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Exil-Brite Tim Parks über das Referendum:Wir folgen dem Diktat aus Brüssel und lesen Jonathan Franzen und Harry Potter

Können wir das ernsthaft von Jean-Claude Juncker oder von Angela Merkel sagen? Die Union mag theoretisch eine Gemeinschaft von Ländern sein, wir wissen aber genau, dass die mächtigste Person darin die deutsche Kanzlerin ist. Und nur die Deutschen haben diese Bundeskanzlerin gewählt. Sie ist zuvörderst ihnen verpflichtet. Keiner von uns dagegen hat Juncker gewählt. Und wenn die Völker von Europa je die Chance hätten, direkt einen Anführer zu wählen, dann wäre Juncker sicher nicht die Person, die sie wählen würden. Zur Zeit folgen unsere sogenannten europäischen Wahlen einer Logik, die völlig lokal und national ist, mit lächerlich niedrigen Beteiligungen und sehr wenig Gespür dafür, was das europäische Parlament eigentlich erreichen könnte.

Dies ist, nach so vielen Jahren, eine ziemlich große Schwäche. Dass nach fünfzehn Jahren Euro die Wirtschaft von Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und vielen anderen Mitgliedsstatten in großen Schwierigkeiten steckt, ist ein vernichtender Fehlschlag. Italien hat in dieser Zeit ein Drittel seiner Produktion verloren und fast die Hälfte seiner Bauwirtschaft, während die Jugendarbeitslosigkeit an die vierzig Prozent reicht.

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Das schlimmste Versagen der Union aber bezieht sich auf die Bewegungsfreiheit der Menschen (was für ein wunderbares Recht); die Kulturen der Mitgliedsstaaten sind sich heute nicht näher als vor zwanzig Jahren. Täglich hören die Italiener, ob ihre Wirtschaftspolitik von Berlin akzeptiert oder zurückgewiesen wurde, aber über die Deutschen wissen sie wenig oder gar nichts. Und sie wollen auch nichts wissen. Überall in Europa lesen wir unsere nationalen Zeitungen, sind wir eingespannt in die Tagesabläufe unserer eigenen Medien. Wenn man einen fremden Journalisten um einen Beitrag bittet, dann wird er mit großer Wahrscheinlichkeit amerikanisch sein oder englisch oder französisch. Selten deutsch. Niemals ein Pole oder Slowake.

Wenn wir einen ausländischen Roman lesen, wird der in sieben von zehn Fällen von einem englischen oder amerikanischen Autor sein. Wir sind abgesonderte Nationen - aber keine souveränen. Wir folgen dem Diktat aus Brüssel und lesen Jonathan Franzen oder Harry Potter. Wir schauen amerikanische Filme und folgen den amerikanischen Wahlen weitaus aufmerksamer als denen jedes Landes in der EU. Ist das eine Gemeinschaft? Unsere kollektive Identität ist im wesentlichen national, aber gezügelt und gezüchtigt - abgesehen nur von den gelegentlichen neunzig Minuten Fußballrausch.

Es war die "Leave"-Kampagne, die die einzige positive Botschaft hatte

Also, ich war weder überrascht noch schockiert vom Brexit. Aber ich habe die Orientierung verloren. Ich hätte für "Remain" votiert, weil ich weiter, allem jüngeren Augenschein zum Trotz, gern an ein gemeinsames, mit anderen geteiltes Projekt geglaubt hätte; ich wollte glauben, dass ein Sinneswandel möglich sei, einer, der die EU zu einer wirklichen Gemeinschaft gemacht hätte, nicht bloß zu einem kommerziellen Bunker gegen die Welt draußen. Ich hätte es sehr gern gesehen, dass das "Remain"-Lager auf der positiven Vision einer besseren Union insistiert hätte, einer, die Jung und Alt beleben und ein Gespür dafür schaffen könnte, was die Nation angehen sollte; stattdessen war sein einziges Mittel der Versuch, die Menschen durch die Ausmalung der ökonomischen Konsequenzen des Austritts zu ängstigen.

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Es war die "Leave"-Kampagne, die die einzige positive Botschaft hatte - Lasst uns die Kontrolle über unser Geschick wieder in die Hand nehmen! -, und auch wenn zweifellos eine Menge Xenophobe unter den Brexiteers stecken, kann ich nicht glauben, dass diese in der Mehrheit sind. Die Engländer haben einfach vor langer Zeit aufgehört, an einen Sinnes- oder gar Stilwandel seitens der EU zu glauben. Und sie hatten keine Angst, den Bann zu brechen, der Europa so lang gefangen hielt.

Und nun?

Nun hat mich die haarsträubende Selbstgerechtigkeit des geschlagenen "Remain"-Lagers erstaunt und schockiert. Die Idee eines zweiten Referendums ist verrückt. Das Letzte, was wir brauchen, ist ein Großbritannien, das voller Schrecken eine demütigende Kehrtwende vollzieht und schreiend und um sich schlagend in eine Beziehung hineingeschleift wird, die es nicht will. Lasst Großbritannien seinen eigenen Weg gehen, der schließlich nicht allzu weit führen wird. Die Distanz zwischen Dover und Calais wird exakt dieselbe sein wie immer.

Was mich betrifft, so werde ich mich auf den Weg zum Mailänder Rathaus machen und die italienische Staatsbürgerschaft beantragen. Vielleicht hätte ich das schon vor Jahren tun sollen. Ich möchte nicht in einem Land, in dem ich nun schon seit 35 Jahren lebe, zum "extracomunitario" werden, wie das die Italiener mit drohendem Unterton nennen. Ich werde das heiter und optimistisch gestimmt tun, in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist dafür, dass die Union sich ernsthaft Gedanken über das kollektive Wohlergehen ihrer Bürger zu machen beginnt.

Und ich habe während der Fußball-Europameisterschaft für England geschrien, so wie ich für Irland (das Land meiner Großväter) geschrien habe, und wie ich für Wales schreien werde, wenn die gegen Belgien antreten. Identität ist ein komplexes Tier.

Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, lebt seit 1981 als Romanautor, Essayist und Übersetzer in Italien. Im Herbst erscheint sein neuer Essayband "Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen" im Antje Kunstmann Verlag, München. Deutsch von Fritz Göttler und Lothar Müller.

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