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Evolution:Alles in Bewegung

Der Anschein vom ewigen Eis trügt: Wo mal Mammuts dahin trotteten, gibt es heute keine Gletscher mehr.

(Foto: Landesmuseum für Vorgeschichte Halle)

In Halle zeigt eine grandiose Schau die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Klima und der Evolution von Pflanzen, Tieren und Menschen.

Von Harald Eggebrecht

Kaum zu glauben, aber der Prachtkäfer, wissenschaftlicher Name Lampetis weigelti, schimmert mit seinen geöffneten Flügeln in den Farben Gold und Blau "als wie im richtigen Leben". Doch er ist 45 Millionen Jahre alt, ein Fossil, gefunden im Geiseltal, das in der Nähe von Merseburg (Sachsen-Anhalt) liegt. Dieses Tal gehörte zu den pflanzen- und tierreichen Subtropen in jener fernen Zeit. Es herrschte eine Jahresdurchschnittstemperatur von etwa 22,9 bis 25 Grad. Vergleichbar wäre heute da etwa der Süden Floridas. Dort leben heute ganz ähnliche Prachtkäfer.

Allein die fossilen Exponate aus dem ehemaligen Braunkohlentagebau des Geiseltals lohnen den Besuch dieser großartigen Schau des Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte in Halle. Da gab es einen flugunfähigen Riesenlaufvogel Gastornis geiselensis mit wuchtigem Schnabel und truthahnrotem nacktem Kopf, wahrscheinlich ein Pflanzenfresser. Von brutaler Gefährlichkeit war hingegen eine spezielle Krokodilvariante Boverisuchus magnifrons. Das Biest, ausgewachsen mehr als zwei Meter messend, hatte lange Beine, auf denen es leichten Fußes Landsäugern nachjagen konnte, etwa kleinen Urwildpferden. Auch ein Würgeschlangenskelett zeigt, dass es damals dschungelartig zuging. Große Teile Europas bedeckte ein warmes Flachmeer, aus dem gleichsam subtropische Inseln voller Leben herausragten.

Die Dinosaurier starben nicht ruckartig aus, sondern siechten über Äonen dahin

Je stabiler die äußeren Lebensverhältnisse bleiben, desto weniger Veränderungsnotwendigkeit und Evolutionsdruck gibt es bei Pflanzen und Tieren. Je schwankender die ökologischen Bedingungen werden, etwa durch Vulkanausbrüche, Erdbewegungen, eindringende andere Lebewesen oder eben Klimawandel, desto mehr Anpassung wird erzwungen oder es entwickeln sich neue Arten. Aus dem Eiszeitalter, Pleistozän, und der Nacheiszeit, Holozän, ragen die verschiedenen Mammutspezies wahrlich heraus. Elefanten kommen ursprünglich aus Afrika und haben von dort aus die ganze Welt besiedelt, ganz ähnlich jenem aufrecht gehenden Säugetier, dessen gewaltiges Gehirn Möglichkeiten entwickelte, in den unterschiedlichsten Klimazonen zu überleben, ja, sich davon gewissermaßen unabhängig zu machen: der Mensch.

Vorbei an den ehrfurchtgebietenden Überbleibseln von Mammuts, Wollnashörnern, Höhlenbären, Säbelzahnkatzen und Riesenhyänen landen wir also bei den Primaten, die wie alle Vierbeiner auch die vier Läufe benutzten. Doch eine Art der Hominiden muss sich irgendwann aufgerichtet haben und blieb dann dabei. Eine These vermutet, dass sie in Regionen lebten, in denen sie immer durch Wasser wateten, was auf zwei Beinen eindeutig besser gelingt. Nach Äonen ging's dann auch auf dem Trockenen. Wie dem auch sei, später nahm homo erectus in gewisser Weise sein Schicksal selbst in die Hand, schleuderte Speere, wie sie, 300 000 Jahre alt, in Schöningen gefunden wurden, stellte Fallen, nutzte das Feuer und organisierte sich. Die Spuren von Neandertaler und Homo sapiens führen dann bis zu den Skulpturen schaffenden Künstlern auf die Schwäbische Alp und in die imposanten Höhlen der großen Eiszeitmaler in Frankreich und Spanien.

An keiner Stelle versucht die Präsentation, aktuelle Debatten kurzatmig zu infiltrieren, weder verharmlosend, noch hysterisierend. Vielmehr fördert sie die Einsicht, dass Klima ein gigantischer, sich stets verändernder Prozess ist, der keine "wortgleichen" Wiederholungen kennt. Das gilt auch für die Bewegungen der Erde um die Sonne oder die Abläufe in Erwärmungs- und Abkühlphasen. Noch etwas: Selbst sehr schnelle erdgeschichtliche Prozesse sind an unserer Zeit gemessen mehr als langsam. So starben die Dinosaurier nicht ruckartig aus, sondern siechten nach dem ihr Ende auslösenden Meteoriteneinschlag noch über Jahrtausende dahin.

Die Wechselwirkung zwischen klimatischen Rhythmen und der Evolution seit der Erdneuzeit (Känozoikum) auf Pflanzen, Tiere und auch Menschen kann die Schau in vielen Exponaten eindrucksvoll veranschaulichen. Versteinerungen verdeutlichen, dass manche Arten bis in unsere Zeit ihre Gestalt nicht gewechselt haben. Unter den Fossilien aller Art aus einer Fundstelle bei Walbeck sticht der kleine Unterkiefer hervor, der eindeutig einst einem Säuger gehört haben muss. Bei dem Versuch, aufgrund dieses Fragments das ganze Tier zu rekonstruieren, kommt so etwas wie eine Art kleines Wiesel heraus.

Die Zeitrhythmen der Erde unterscheiden sich fundamental von denen der Menschheit

Im Zuge der Ausstellung wird allerdings wohl jeder über diese fundamental verschiedenen Zeitrhythmen von Erde und Menschheit nachdenken. Trotz seiner schier unbegrenzten Gestaltungsfähigkeit im Kalten wie im Heißen wird das Ausgeliefertsein an die ganz anders dimensionierten Prozesse der Erde und des Klimas klar. Dann steht man zwischen zwei Bildschirmen, auf denen die Szenarien animiert werden, die, wie der Leipziger Paläontologe Arnold Müller im Katalog schreibt, "die Natur für uns " bereithält. Man fühlt sich ein wenig wie Buridans Esel, der zwischen zwei gleich großen Heuhaufen sich nicht entscheiden kann, mit welchem er zu fressen anfangen will. Also verhungert er. Aber immerhin hatte er eine Wahl!

Beim Szenario globaler Erwärmung sehen wir, wie das Nordpolarmeer eisfrei wird, die Küsten etwa von Nord- und Ostsee samt Hafenstädten absaufen; sehen wir, wie Sibiriens und Kanadas Dauerfrostböden auftauen und im entstehenden Morast Verkehrswege, Fabriken und Ansiedlungen versinken werden, sehen wir, wie Spanien Wüste wird, die Pazifikinseln verschwinden und so fort.

Beim Szenario globaler Abkühlung friert das Nordpolarmeer zu, Skandinavien vergletschert, die Winter werden länger, die Sommer kürzer. Bald schrumpft die Landwirtschaft, Nord- und Ostsee werden trocken, der Energieaufwand fürs Heizen ist kaum mehr zu leisten, viele Millionen Menschen müssen umgesiedelt werden nach Süden, weltweite Hungersnöte werden ausbrechen ... Noch einmal Arnold Müller: "Es liegt ganz in der persönlichen Vorstellungskraft, welches der beiden Szenarien man für wahrscheinlicher und / oder bedrohlicher hält. Aussuchen können wir uns das nicht."

Klimagewalten. Treibende Kraft der Evolution. Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte Halle bis 21.5.2018. Informationen unter www.Ida-Isa.de. Katalogbuch Theiss-Verlag-WBG 2017. 447 Seiten, 29, 95 Euro.

© SZ vom 16.12.2017

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