Nachruf auf Evelyn Richter:Nichts als die Wahrheit

Ausstellung: Evelyn.Richter.Das Fotobuch

Evelyn Richter 2013 neben einer ihrer Fotografien aus dem Fotobuch "Entwicklungswunder Mensch".

(Foto: Peter Endig/picture alliance / dpa)

Die Fotografin Evelyn Richter war eine illusionslose Chronistin der DDR und in ihrer Arbeit eine Partisanin. Nun ist sie im Alter von 91 Jahren gestorben.

Von Alex Rühle

Als Evelyn Richter Anfang der Achtzigerjahre für die Frauenzeitung Für Dich sächsische Kammgarnspinnerinnen fotografieren durfte, war das Ergebnis den Kulturfunktionären des sozialistischen Realismus, nun ja, zu realistisch: Richter hatte sich erdreistet, auf ihren Schwarz-Weiß-Aufnahmen die Wahrheit zu zeigen, sehr harte Arbeit, bittere Armut vor hoffnungslos veralteten Maschinen. Also wurde die ganze Serie im Heft kurzerhand mit fetten Kleeblattbordüren aufgehübscht.

Die Anekdote versinnbildlicht auf groteske Art Evelyn Richters Verhältnis zur offiziellen Kunstdoktrin der DDR. Die Serie ist schon insofern eine Ausnahme, als Richter kaum je etwas publizieren durfte, jahrzehntelang musste sie sich als Werbefotografin und Bildredakteurin für Messen über Wasser halten. Und wenn dann doch mal was erscheinen durfte, gab es meist Ärger. Ihre eigentlichen Werke, die Arbeiterporträtserien und Langzeitbeobachtungen von Künstlern produzierte sie, wie sie selbst das mal lakonisch ausdrückte, "für die Kiste". In diesen Kisten aber sammelte sich über die Jahrzehnte die Wirklichkeit an wie Sedimente.

Als Tochter aus großbürgerlicher Familie hatte die 1930 geborene Evelyn Richter in der frühen DDR keine Chance auf einen Studienplatz. Sie machte eine Lehre beim Porträtfotografen Pan Walther, durfte anschließend an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst doch noch studieren, flog aber nach zwei Jahren wieder raus, weil den Hochschulfunktionären ihre Kommilitonen-Porträts zu defätistisch vorkamen. Kunst sollte schließlich zeigen, was sein sollte, nicht was wirklich war.

Dieser offiziellen Ikonographie vom Neuen Menschen hat sich Richter von Anfang an verweigert, ihre schwarz-weißen Aufnahmen konterkarierten jedwede Aufbruchspropaganda. Schichtarbeiter, die in der Leipziger Straßenbahn nach Hause fahren, die Müdigkeit scheint wie Geruch in ihren schweren Kleidern zu hängen; leer geräumte Industrielandschaften oder Plattenbauten auf mondkahler Erde. Manche ihrer Bilder haben im Clash zwischen der Behauptungsemphase der Staatspropaganda und der deprimierenden Wirklichkeit eine stille Komik: "Eingang zum Pflegeheim" von 1986 zeigt zentral ein Gemälde von Lenin, goldgerahmt an einer ausgebleichten Tapete, er darauf enthusiastisch gen Himmel redend, sein Kopf umflort von Heiligenglanz. Unter dem Bild steht das wackelige Rollbett eines Altenheims, das Leinenlaken wirkt wie ein Leichentuch. DDR im Endstadium.

Richters Erweckungserlebnis war Ende der Fünfzigerjahre Edward Steichens Weltwanderausstellung "The Family of Man", die auch in Westberlin Station machte. Sie zitierte oft Egon Erwin Kischs Satz, nichts sei sensationeller als die Wahrheit, und fügte stets hinzu, die Wahrheit sei die Realität. "Aber Realität ist manipulierbar", wusste sie. "Deshalb hat die Autorenschaft eine so große Bedeutung. Man bürgt mit seinem Namen für seine Arbeit." Ihre Vergrößerungen umgibt der schwarze Negativrand wie eine Art Stempel: Hier ist nichts zurechtgezoomt, das Bild ist genau so entstanden.

Sie suchte den "Moment der Konzentration". Für manche Aufnahmen brauchte sie Wochen

Evelyn Richter arbeitete stets mit der unauffälligen, leichten Kleinbildkamera, jahrzehntelang trug sie ständig ihre geliebte Leica mit sich herum, man weiß schließlich nie, wann der "moment décisif" kommt, wie Cartier-Bresson es nannte. Sie selbst sprach lieber vom "Moment der Konzentration", in dem alles zusammenkommt. Die Kleinbildkamera kam ihr insofern entgegen, als sie gern unauffällig arbeitete, aus der Situation heraus, wobei sie sich ausdrücklich gegen den "Modebegriff Momentfotografie" verwahrte, der in ihren Augen "ein einziges Missverständnis" war. Ihre Aufnahmen, so oft sie sich auch Alltagssituationen verdanken, haben fast immer etwas Kondensiertes, streng Komponiertes. Für manche Fotos brauchte sie Wochen. So soll sie 1975 vierzehn Tage lang durch die achte DDR-Kunstausstellung gestromert sein, bis ihr dann endlich die eine Aufnahme gelang: Vor Wolfgang Mattheuers Gemälde "Die Ausgezeichnete" steht eine Besucherin, müde, desillusioniert. Das Foto ist eine doppelte Verneinung des amtlich verordneten Staatsoptimismus, die ausgezeichnete Frau auf Mattheuers Bild sitzt mit leeren Augen vor ihrem welken Tulpenstrauß, die Besucherin der Ausstellung scheint ihre abgearbeitete Schwester im grauen Alltag zu sein.

Einfach war das Leben als fotografische Dissidentin nicht, sie verglich sich in Bezug auf ihre Arbeit immer wieder mit einer Partisanin. 1980 bekam sie dann trotzdem eine Dozentur für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst und war auf diesem Posten vielleicht die einflussreichste Fotografin für die kommenden Generationen.

Richter muss mit einer große Freundschaftsbegabung gesegnet gewesen sein, es gibt viele langjährige Weggefährten und Schicksalsbegleiterinnen. Auch war sie eine lebenslang Reisende, es gibt Serien aus Moskau, Venedig, New York, Rumänien. 2010 übergab sie dem Leipziger Museum der bildenden Künste eine Auswahl von 730 Bildern als Vorlass. 2013 tauchten bei einem Umzug in den sprichwörtlichen "Kisten" noch mal 70 Kleinbildfilme auf, aus denen ihr Schüler und Freund Werner Lieberknecht in enger Abstimmung mit ihr noch den wunderbaren Band "Von der Latenz der Bilder" komponierte. Zu ihrem 90. Geburtstag zeigte das Dresdner Albertinum ihr Lebenswerk. Am vergangenen Sonntag ist Evelyn Richter im Alter von 91 Jahren gestorben.

© SZ/C.D.
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