Süddeutsche Zeitung

Experimentaloper:Buckelwal und Irrsinn

Das ZKM in Karlsruhe zeigt mit "Subnormal Europe" eine hemmungslose Klangcollagen­überflutung.

Von Egbert Tholl

Hier gibt es keine Entschuldigung: Am ZKM, dem Forschungslabor für avancierte elektronische Medien in Karlsruhe, kommt die Produktion "Subnormal Europe" heraus. In ihrer Form wie geplant, sogar zum für Karlsruhe geplanten Termin, aber doch sind die Rahmenbedingungen völlig andere. Ursprünglich hätte die Uraufführung bei der Münchener Biennale, dem Festival für zeitgenössisches Musiktheater in München, stattfinden sollen. Im Mai. Doch aus der Biennale ist ein Wanderfestival geworden, ihre Leiter Daniel Ott und Manos Tsangaris planen, möglichst alle der insgesamt neun in Auftrag gegebenen Werke an den jeweiligen Koproduktionsstätten herauszubringen und sie vielleicht auch nach München zu holen. Ein Vorhaben, dass sich bis zur kommenden Ausgabe der Biennale in zwei Jahren hinziehen könnte.

Deswegen nun also die Uraufführung im ZKM, das auch über die hierfür notwendigen technischen Mittel verfügt und nach München entliehen hätte. Neben der coronabedingten Geisterhaftigkeit des Ambientes - statt 300 möglichen sitzen gut 20 Zuschauer auf harten Bühnenpodesten - bedeutet dies, dass "Subnormal Europe" außerhalb des Festivalkontextes stattfindet, in welchem es von den anderen Produktionen kommentiert, beleuchtet worden wäre. Jetzt steht die Aufführung wie ein Monolith da, was ihre Rezeption nicht unbedingt erleichtert.

Óscar Escudero und Belenish Moreno-Gil, beides multidisziplinäre Performer und Künstler, machen gar keinen Hehl daraus, dass ihre Arbeit eine bewusste Überforderung ist. Die beiden, Jahrgang 1992 und 1993, besitzen die Chuzpe der Jugend, mit der sie sich auf das hybride Unterfangen stürzen, eine Geschichte der technischen Möglichkeiten der Ton- und Bildaufzeichnungen auszubreiten, den Vorgang dieser Dokumentation währenddessen zu dokumentieren und in einem improvisiert wirkenden, aber sekundengenau durchgearbeiteten Prozess auch noch das eigene Arbeiten zu thematisieren. Das dauert eine Stunde. Nach dieser reißenden Daten-, Bilder- und elektrischen Klangcollagenflut haben die beiden ein Ziel erreicht: die Reizüberflutung unserer Zeit und die mit ihr verbundene Angst, ständig etwas zu verpassen, spürbar zu machen. Auch irgendwie ein nicht so geplanter Kommentar zu Corona, Hysterie und der Frage, ob man aus der Pandemie auch etwas lernen kann.

Gegen ein Zurück zum Normalzustand, zum Gewohnten, ging die Biennale schon immer an

Die Biennale trägt das Motto "Point of New Return". Im der Uraufführung nachfolgenden Salon erweitern die Macher der Biennale sowie Marion Hirte und Malte Ubenauf aus der Dramaturgieabteilung das Motto ins Gesellschaftliche, schwankend zwischen Euphorie - "Der Deckel ist noch nicht drauf (Ott)" - und Resignation ob der Erkenntnis, dass es kaum Impulse gebe, dass etwas anders werden soll (Ubenauf). Gegen ein Zurück zum Normalzustand, zum Gewohnten, ging die Biennale schon immer an. Angesichts der Streamingangebote von Musik und Theater in den vergangenen Monaten und dem diesen meist innewohnenden Konservatismus ist es dann doch ein Segen, den Irrsinn von Escudero und Moreno-Gil live vorgesetzt zu bekommen.

Das Hertz-Labor des ZKM hat eine stupende Projektionswand gebastelt, deren Inhalte man ob der Rasanz des Dargebotenen kaum erfassen kann. Davor steht die israelische Stimmkünstlerin Noa Frenkel, Performerin ihrer selbst. Ihre Gesten und Bewegungen sind in die Partitur eingeschrieben, sie kommentiert die elektronisch aufgefächerte Dokumentation der ersten Aufnahme einer menschlichen Stimme durch Scott de Martinville (klingt wie ein schläfriger Buckelwal), den frühen Tonfilm der Copla-Sängerin Conchita Piquer, den Olympiafilm von 1936, während im Hintergrund die Daten einer digitalen Aufbereitung, die Dokumentation selbst, sichtbar werden. Bis sie ein "Kyrie eleison" anstimmt und jede Technik wegwischt.

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Quelle:
SZ vom 17.06.2020
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