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Abba-Gründer Björn Ulvaeus:Ein europäischer Traum

Björn Ulvaeus Abba Europa

Björn Ulvaeus ist Komponist, Musiker und Mitgründer der Popgruppe Abba.

(Foto: dpa)

Warum ergreift Europa nicht das Zepter und wird Anführer der liberalen Demokratien der Welt? Warum schaffen europäische Kreative und Künstler kein europäisches "Wir"?

Gastbeitrag von Björn Ulvaeus

Warum hat Europa ein so geringes Selbstwertgefühl? Warum sollte es sich in Selbstzerfleischung suhlen, sich selbst auspeitschen wie ein Flagellant? Wenn es sich wegen seiner gewalttätigen Kapitel der Vergangenheit schlecht fühlt, was ja richtig ist, könnte es etwas wieder gutmachen, indem es das Zepter ergreift, das derzeit nutzlos auf dem Boden liegt, und - auf welche Weise auch immer - zum neuen Anführer der liberalen Demokratien der Welt werden.

Für die meisten, die mich kennen, bin ich extrem schwedisch. Wenn ich also sage, dass ich mich meistens in erster Linie als Europäer sehe, werde ich schief angeschaut. Europäischsein ist für die meisten Menschen ein seltsames Konzept. Gibt es das überhaupt? Und wenn ja, was wäre das?

Während es der imaginären Gemeinschaft Nordamerikas gelang, Patriotismus und Stolz auf ihre Einzigartigkeit zu wecken, kam Europa dem nicht einmal nahe. Dabei ist doch der Reichtum seiner Geschichte und Kultur beispiellos. In dieser ganzen Fülle von Gutem und Bösem liegt der Stoff, aus dem die Träume und Visionen der Zukunft gemacht werden, vergraben, bereit, jederzeit gehoben zu werden.

Hirngespinste eines naiven, in die Jahre gekommenen Popstars?

Ich habe das vielleicht etwas naive Gefühl, dass wir uns auf diesem kleinen Kontinent alle gut kennen. Schon klar, das hat damit zu tun, dass ich so viel in Europa gereist bin. Ich habe einen großen Schatz an Erinnerungen gesammelt von unzähligen Treffen mit anderen Europäern, und deshalb bin ich überzeugt: Ein europäischer Traum ist möglich. Wenn ich diese Erfahrungen nur irgendwie der skeptischen Mehrheit nahebringen könnte.

Ich habe gerade Robert Harris' wunderbare Trilogie über den römischen Staatsmann und Redner Cicero gelesen und fühlte mich ihm so verbunden. Es mag lächerlich klingen, aber es war so. Ein europäischer Landsmann. Auf dieselbe lächerliche Art fühle ich mich mit Beethoven, Voltaire, Hume, Piaf, McCartney, da Vinci, Lagerlöf, Curie, Einstein, Kafka und vielen, vielen anderen verbunden.

Bin ich mit meinem Europagefühl eine Ausnahme von der Regel? Was, wenn ich es nicht bin und es da draußen Millionen gibt, die intuitiv genauso fühlen wie ich, aber nicht groß darüber nachdenken, weil so etwas wie ein europäischer Traum nicht einmal im Ansatz formuliert wurde?

Stellen Sie sich vor, man könnte kreative Menschen aller Art in Europa dazu bringen, das dringende Bedürfnis zu verspüren, ein europäisches "Wir" zu gestalten. Nicht als Gegensatz zu den "Anderen", kein arrogantes oder chauvinistisches "Wir", sondern eines, das offen und vor allem inspirierend sein könnte in diesen dunklen Zeiten. Denn warum sollte dieses Europa, wo mehr Geschichten geschrieben wurden als in irgendeinem anderen Teil der Welt, nicht in der Lage sein, seine eigene Geschichte zu schreiben? Eine Vision von dem, was es sein könnte.

Hirngespinste eines naiven, in die Jahre gekommenen Popstars?

Möglicherweise. Aber die Welt könnte diese Geschichte jetzt sicher gebrauchen.

Aus dem Englischen von Rudolf Müssig.

© SZ vom 26.09.2020/khil
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