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Europa-Premiere des "Lollapalooza"-Festivals:Manna über Berlin

Lollapalooza Berlin 2015 - Day 2

Teenager beim Auftritt von DJ Martin Garrix am Sonntagabend beim Berliner "Lollapalooza"-Festival. Auf den anderen Bühnen spielten "Muse" und "Tame Impala".

(Foto: Clemens Bilan/Redferns)

Das "Lollapalooza"-Festival ist in den USA Kult. Am Wochenende landete es erstmals in Europa. Der Hype war auch hier groß, aber es war eine zwiespältige Premiere.

Eine Douglas C-54 Skymaster steht silbern glänzend auf dem Rollfeld des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof. Die viermotorige Propellermaschine der US-Armee gehörte zu den "Rosinenbombern", die 1948 und 1949, während der Berlin-Blockade durch die Sowjetunion, die Stadt mit allem Überlebenswichtigen versorgten.

Dieses "Arbeitspferd der Berliner Luftbrücke", wie es auf einer Infotafel genannt wird, fand sich am vergangenen Wochenende zwischen "Funfairs", "Foodcourts" und diversen "Stages" wieder - zwischen Zirkuszelten, Konzertbühnen, Bier- und Imbissbuden also, an und in denen 45 000 Besucher die erste Landung des amerikanischen Musikfestivals "Lollapalooza" auf europäischem Boden feierten.

Gleichwohl kaum jemand aus dem Stand den Namen korrekt aussprechen kann, eilt dem Lollapalooza ein legendärer Ruf voraus, der in der ersten Phase seiner Geschichte wurzelt.

Der Sänger Perry Farrell hatte das Festival 1991 eigentlich als Abschiedstournee seiner Band Jane's Addiction organisiert. Deren Alternative-Rock galt als stilbildend für den damals gerade aus dem Untergrund hervorkriechenden Grunge.

Zu einer Zeit, als auf deutschen Festivals das Rockpublikum die Fantastischen Vier noch mit Fäkalienbomben von der Bühne jagte, lud Farrell auch Rap-Musiker wie Ice-T schon ganz selbstverständlich ein, mit ihm ein paar Wochen durch die USA zu ziehen. Hinzu kamen Zirkus-Artisten, Künstler und Vertreter von NGOs.

Einst war hier der Underground auf dem Weg zur Massenkultur

Das Lollapalooza wurde zum Botschafter eines Lebensgefühls, das sich weit abseits des musikalischen und politischen Mainstreams befand. "Plötzlich", so registrierte damals das Branchenblatt Variety, war "die Bohème nicht mehr mit nur einer Stecknadel auf der Landkarte zu verorten", der Underground war auf dem Weg zur Massenkultur.

Wenige Wochen nach dem Ende des ersten Lollapalooza eroberte Grunge in Gestalt von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" die Welt.

Gewetze zur nächsten Bühne

Nach einigen Unterbrechungen findet das Lollapalooza seit 2005 wieder jährlich statt, jedoch nicht mehr als Wanderzirkus, sondern als mehrtägiges Festival im Grant Park in Chicago.

Es gibt Ableger in Chile, Brasilien und Argentinien, und nun eben auch in Berlin. Die Mischung aus (nostalgischem) Zirkusspektakel, (kitschlastiger) Aktionskunst und politischen Bildungsangeboten (wie etwa Oxfam-Ständen und Informationen zu nachhaltigem Konsum) hat sich auch hier genauso erhalten wie das Nebeneinander verschiedener Musikstile.

Im Stundentakt konnte man am Samstag und Sonntag zwischen dem fröhlichen Indie-Rock der Supergroup FFS (bestehend aus Franz Ferdinand und den Sparks), den Beats des Electro-Duos Digitalism, dem Hip-Hop von Run the Jewels sowie dem britischen Star der Stunde, Sam Smith, wechseln.

Smith, der nach nur einem Album bereits den Titelsong zum kommenden James-Bond-Film "Spectre" verantwortet, beeindruckt mit ausgebildeter Tenorstimme und einer Musik, die zwischen tanzbarem Minimalismus und elegischem Pathos schwankt.

Nur von Klavier und Cello begleitet, zauberte er am Sonntag zur Blauen Stunde mit Elvis' "Can't Help Falling in Love" so manche Träne in die Augen junger, leise mitsingender Pärchen - die, kaum dass der letzte Ton verklungen war, Hand in Hand zur nächsten Bühne wetzten, um ja keinen Beat der Berliner Lokalmatadoren Seeed zu verpassen.

Weit weg von der unabhängigen Alternativ-Kultur von einst

Entgegen dem Augenschein hat sich das Lollapalooza von seinen Ursprüngen als selbstbewusster Ausdruck einer unabhängigen Alternative-Kultur so weit entfernt, wie es nur geht. Längst gehört das Festival den größten Unternehmen der Branche: der Künstleragentur William Morris sowie den Konzertveranstaltern C3 Presents und Festival Republic, deren mehrheitlicher Eigentümer mittlerweile der US-Medienkonzern Live Nation ist.

Darauf angesprochen, dass sein Festival sich in ein Aushängeschild der einst bekämpften Industrie verwandelt habe, konterte Perry Farrell auf einer Pressekonferenz am Sonntag mit einem breiten Lachen. "Die Zeiten haben sich eben geändert", stellte er lapidar fest. "Nun braucht es starke Partner, um so ein Festival gut zu organisieren und die Preise niedrig zu halten."

Saftige Monopolrendite

Eine Aussage, in der sich Pragmatismus und Realitätsverlust die Hand zu reichen schienen, kosteten die Tickets doch zwischen 70 und 500 Euro und hatten die Organisatoren doch noch wenige Minuten zuvor erhebliche organisatorische Mängel eingeräumt, in deren Folge Bilder von rekordverdächtigen Warteschlangen vor WCs in den sozialen Netzwerken verbreitet worden waren.

Ganz abgesehen davon, dass Live Nation dafür kritisiert wird, sein Marktmonopol gerade dafür zu nutzen, die Ticketpreise in den USA immer weiter in die Höhe zu schrauben.

"Wir sind alle eine Familie", jubelte hingegen Farrell und hob zu einer Rede an, in der er die Segnungen seines Festivals mit "Manna" verglich, mit jenem Brot also, das nach biblischer Überlieferung einst über den Israeliten in der Wüste vom Himmel fiel und sie vor dem Verhungern bewahrte.

Die darüber hinaus anwesenden Offiziellen nahmen es hinter ihren Sonnenbrillen mit Grinsen zur Kenntnis. Zugegeben, das Problem mit den Schlangen bekamen die Organisatoren über Nacht in den Griff. Und auch das umfangreiche familienfreundliche Angebot an kindgerechten Konzerten und Aktivitäten, "Kidzapalooza" genannt, erwies sich als sinnvolle Ergänzung. Und doch machte sich die Ahnung breit, dass etwas faul ist am Lollapalooza-Zirkus.

Sehnsüchtiger Blick auf den Rosinenbomber

Vielleicht hat auch Stuart Murdoch das gespürt, der Sänger der schottischen Band Belle and Sebastian, deren euphorisches Konzert am Sonntag um 17 Uhr begann. Vielleicht hatte ihn zwischendurch auch die Nachricht von der Wiedereinführung der Kontrollen an den deutschen Grenzen erreicht - dabei hatte er doch gerade noch zwischen zwei Songs bekannt, sich für die britische Flüchtlingspolitik zu schämen, und Deutschland als Vorbild gefeiert.

Jedenfalls blickte Murdoch am Ende seines Auftritts, um 18 Uhr, zum silbernen Rosinenbomber in der Mitte des Festivalgeländes und raunte: "Damit würde ich jetzt am liebsten direkt nach Hause fliegen."

Das Lollapalooza wird im nächsten Jahr wieder nach Berlin zurückkommen. Wer in diesem Jahr dabei war, soll einen Nachlass von 20 Prozent auf die Tickets bekommen. Wie hoch die Preise dann sein werden, wurde allerdings noch nicht bekannt.