Exzesse gegen kulturelles Erbe des Islam:Schiitische Heiligtümer als "heidnische Tempel"

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Aber natürlich treibt die Radikalen auch ideologischer Furor - gegen die Häretiker, die Heiden, kurz: alle anderen. In Mosul besetzten sie die chaldäische Kirche, rissen die Kreuze und eine Heiligenstatue herunter und hissten ihre schwarze Flagge.

Verglichen mit der Aggression gegen die eigenen islamischen Heiligtümer wirkt dies fast milde. Eine der ersten Anordnungen der Dschihadisten nach der Eroberung Mosuls war die Zerstörung der "heidnischen Tempel", sprich: der schiitischen Heiligtümer.

Wie viele Schreine und Moscheen die Dschihadisten im Irak in Schutt und Asche gelegt haben, ist kaum zu bestimmen. Wichtigstes Indiz ist, verdächtig genug, eine Fotoserie, mit der sie ihre Abrissoperation dokumentieren wollen. Danach zerstörten sie zehn Schreine oder Moscheen, mit Baggern und Sprengstoff, rissen Mauern ein, Minarette, goldene Kuppeln.

Der schiitische Saad-bin-Agil-Schrein und der sunnitische Ahmed-Al-Rifai-Schrein in Tel Afar gehören offenbar dazu, auch das als Heiligtum verehrte "Grabmal der Tochter" in Mosul, in dem eigentlich der arabische Historiker Ibn al-Athir al-Dschasari begraben sein soll.

Bis Samara wollen sie, wo die goldene Kuppel der schiitischen Moschee nach einem Anschlag 2006 noch immer restauriert wird, bis Nadschaf und Kerbala, den heiligsten Stätten der Schiiten. Aber ebenso verhasst wie jene sind ihnen die Sufis mit ihrem Mystizismus, ihrer Heiligenverehrung, ihrer entrückten Toleranz.

Nebeneinander der Kulturen in Gefahr

Mosul, Iraks zweitgrößte Stadt, ist die Hauptstadt der Provinz Niniveh und war einst Hauptstadt des assyrischen Imperiums. Im Jahrtausend vor Christus herrschten die Assyrer über ein Gebiet, das bis nach Ägypten reichte, und hinterließen wunderbare Statuen und Reliefs sowie den Ruf großer Grausamkeit.

Später war Mosul ein Zentrum des Kampfes gegen die Kreuzritter, eine Metropole der Poesie, der Wissenschaft und der Literatur, wie Eleanor Robson, Vorsitzende des Rates des britischen Instituts für Irak-Studien, betont.

100 Kilometer südlich von Mosul liegen die Reste der antiken Stadt Hatra, einst eine arabische Festung, heute Unesco-Welterbe. Christen und Juden lebten in den Ebenen Ninivehs.

Jede Grenzziehung hatte Konfliktpotenzial

Die Provinz, wie der ganze Irak, wie die gesamte Region war über Jahrtausende kaum irgendwo ein ganz homogenes Siedlungsgebiet einer einzelnen Konfession oder ethnischen Gruppe.

In der aktuellen Kritik am Sykes-Picot-Vertrag, mit dem Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg den Nahen Osten aufteilten, geht das oft ein bisschen unter. Während Europa im nationalistischen Furor den Kontinent in Schutt und Asche legte, erwachte das arabische Nationalgefühl erst. Nicht nur die koloniale, sondern eigentlich jede Grenzziehung hätte im Schmelztiegel der Völker, Konfessionen und Stämme Enklaven, Minderheiten, also späteres Konfliktpotenzial geschaffen.

Deshalb sind die Radikalsten der Radikalen gerade keine Sachwalter eines vermeintlich verschütteten, verwässerten Reinheitsgedankens, sondern die Totengräber eines religiösen und kulturellen Nebeneinanders, das es trotz aller Widrigkeiten bis heute millionenfach gibt. Umso größer ist die Aggression der Dschihadisten gegen Abweichler in den eigenen Reihen, umso notwendiger in ihren Augen die Zerstörung islamischer Heiligtümer.

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