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Europäische Wochen in Passau:Dunkelblaues Niedersinken

Saif (Graziano Piazza, links) und Mahama (Maddalena Crippa) träumen von einem Meer, "aus dem prinzipiell jeder gerettet wird".

(Foto: Jörg Schlegel/PNP)

Das poetische Stück "Lampedusa Way" von Lina Prosa erzählt von der Flucht übers Mittelmeer

Das Mittelmeer kann so klingen: "Sieh mal, das Meer sieht aus wie Milch." "Es gibt einen Moment am Tag, da werden so viele neue Fische geboren, dass sich das Meer verwandelt, um sie zu stillen." Es ist dasselbe Mittelmeer, in dem noch immer Menschen ertrinken, die nach Europa kommen wollen, in winzigen Booten. Vielleicht haben auch Mohammed und Shauba Schiffbruch erlitten. Sie sind jedenfalls verloren. Um sie zu suchen sind Mahama und Saif nach Lampedusa gereist und treffen sich dort am Strand. "Shaubas Haut ist von einer undefinierbaren Farbe, stellen Sie sich die Morgendämmerung vor, die auf einen Himmel voller Regen trifft", und Mohammed "vollbringt Wunder, lässt die Worte von einem Punkt zum anderen der Brücke springen". So beschreiben sie die beiden Vermissten, geliebt, unverkennbar und einzigartig.

"Lampedusa Way" ist das dritte Stück der "Trilogie des Schiffbruchs" der sizilianischen Dramatikerin Lina Prosa. Sie war die erste Italienerin, die je an der Pariser Comédie-Française inszeniert wurde. In den vorausgegangenen Teilen "Lampedusa Beach" und "Lampedusa Snow" erzählt sie bereits von der Gefahr der Flucht und von illegalen Einwanderern aus Afrika. Für die Europäischen Wochen in Passau ist es dem neuen künstlerischen Leiter Carsten Gerhard erfreulicherweise gelungen, die Dramatikerin zu verpflichten. So inszenierte Lina Prosa "Lampedusa Way" selbst neu, mit den Schauspielern Maddalena Crippa und Graziano Piazza. Die Premiere findet am selben Tag statt, an dem Kapitänin Carola Rackete in Italien vernommen wird, weil sie mit einem Schiff mit Geflüchteten an Bord ohne Erlaubnis in Lampedusa anlegte. Das ist natürlich Zufall, färbt den Abend jedoch mit bedrückender Aktualität.

Die X-Point-Halle, ein karges Allzweck-Ungetüm, ist sicher nicht der ideale Ort für das lyrische, intime Zwiegespräch der beiden Suchenden. Jedoch ist der Raum erstaunlich nebensächlich, sobald die Vorstellung beginnt. Zwischen Papieralgen waten Saif und Mahama herum und spekulieren über den Verbleib ihrer Lieben. Mohammed sitzt unter einem Sonnenschirm, Shauba arbeitet bei einer reichen Familie, ganz bestimmt. Tot sind sie nicht. Sie umkreisen die Idee eines möglichen Schiffbruchs gedanklich von der Seite des Meeres, von der eines Kapitäns, von der des Himmels, betrachten sie aus dem Innersten des Menschen heraus. Die Idee bleibt abstrakt, auch wenn sie wissen, dass es passieren kann: "Gleich danach kehrt jedes Mal wieder Normalität ein", sagt Mahama. "Wie geht das, dass wieder alles normal ist?" Ihre Gedankenfolgen und Sprachspiele erinnern natürlich an Beckett. Nur dass der Gegenstand hier erschreckend konkret und real ist.

Die Inszenierung ist schlicht, die beiden Schauspieler müssen kaum spielen, nur auf der Bühne stehen und Worte sprechen, alles dient der Erlebbarkeit des verspielten, ungeheuer poetischen Textes. Den tragen sie auf italienisch vor, die deutsche Übertitelung ist die großartige Übersetzung von Sabine Heymann. Der Text schafft, wie ein Blick übers Meer, eine Atmosphäre der Sehnsucht. Prosa findet zudem Worte für das Grauen, das sich täglich auf dem Mittelmeer abspielt, ohne grauenvolle Worte zu verwenden. Sie erzählt von Heimat, zieht Parallelen zur Bibel, zur Odyssee, spannt den Bogen vom Meeresgrund hinauf auf den Berggipfel. Darf man aus der Not der Geflüchteten überhaupt Poesie machen? Darf das Ertrinken so schön klingen? Ja, darf es. Weil dies die Poesie der liebenden Zurückgelassenen ist, die hinter dem Schicksal jedes einzelnen auf der Fluch Verschwundenen stehen. Und weil das Recht auf Poesie zur Würde des Menschen gehört, die es unbedingt zu verteidigen gilt, auch auf dem Meer.