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Evangelische Akademie:Die Kunst, sich nicht zu verheddern

Wie kulturpolitische Sprecher der Landtagsfraktionen mit der digitalen Revolution umgehen

Sängerin betritt Bühne, Mund auf, Arie raus. Maler greift Pinsel, Leinwand parat, Strich drüber. Dichterin greift Stift, Wort gewählt, Reim drauf. Wer in seiner Vorstellung die Welt der schönen Künste immer noch ungefähr so vor Augen hat, der mag sich wundern, warum die Evangelische Akademie Tutzing zu einer 72-Stunden-Tagung mit dem Titel "Smart World - Smart Culture?" eingeladen hat. Die Kulturschaffenden der Welt, auch die der mikrokosmisch bayerischen, wissen das freilich sehr genau. Allein schon in den Museen bringt der digitale Wandel gewaltige Umwälzungen mit sich. Anfangen könnte man bei der Notwenigkeit oder gar dem Zwang, sämtliche Bestände, Sammlungsstücke, Verzeichnisse digital zu erfassen und zugänglich zu machen - und das alles in der Regel ohne zusätzliche Planstellen für Fachleute. Aber er hört auch lange noch nicht auf bei den Kartenabreißern, die durch piepsende Einlassportale ersetzt werden, in die der Besucher seine Einlasskarte selber einliest.

Wie mannigfach die Thematik im Kulturbetrieb und in der kulturellen Bildung gelagert ist, bildet die dreitägige Agenda am Starnberger See gut ab. Die stellvertretende Akademieleiterin Judith Stumptner und ihr Sparringspartner Dieter Rossmeissl, er war 17 Jahre lang Kulturdezernent der Stadt Erlangen, haben das Programm klug aufgesetzt. Referate über die Rolle von "Künstlicher Intelligenz (KI) in künstlerischen Schaffensprozessen" sind darin ebenso zu finden, wie Workshops zu den Bibliotheken von morgen und die Präsentation von "Interact". Dabei handelt es sich um ein pädagogisches Angebot des Münchner Netzwerks Medienkompetenz, das sich "für ein gutes Aufwachsen mit Medien" einsetzt. Bei "Interact" steht speziell jene Computerspiele-Kultur im Mittelpunkt, die ein Miteinander unter den Spielern erlaubt.

Es werden viele Fragen aufgeworfen. Etwa ob die künstliche Intelligenz womöglich bald die kreative ablöst? Ob sich klassische Kultureinrichtungen wie das Theater schnell genug auf die Entwicklungen einstellen? Und wie diese ihre Arbeitsweise und Inhalte ändern müssen, damit sie diese Transformation nicht nur "irgendwie" überstehen. Sondern wie sie den Wandel aktiv gestalten können.

Das freilich ist eine Frage, die sich Autoindustrie und der (letzte) Metzger von nebenan ebenso stellen. Der Kultur aber fällt in Zeiten dieser digitalen Revolution noch eine, wenn man so will, zusätzliche Last zu: die Erhaltung der Demokratie. Nichts Geringeres. Lange ist nicht so viel über die Funktion von Kultur für den ersehnten Zusammenhalt dieser Gesellschaft geredet und geschrieben, oder gar die Kunst als deren "Kitt" und "Kleister" gepriesen worden. Und gemeint ist damit dann bei Weitem nicht nur für das Feld der Soziokultur, das sich konkret in Richtung Bildungs- und Sozialarbeit erstreckt.

Von der Künstlerin Gretta Louw stammt die Installation "Materiality of the Internet", die 2015 wie abgebildet in der Papierfabrik Dachau aufgebaut war. Am Wochenende war sie in München im Städtischen Atelierhaus in der Baumstraße erneut zu sehen, wo ebenfalls über die Produktion und die Betrachtung von Kunst in beschleunigten Zeiten diskutiert worden ist - unter dem Titel "Real Time - Ist der Moment noch zeitgemäß?".

(Foto: Trommeter Szabo)

Deshalb ist es nur folgerichtig, dass zum Abschluss der Tagung in Tutzing die Politik selbst zu Wort kommen sollte. Deren übergeordnetes Thema: "Digitale Kulturpolitik: geht das, und wenn ja, wie?" Dazu hatte die Akademie die kulturpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen aufs Podium geladen; nur die AfD war nicht vertreten. Gekommen waren Robert Brannekämper von der CSU, Volkmar Halbleib (SPD), der ehemalige bayerische Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Sanne Kurz (Bündnis 90/Die Grünen). Kerstin Radler, die kulturpolitische Sprecherin der Freien Wähler war verhindert. An ihrer Stelle kam Hans Friedl, der Sprecher für Wohnen und Bauen sowie Verbraucherschutzpolitik.

An Friedls Auftritt war am deutlichsten erkennbar, wie weit entfernt der durchschnittliche Landtagsabgeordnete von den Nöten der Kultur im digitalen Wandel sein kann - ohne es ihnen letztlich ankreiden zu können, wenn man betrachtet, wie unterschiedlich die Wirklichkeiten sind, aus denen Abgeordnete kommen. Friedl, von Beruf Landwirt und ganz Bauausschuss-Mann sagt: "Ich verstehe, dass die Sanierung des Deutschen Museums weitere 100 Millionen Euro in Anspruch nehmen wird. Auch ich will mir dieses wichtige Museum weiterhin analog ansehen können." Dass darüberhinaus Bedarf für die Digitalisierung entsteht, könne er sich vorstellen, wie genau unterdessen kaum.

Auch Robert Brannekämper (CSU), der ursprünglich Architekt und Bauunternehmer war, betont - nicht eben an jugendlichen Wählerkreisen orientiert -, dass "real gelebte Kultur immer unmittelbar" bleiben werde. Ihm liege daran, "ältere Menschen digital fit zu machen", der Auftrag an die Erwachsenenbildung sei virulent. In anderen Bereichen wirke der Freistaat ohnehin schon sehr unterstützend, etwa bei der Digitalisierung der Archive oder über Institutionen wie die Landesstelle für nichtstaatliche Museen, die auch kleinen Häusern mit Rat und Tat zur Seite stünden.

Marina Weisband in der Evangelischen Akademie Tutzing.

(Foto: Siegfried Dengler)

SPD-Mann Volkmar Halbleib nutzte die Gelegenheit zum Parforceritt durch viele kulturpolitische Äcker: das Urheberrecht im Netz, die konzeptionellen Herausforderungen, die mit neuen Bauten wie dem Konzerthaus im Werksviertel einhergehen. Er fragt auch: "Wer verteidigt die Kunst gegen Anfeindungen im Netz?", etwa wenn Theaterleute mit Flüchtlingen arbeiten. Wolfgang Heubisch nennt das Netz "eine Art Teaser, um sich die Wirklichkeit anzuschauen und dann gemeinsam zu erleben". Er fordert, dass Bayerns mit 50 Millionen Euro jährlich gefüllter Kulturfonds künftig vor allem für die Digitalisierung der Institutionen verwendet wird.

Sanne Kurz, Dokumentarfilmerin und nah an der Praxis Kulturschaffender, sieht eine Hauptgefahr für die Gesellschaft in Plattformen wie Facebook, die auf Stichworte wie "Nationalsozialismus nur die übliche Emotionalisierung ausspucken", und nicht Fakten. Deshalb formuliert sie einen flammenden Aufruf, die Medienbildung der Bürger "weit über die Schulen hinaus" auszudehnen. Wer am Anfang der Tagung dabei war, weiß, an welcher Seite Kurz kämpft. Marina Weisband, einstmals aktiv für die "Piraten"-Partei, sagte es in ihrer Auftaktrede so: "Digitalisierung braucht eine zweite Welle der Aufklärung". Und schon ist die Kultur wieder in der Pflicht.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir den FDP-Politiker Wolfgang Heubisch fälschlicherweise als Kultusminister (zuständig für Unterricht und Kultus) bezeichnet. Heubisch war jedoch von 2008 bis 2013 bayerischer Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

© SZ vom 28.11.2019/cat
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