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Exil in Südfrankreich:Notgedrungen im Paradies

In den 1930ern suchten deutsche Schriftsteller wie Thomas Mann Zuflucht an der Mittelmeerküste. Doch das Idyll war nur Fassade.

Frankreichs Süden lockte nicht nur Maler aus Paris an - er wurde auch in den 1930ern zu einer Zuflucht für deutsche Literaten, die Deutschland verlassen mussten oder wollten. Denn als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit der "Aktion wider den undeutschen Geist" die systematische Verfolgung von Schriftstellern einsetzte, Bücher öffentlich verbrannt und Autoren als für "das deutsche Ansehen" schädigend stigmatisiert wurden, trat den Betroffenen drastisch vor Augen, dass in Deutschland kein Raum mehr für die Entfaltung freier Gedanken bestand. Die Freiheit des Wortes, Grundlage allen literarischen Schaffens, hatte aufgehört zu existieren. Notgedrungen wählten viele den Gang ins Exil - nach Sanary-sur-Mer im Süden Frankreichs.

Literaturnobelpreisträger Thomas Mann befand sich seit Februar 1933 auf Reisen und erlebte die dramatischen Ereignisse in Arosa. Nachdem sich polemische Angriffe auch gegen seine Person richteten, war ein Zurück nach Deutschland erst einmal ausgeschlossen, und so führte im Mai die erste Station seines Exils nach Sanary-sur-Mer, einer kleinen Ortschaft am Rande der für Künstler längst attraktiv gewordenen Côte d'Azur. Über Sanary hatten Klaus und Erika Mann in ihrem Buch von der Riviera berichtet, und hier hatte sich bereits der mit Thomas Mann gut bekannte René Schickele eingerichtet.

Die Anwesenheit von Thomas Mann zog weitere Schriftsteller an. Nahezu zeitgleich waren Lion und Marta Feuchtwanger eingetroffen. Hinzu kamen nun Ludwig Marcuse, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Bertolt Brecht, Franz Hessel, Ernst Toller, Alfred Kantorowicz, Hermann Kesten, Arnold Zweig, Erich Maria Remarque, Arthur Koestler, Walter Hasenclever, Egon Erwin Kisch. 68 Schriftsteller hielten sich in den Folgejahren nachweislich hier auf. Manche, wie Feuchtwanger und Marcuse, blieben Jahre; andere, wie Brecht oder Thomas Mann, nur Wochen oder Monate; wiederum andere wie Heinrich Mann, der sich in Nizza niedergelassen hatte, oder Stefan Zweig kamen besuchsweise in den Ort an der Küste.

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Ein schönes Fleckchen Erde: Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur.

(Foto: imago)

In Sanary entstanden bedeutende Werke der Exilliteratur. Lion Feuchtwanger verfasste hier seine Romane "Die Geschwister Oppermann" und "Exil". Thomas Mann arbeitete an "Joseph und seine Brüder". Sein Sohn Klaus schrieb an "Mephisto" und begründete Die Sammlung als wichtige, jedoch kurzlebige Zeitschrift des literarischen Exils. René Schickele verfasste den Roman "Die Witwe Bosca" und Marcuse eine Biografie über "Ignatius von Loyola". Von Brecht ist überliefert, dass er in den Cafés der Bohème am Hafen Spottlieder auf Hitler und Goebbels sang.

Vor einigen Jahren ließen die Kommune und die deutsche Schriftstellervereinigung PEN eine Gedenktafel in Erinnerung an die Emigranten anbringen - zugleich eine Mahnung in Zeiten, in denen einmal mehr viele Autoren ihre Heimat verlassen müssen. Das Tourismusamt von Sanary vertreibt Faltblätter, auf denen die Villen und Hotels bezeichnet sind, in denen die Literaten Zuflucht suchten: Da ist die Villa Valmer, die mit den Feuchtwangers Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens war, da ist das Haus von Schickele mit einem beeindruckenden Blick über die Dächer des Ortes, oder die Wohnung von Friedrich Wolf an der Promenade.

"Alles war azurblau, nur unser Gemüt nicht", schreibt Marcuse

Inmitten einer Welt, die durch den brutal aufstrebenden Faschismus und Nationalsozialismus sowie eine sich düster auftürmende ideologische Frontstellung in Europa geprägt war, wirkte der Aufenthalt im Küstenort wie der in einem kleinen Paradies. Feuchtwanger schrieb liebevoll von der Schönheit der Landschaft mit ihren Bergen, Pinien und Ölbäumen sowie der Heiterkeit und Behaglichkeit des Lebens an der Mittelmeerküste und den dahinterliegenden endlosen blauen Weiten des Meeres. Er genoss in Sanary das Leben mit allen Sinnen. Auch für Thomas Mann stellte sich der Aufenthalt rückblickend als glückliche Etappe seines Exils dar.

Und doch waren es "unglücklich-glückliche" Jahre, wie es Marcuse in seinen Erinnerungen formulierte: "Alles war azurblau, nur unser Gemüt nicht. Wir waren im Paradies - notgedrungen." Und so wurde dieser kleine Ort zwar zur "Hauptstadt der deutschen Literatur im Exil", doch schwingen in dieser Feststellung Bitterkeit und Resignation mit. Alma Mahler-Werfel empfand die Emigration als schwere Krankheit: "Unser Leben, vollkommen vereinsamt, wäre fast schön zu nennen, wenn es nicht eine erzwungene Einsamkeit wäre." Die Lieblichkeit Sanarys täuschte darüber hinweg, dass das Exil Ungewissheit, Sorgen um die Daheimgebliebenen und Zukunftsängste für die Ausgebürgerten bedeutete. Verzweiflung und Illusionen über eine baldige Rückkehr lösten einander quälend ab.

Lion Feuchtwanger

An der Côte d'Azur suchten zahlreiche deutsche Schriftsteller in den 30er Jahren Zuflucht. Einer davon war Lion Feuchtwanger.

(Foto: AP)

Dazu kam das Fremdsein in der französischen Provinz, fern der gewohnten pulsierenden Zentren: "Ertötend ist der völlige Mangel an geistigem Leben", schrieb Brechts Schwager Otto Zoff, der immerhin in Nizza weilte. Mit gelegentlichen Fahrten nach Paris konnte der Zustand nur zeitweilig überwunden werden. Es sei eine "bittere Erfahrung, abgespalten zu sein vom lebendigen Strom der Muttersprache", klagte Feuchtwanger. Gerade noch hatten die Gestrandeten zur intellektuellen Elite gehört, die öffentliche Meinung mitgeprägt. Zudem verfügten beileibe nicht alle über die finanziellen Ressourcen, um sich einen mondänen Aufenthalt leisten zu können. Während Feuchtwanger und Thomas Mann mit ihren flamboyanten Kraftfahrzeugen für Aufsehen sorgten, war für weniger Privilegierte der Gang ins Exil ein qualvoller Weg mit materiellen Entbehrungen. Auch unter den Schriftstellern in Sanary waren einige auf die Solidarität anderer angewiesen.

Wenngleich die Anwesenheit von Fremden in Sanary zur Normalität gehörte, nahmen im Zuge der sich ab 1938 verdichtenden Krise in Europa Misstrauen und Argwohn zu. Die Emigranten wurden den Einheimischen suspekt. Es kam zu Anfeindungen bis hin zu tätlichen Angriffen, wie sie Franz Werfel in einer Auseinandersetzung mit einem Gendarmen erlebte. Man fürchtete deutsche Agenten und potenzielle Saboteure, zumal sich Sanary unweit vom Militärhafen Toulon befindet, wo die französische Mittelmeerflotte vor Anker lag.

Für manche Autoren ging die Flucht auf tragische Weise zu Ende

Mit Kriegsbeginn waren die trügerischen Tage der Ruhe und das Glück von Sanary vorbei. Ende September 1939 wurden alle in Frankreich lebenden Deutschen von einer ersten, für die Emigranten eher kurzzeitigen Internierungswelle als "feindliche Ausländer" erfasst. Der Freilassung folgten indes verschärfte Kontrollen, Schikanen und Beschränkung der Bewegungsfreiheit. Mit dem deutschen Überfall auf Frankreich im Mai 1940 folgte eine zweite Welle. Lion Feuchtwanger, Golo Mann, Franz Hessel, Walter Hasenclever, Alfred Kantorowicz und andere kamen ins unweit von Sanary gelegene berüchtigte Lager Les Milles. Einigen gelang es, auf abenteuerliche Weise zu entrinnen. Sie wählten etwa den Weg über die Pyrenäen. Eine gefährliche Entscheidung, denn skrupellose, vermeintliche Helfer begingen dort Raubmorde an Flüchtlingen. Anderen Schriftstellern gelang es, sich in Marseille einzuschiffen und den Weg nach Übersee anzutreten. Für wieder andere war die Reise noch in Südfrankreich auf tragische Weise zu Ende. Franz Hessel verließ Les Milles gesundheitlich schwer angeschlagen und starb im Januar 1941 in Sanary. Theodor Wolff wurde in Nizza verhaftet, der Gestapo überstellt und ins KZ Sachsenhausen verfrachtet. Manch einer wurde nervlich zerrieben. Hasenclever vergiftete sich nach dem deutschen Sieg über Frankreich. Walter Benjamin nahm sich in Port Bou, bereits auf spanischem Boden, das Leben. Stefan Zweig tat es zusammen mit seiner Frau im Februar 1942 im vermeintlich sicheren Rio de Janeiro: Mit der Zerstörung seiner "geistigen Heimat Europa" fühlte er sich in unerträglicher Weise entwurzelt und seine Kräfte "durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft".

Der Autor lehrt Geschichte an der Philipps-Universität Marburg und ist Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland.

© SZ vom 13.09.2017

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