Neues Album von Beyoncé und Jay Z Kommen, sehen, siegen, lieben

Beyoncé und Jay Z haben ein gemeinsames Album veröffentlicht. Es wirft Fragen darüber auf, welchen Feminismus es braucht - und wo es hinführt, wenn selbst die Liebe auf Konkurrenz basiert.

Von Jakob Biazza

Todeslangweilige Zeilen eigentlich: "Stack my money fast and go / Fast like a Lambo". Oder: "Rah, gimme my check / Put some respect on my check". Und natürlich: "I got expensive fabrics / I got expensive habits". Rap-Selbstüberhöhungslyrik also - die Zurschaustellung des eigenen Reichtums, Referenzen an dicke, schnelle Karren, teure Klamotten, einen kostspieligen Lebenswandel und exorbitante Summen auf Schecks als einzig relevante Form, um Respekt zu bekunden. Alles altbekannter Ausdruck einer künstlerischen Welt, die den kapitalistischen Erfolgsglauben zum quasi-heiligen Credo erhoben hat. Wer der erfolgreichste Rapper ist, der wird auch der beste gewesen sein. Wer reich ist, der ist auch gut.

Eine Logik ist das, die selbstverständlich auch zur schwarzen Selbstbehauptung in einer noch immer von Weißen dominierten Welt taugt: "My great-great-grandchildren already rich / that's a lot of brown Chi'r'en on your Forbes list". Selbst die Ur-Ur-Enkel werden also noch so reich sein, dass sie es auf die Forbes-Liste schaffen. Nebeneffekt: Die weltweite Sammlung, auf der von den gut 2000 erfassten Milliardären aktuell zehn schwarz sind, wird eine deutlich höhere Quote an Dunkelhäutigen erleben. Starke Punchline. Fade, weil furchtbar bekannte Gedanken. Eigentlich.

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Denn der erste, ganz wunderbare Taschenspieler-Trick von "Everything Is Love", dem ohne jede Ankündigung am Samstag veröffentlichten gemeinsamen Album des Imperien-Ehepaares Beyoncé und Jay Z, ist, dass hier eben kein Mann mit Scheinen und Erfolg wedelt. Es ist Beyoncé, die auf dem Song "Apeshit" über zappelige Drums und drängende Synthesizer vom Thron herunter, nein, eben nicht einfach singt, sondern auch noch rappt. Breitbeiniger Flow, leiernde Attitüde, genau der richtige Anteil an Überheblichkeit. Ein muskalischer und textlicher Manspread.

Oder, in eine messbare Größe übersetzt: zwei Minuten 20 Sekunden. Fast zweieinhalb Minuten also, die es dauert, bis Jay Z, immerhin der mit größte, mit reichste und ja, auch mit beste MC dieser Tage, die ersten substanziellen Worte auf dem Album von sich geben darf. Sie lauten: "I brought my sand to beach" - und sind damit nicht viel weniger als eine quasi vollständige Verneigung vor seiner Frau.

Der Ausspruch "Who would bring sand to the beach?" (Wer ist denn bitte so blöd, Sand an den Strand mitzubringen?) ist schließlich eine der typischen, steinblöden Machoreaktionen auf die Frage, warum man denn - beispielsweise bei einem Clubbesuch, also in einer Umgebung mit vielen anderen Frauen - seine Freundin nicht dabei habe. Die Umkehr auf dem Opener "Summer" ist also eine schwer rührende Liebesbekundung.

Und darin natürlich erst mal eine recht konsequente Fortsetzung dessen, was man über das Paar in den vergangenen Jahren eher im Ressort "Vermischtes" lesen konnte: Krisen, harsche Vorwürfe, Trennungsgerüchte wegen einer Affäre von Jay Z. Dann die öffentliche Ausstellung dieser Zeit auf Beyoncés Über-Album "Lemonade", und die im Vergleich deutlich zurückgenommene Haltung von Jay Zs "4:44".

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Das gemeinsame Werk webt also zunächst die Fäden zusammen, die die beiden Soloalben noch unverknüpft gelassen haben. Oder besser: Es zeigt wohl das Ergebnis der Verhandlungen (denn als Verhandlungen stellt man sich doch vor, was passiert, wenn zwei der größten Rap- und R'n'B-Stars ihrer Zeit ihre Probleme beilegen) über das weitere Zusammenleben.

Und das Ergebnis auf "Everything Is Love", dieser weitestgehend sehr gelungenen, sommer-schwülen und latent geilen Platte ist durchaus erstaunlich: Wenigstens vordergründig scheint Jay Z gerade noch die Räume ausfüllen zu dürfen, die ihm Beyoncé lässt. Auf fast allen Songs ist es jedenfalls die Sängerin, die den ersten Auftritt, die ersten Strophen, die relevanteren Zeilen, oft sogar den höheren Rap-Anteil bekommt. In Summe wirkt Jay Z in dieser Lesart immer wieder wie ein zum Feature degradierter Gast.

Versteht man die Beziehung der beiden als Kampf um Anerkennung: Beyoncé hätte ihn gerade sehr deutlich für sich entschieden.

Selbstermächtigung oder feministischer Chauvinismus?

Und die Frage, welche Form von Beziehung aus dieser angenommenen Dominanz entsteht, ist nun beileibe keine weitere Randnotiz für die bunten Zeitungsseiten. Sie berührt zentral die Frage, welchen Feminismus es gerade braucht - welcher also zielführender ist: einer, der in der Reflektion fehlender Gendergerechtigkeit Ausgleich und Gleichheit sucht. Oder einer, der vorher noch mit gleicher Münze heimzahlt, im Kampf um Anerkennung also seinerseits erst mal degradiert und an den Rand drängt. Will man also einen Geschlechterkampf, der seine eigene, selbstbewusste Logik in die Welt bringt? Oder einen, der sich die bisherigen (männlichen) Dominanzregeln aus Geld, Kraftmeierei und Abhängigkeit zueigen macht? Selbstermächtigung oder feministischer Chauvinismus?

In diesem Fall muss man wohl für den Ausgleich plädieren - und gegen den Chauvinismus. Denn was sich auf "Everything Is Love" als große Liebe inszeniert, erscheint wenigstens in den Zwischentönen ständig wie eine Partnerschaft, die - siehe oben - ebenfalls einer vor allem kapitalistischen Logik folgt und von ihr zusammengehalten wird. Wer den Erfolg über alles stellt, hört damit schließlich auch in Beziehungen nicht auf. Eine verlorene Liebe ist in dieser Geisteshaltung wie ein Karriereknick, ein kommerzieller (und damit auch künstlerischer) Flop, eine berufliche Niederlage. Ein nicht hinnehmbares Scheitern also.

In diesem Sinne wirken Beyoncé und Jay Z selbst im besten Fall eher wie eine gemeinsame Stärkungsgemeinschaft, auf deren Basis weiter der Kulturmarkt untereinander aufgeteilt wird. "Lovehappy" heißt der letzte Song - heißere, verhustete Bläser, krachender Beat, karamellartige Chöre, abwechselnd dargebotenes Liebesgesäusel: Der Strand war da "nicht immer ein Paradies" und man ging gemeinsam "durch die Hölle". Albträume dauern aber glücklicherweise immer nur eine Nacht lang - und überhaupt wusste man den Himmel ja immer auf seiner Seite. Dieser ganze Kram eben und dann aber doch dieses Superlativ-Outro: "We came, and we saw, and we conquered it all / We came, and we conquered, now we're happy in love".

Unter Julius Cäsar geht es also nicht. Kommen, sehen, siegen - und lieben. Eine Beziehung für die Forbes-Liste. Vielleicht nicht perfekt. Aber auf jeden Fall besser als andere. Was dann leider auch wieder zeigt: Es mag zwar Gleichberechtigung geben in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz begründet ist. Aber auch deren Erfolg zeigt sich erst mal nur in einer ausgestellten Überlegenheit zur restlichen Welt.

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