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"Exhibition" im Kino:Kreatives Rumoren

Exhibition

Die Stadt ist im Umbruch. Viv Albertine in Joanna Hoggs ungemein komischem Künstler-Film "Exhibition".

(Foto: Fugu Verleih)

Nach 18 Jahren beschließt das Künstlerpaar D und H, das gemeinsame Haus zu verkaufen. Joanna Hoggs Film "Exhibition" liefert in absurden Performances Szenen einer Ehe im Umbruch - und die Antwort darauf, was Künstler den ganzen Tag machen.

Es rumort in diesem Haus, die Frau hört es, im Stockwerk drüber, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt und mit ihrem Mann da droben telefoniert. Ein kreatives Rumoren - wenn der Mann auf seinem Eames-Bürostuhl durch sein Arbeitszimmer kurvt. Die beiden sind schwer mit ihren künstlerischen Projekten beschäftigt. Der Film, so hat der amerikanische Filmkritiker Jonathan Romney im Film Comment geschrieben, liefert eine verdruckste Antwort auf die Frage, was Künstler eigentlich den ganzen Tag so treiben. Verdruckst in der Tat, aber unglaublich komisch. Die Offerte, die der Mann der Frau zum Raufkommen macht, ist sehr unanständig, aber absolut ernst gemeint. Very British eben.

Man redet viel in diesem Haus, aber meistens aneinander vorbei. Man zögert und verschluckt Wörter und Sätze, kommuniziert in die Irre. Die Frau hat das Angebot erhalten, eine Ausstellung zu machen, aber sie will mit dem Mann nicht darüber reden - hat Angst, er würde sie kritisieren, ihr manches ausreden. Sie braucht Kontakt, aber lieber als an Menschen schmiegt sie sich an Objekte, rollt sich an der Fensterscheibe zu einem Polster zusammen. Konzentriert lauscht sie, wenn der Mann ihr aus dem "Steppenwolf" vorliest.

"Exhibition" ist Joanna Hoggs dritter Spielfilm, sie hat die National Film School in London besucht und nach dem Studienabschluss Jahre lang Videoclips gemacht und TV-Soaps gedreht, die Genre-Situationen, mit denen sie dabei spielte, hat sie ins Kino mitgenommen, und sie werden ganz absonderlich allein durch die neue Umgebung, das Haus, in dem die Frau und der Mann leben. Der Architekt James Melvin hat es für sich und seine Frau gebaut in West London, glatte monochrome Wände und Schiebetüren, die es zum theatralischen Raum machen, eine Spiraltreppe, streng wie eine Wirbelsäule.

Und Fenster, an welche die Bäume des Gartens herandrängen, in der Ferne sieht man den Prospekt der viktorianischen Fassaden. Man schaut hinaus, sagt Joanna Hogg, aber durch die Reflexionen ist es, als würde man auch nach innen schauen. Ein Schreibtisch schwimmt im Garten. Manchmal rumort es draußen, Bauarbeiten. Die Stadt ist im Umbruch.

Phantomkino ohne Schauspieler

Auch die Ehe ist im Umbruch. 17, 18 Jahre haben die beiden in dem Haus gelebt, nun, da sie beschlossen haben - er mehr als sie -, es zu verkaufen, fangen sie - sie mehr als er - an, es nochmal ganz neu zu erkunden. Szenen einer Ehe, in absurden Performances, als Phantomkino. Keine Schauspieler. Viv Albertine, die Frau, ist Musikerin und hat einst bei den Slits Gitarre gespielt. Liam Gillick, der Mann, ist conceptual artist. Die beiden treiben keine Dramaturgie, spielen puppenhaft, als Modelle.

Kurz vor Drehbeginn, sagt er, hat Joanna Hogg mir Bressons Noten zum Kinematographen zu lesen gegeben. "Ich verstand, machte mich ganz leer, spielte als Körper im Raum . . . hatte nur die Angst, in einen Zustand der Bewusstheit zu rutschen." Eine schöne Geistesabwesenheit durchdringt so selbst die Dialogszenen. "Mochte das nun hohe Weisheit sein oder einfachste Naivität: Wer so dem Augenblick zu leben verstand . . ., dem konnte das Leben nichts anhaben."

Exhibition, GB 2013 - Regie, Buch: Joanna Hogg. Kamera: Ed Rutherford. Schnitt: Helle le Fevre. Mit: Viv Albertine, Liam Gillick, Tom Hiddleston, Harry Kershaw, Mary Roscoe. Fufu Filmverleih, 104 Mi.

© SZ vom 16.12.2014/danl

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