnelly, Titel auf Nachfrage (Detail), 2002 © Trisha Donnelly / courtesy of Neues Museum Nürnberg.

Sevda Chkoutova, Narzisse, 2009 © Katalog.

Quelle: Sevda Chkoutova, Narzisse, 2009 © Katalog.

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In ihrem Katalog-Essay über Jorinde Voigt erinnert Lisa Sintermann daran, dass auch so konzeptuelle Werke wie die Diagramme von Mark Lombardi, John Cages musikalische Großformate oder Hanne Darbovens Etüden mit Stiften auf Papier gesetzt wurden. Voigt überträgt den Lärm indonesischer Straßen oder das Wachstum von Pflanzen in Grafik: Die mit der Realität verschränkten Partituren belegen, dass, wer zeichnet, leichterhand sogar zu einer Figuration zurückfindet, die intelligenter ist als die Motivbegründungen der aktuellen Malerei. Wie auch die konzeptuell angelegten Kinderbilder der Bulgarin Sevda Chkoutova, die mit aller Virtuosität gegen den Zeitmangel, gegen die ewigen Unterbrechungen arbeitet, die das Familienleben ihrem Werk zumutet. Ihre 24-Stunden-Serie bildet als immer wieder abreißender Zeichenstrom - Teddybär, Eimer, Koffer, Hausfrau, Geschirr - auch alle Wut und Frustration ab. Skizzen, die intimer und aufrichtiger sind als die so verbreiteten Video-Dokumentationen und Foto-Tagebücher, von denen man befürchten musste, sie würden eines Tages die Aufzeichnungen mit Stift und Block ersetzen.

Im Bild: Sevda Chkoutova, Narzisse, 2009 © Sevda Chkoutova / courtesy of Neues Museum Nürnberg.

Sabine Moritz, Gelände I, 2004, © Katalog.

Quelle: Sabine Moritz, Gelände I, 2004, © Katalog.

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Solche Setzungen, wie auch die Arbeiten der anderen Nominierten - unabhängig voneinander schlugen die fünf internationalen Kuratoren nur Frauen vor -, zeigen, dass die Zeichnung einerseits keine eigene Kategorie mehr ist, dass vielleicht aber gerade deswegen umso interessantere Zeichnungen entstehen.

Im Bild: Sabine Moritz, Gelände I, 2004, © Sabine Moritz / courtesy of Neues Museum Nürnberg.

Paulina Olowska, Janosik, Actress from a Puppet Theater, 2011 © Katalog.

Quelle: Paulina Olowska, Janosik, Actress from a Puppet Theater, 2011 © Katalog.

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Wer jetzt noch zeichnet, stellt sich in Traditionen, die zuweilen nichts mehr mit Zeichenkunst zu tun haben, sondern mit Technik, Statistik und Wissenschaft. Dennoch wird aus dieser Preisschau kein Fanal. Vielmehr liegt ihre Stärke darin, dass man der unvorhersehbaren Auswahl internationaler Nominatoren mit allem Aufwand eine Bühne bereitet hat, die auch sperrige, eigenwillige Auftritte trägt.

Im Bild: Paulina Olowska, Janosik, Actress from a Puppet Theater, 2011 © Paulina Olowska / courtesy of Neues Museum Nürnberg.

© SZ vom 13.07.2012/ihe
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