Mein EuropaDas Tier mit 28 Beinen

Die SZ hat sieben Schriftstellern aus EU-Staaten die gleiche Frage gestellt: Wie erklärt man Aliens die Idee Europa? Das sind ihre Antworten.

Dänemark – Janne Teller

Guten Tag, Herr Alien. Ich verstehe, dass Sie sich für unser Europa interessieren. Gestatten Sie mir also, Ihnen ein Geheimnis zu verraten: Das meiste, was Sie über Europa hören, mag wahr sein, ist aber nicht das Entscheidende. Je nachdem, wen sie fragen, werden die einen von Verträgen und Dokumenten, von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Währungen und technischen Standards erzählen, andere von verschiedenen Ländern und Menschen, die da zusammenleben, ohne sich zu bekriegen, von Studenten, Arbeitnehmern und anderen Menschen, die sich frei bewegen können. Wieder andere werden mit irgendwelcher Detailkritik kommen, etwa mit der Intransparenz und wie lang das immer dauert in Europa mit Entscheidungsfindungen. Aber nur wenige werden es wagen, Ihnen die Wahrheit zu sagen: Dass unser Europa ein Tier ist. Ein Tier, das einen überwältigt.

Das fängt schon mit der Zahl der Beine an. Wir zählen 28, aber es gibt noch ein paar mehr, die dazu neigen, ihrer eigenen Wege zu gehen, obwohl sie eindeutig an ihrem großartigen Körper hängen. Großartig sage ich, und Europa ist tatsächlich groß, obwohl man es im Vergleich zu einigen anderen Tieren nicht als riesig bezeichnen würde. Es neigt nur dazu, sehr auffällig zu sein, wann und wo immer es sich bewegt. Das mag daran liegen, dass es ein Tier wie kein anderes ist. Von Kopf bis Fuß wechseln ihre Farben ständig: Es strahlt in Pastelltönen wie der Mitternachtssonnenhimmel des Nordens, auf dem Rücken ist es rostrot wie der Herbst in Polen, auf dem Bauch umkleidet es das Türkis der Mittelmeerküste ...

Unser Tier Europa ist ein gutherziges Tier, das über viele Jahre hinweg gelernt hat, sich nicht nur um seine starken, sondern auch um seine schwächeren Flanken zu kümmern. Europa weiß, dass jeder Teil von ihm gleich bedeutsam ist und gleich gut behandelt werden muss. Es ist auch sehr intelligent und hat bemerkenswerte Einsichten gewonnen und sie für das genutzt, was hier auf Erden als moderne Gesellschaft bezeichnet wird. Auch seine Leidenschaften sind vielfältig, aber die wichtigste ist ihm die Kunst. Da ist es in seinem Element, sei es in Poesie oder Literatur, Musik, Malerei, Skulptur oder Architektur.

Zugegeben, es hat in der Vergangenheit einiges falsch gemacht und daher noch viel zu lernen. Im letzten Jahrhundert etwa hat es gelernt, dass Wachstum nicht der Weg zum Glück ist. Dass es auch nicht der richtige Weg ist, reicher oder schneller oder einfarbiger zu werden. Solange es viel zu essen hat (was es tut), Schutz, Wasser und Wärme (von denen auch reichlich vorhanden sind), ist die Sorge um das Wohlergehen unseres Planeten, seiner Bewohner und Lebewesen der wahre Sinn seines Lebens. An dem Tag, an dem es dies wirklich versteht - und dass auch sein eigener Wohlstand davon abhängt -, wird seine wahre Glückseligkeit beginnen.

Ich verstehe, dass Sie sich ein eigenes Europa wünschen, Herr Alien.

Die Wahrheit ist, dass man Europa nicht replizieren kann. Sie können es nur selbst heranzüchten. Und dafür braucht es aufrichtige Liebe. Dieses Europa-Ei, befruchtet von denen, die es wirklich lieben und pflegen, wird also unser Geschenk an Sie sein. Möge Ihr Europa genauso widerstandsfähig sein wie das unsere. Mögt ihr es noch mehr lieben, als wir das tun.

Janne Teller, geboren 1964 in Kopenhagen, lebt zwischen London und Helsingör. Sie schrieb "Europa - Alles, was dir fehlt" (btb 2011). Deutsch von Vanessa Prattes.

Bild: AFP 23. Mai 2019, 18:382019-05-23 18:38:17 © SZ.de/tmh