Raoul Schrotts Euripides als Hörspiel:Götter hassen Extremismus

Raoul Schrotts Euripides als Hörspiel: Zeitloser Stoff: "Iphigenie auf Tauris", hier in der Version von Karl Armbrust aus dem Jahr 1908

Zeitloser Stoff: "Iphigenie auf Tauris", hier in der Version von Karl Armbrust aus dem Jahr 1908

(Foto: All mauritius images/mauritius images / ART Collectio)

Eine "Orestie" nach Euripides, in sehr modernes Deutsch gebracht von Raoul Schrott, als Hörspiel im Deutschlandradio.

Von Gustav Seibt

Euripides, der jüngste der drei klassischen Tragödiendichter Athens, hat, anders als Aischylos, der älteste der Reihe, keine "Orestie" verfasst. Doch gibt es von ihm mehrere Dramen aus unterschiedlichen Zeiten, die den Stoff des atridischen Sagenkreises behandeln, darunter zwei "Iphigenien", die auch Goethe inspirierten. Iphigenie, die Tochter von Agamemnon und Klytämnestra, wurde in Aulis geopfert, um das nach Troja segelnde Heer der Griechen von einer Flaute zu befreien. Vom Opferaltar wurde sie nach Tauris entrückt, dorthin, wo Goethes Drama spielt. Doch für Klytämnestra war die Tochter tot - geopfert für einen Eifersuchtskrieg um Helena, ihre eigene Schwester, die mit Paris durchgebrannt war.

Für den Verlust ihrer Tochter nahm Klytämnestra Rache und ermordete ihren Ehemann Agamemnon, als dieser siegreich heimkehrte. Dabei half ihr Aigisthos, den sie nun zum Mann nahm. Für den Gattenmord wiederum musste Klytämnestra büßen, sie wurde von ihrem eigenen Sohn Orestes umgebracht, zusammen mit Aigisthos und angefeuert von seiner Schwester Elektra. Opfertod einer Tochter, Gattenmord, Muttermord - das ist die furchtbare Abfolge des Orestie-Stoffes. Am Ende mündet er in die Ablösung der Blutrache durch das Recht und in die Einsetzung der Polis, des athenischen Stadt- und Rechtsstaates.

Von Euripides hat sich kein Agamemnon-Drama erhalten, aber eine "Elektra" und ein "Orestes", allerdings nicht als Teil eines Zyklus, sondern zu verschiedenen Zeiten aufgeführt: die "Elektra" vermutlich im Jahr 430 vor Christus, der "Orestes" 408. Diese beiden Stücke verhandeln den Ablauf von der Ermordung Klytemnästras bis zur Befreiung des Orestes von seiner Schuld.

Die Fragen hinter den Morden sind auch Geschlechterfragen

Die Schuld ist keine persönliche, denn der Muttermord wurde Orestes vom Gott Apollon selbst aufgetragen. Trotzdem bleibt der Muttermord ein unverzeihliches Verbrechen, wenn auch ein in der Rachelogik unvermeidliches. Orest verfällt zunächst dem Wahnsinn, er sieht sich verfolgt von grauenhaften Rachemonstern, den Erinnyen.

Daran knüpfen sich große Fragen, die auch Geschlechterfragen sind: Ist Tochtermord schlimmer als Gattenmord? Ist Muttermord weniger schlimm als Gattenmord? Es ist gerade diese Genderdimension, die Euripides bewegt. In seiner "Elektra" legt er Klytämnestra bohrende Fragen in den Mund: "Stell dir das umgekehrt einmal vor. Nimm an mein schwager Menelaos wäre von einer frau ver- und dann entführt worden. Hätte ich - um ihn wieder zurückzuholen - meinen Orestes für ihn an einem altar geopfert? Was glaubst du hätte dein vater dann gemacht? Umgebracht hätte er mich."

"Was glaubst du" - dieser heutige Ton stammt von Raoul Schrott, der aus "Elektra" und "Orestes" des Euripides eine zweite "Orestie" geformt hat, weniger übersetzend, als anverwandelnd, bearbeitend, ausgestaltend (und in konsequenter Kleinschreibung). Schrott muss kaum zuspitzen, um die Frage so modern stellen zu lassen. Sein Anteil ist vor allem die Absenkung des hohen Stils, der erhabenen, streng rhythmisierten Tonlage des Originals.

Euripides zieht selbst die Götter vor ein Vernunftgericht

Das ist nicht illegitim, weil es etwas wiederholt, was Euripides selbst schon getan hatte: Dieser zog die mythischen Stoffe in die Sphäre einer fast bürgerlichen Alltagsmoral, er erörterte die von ihnen aufgeworfenen Fragen dialektisch, in einem sokratischen Geist, der auch die Götter vor sein Vernunftgericht zieht. Schrotts übersetzerische Ernüchterung wiederholt eine antike, athenische Ernüchterung.

Im "Orestes" wird von Klytämnestras Vater Tyndareos die Maßlosigkeit der Sanktion an seiner Tochter mit ähnlich unfeierlichen Worten kritisiert. Statt Ermordung hätte ihr, so sagt er, Verbannung aus dem Haus und Exil gebührt. Hätte Orestes das durchgesetzt, "dann hätte er sich als kühler kopf erwiesen der die gesetze anwendet auch in einer situation wo er selbst betroffen ist - er stünde jetzt als moralische instanz da - als ein mann von vernunft und anstand." Kann man es trivialer sagen? Im Original steht an dieser Stelle, dass Orestes sich dann als "Besonnener" erwiesen hätte, der den "Gesetzen getreu", "fromm" handelte. Die "moralische Instanz", das Leitartikelwort, ist, kaum überraschend, Schrotts Zutat.

Götter, so sagt Menelaos wenig später seien "wie rechtschaffene bürger", sie "hassen eiferer und extremismus". "Die Götter hassen ungemessnen Übermut", so hieß es in der alten Übersetzung von J.J. Donner, die Walter Jens einst bevorwortete. "Misei gar ho theos tas agan prothymias" - im originalen Wortlaut mag man in der "prothymia" jenen "Thymos" (Zorn) wiedererkennen, den Peter Sloterdijk jüngst neu entdeckt hat. Das ist also Schrotts "Extremismus".

Es wäre ungerecht, Schrotts Stilentscheidungen vollständig auf diese drastische Prosaik festzulegen. Es gibt Einsprengsel des hohen Tons, viele pathetische Vergleiche sind erhalten, die Chorlieder, im Original komplex rhythmisiert, bewusst archaisch, setzt er oft in Reime, um den Abstand zur Sprechhandlung zu signalisieren.

Das Pathos, das Schrott entfernt hat, kehrt in der Musik zurück

Dass Schrotts Übersetzungen gut spielbar sind, haben schon die "Alkestis" und die "Bakchen" erwiesen, die beide auf großen Bühnen gezeigt wurden, im Münchner Residenztheater und im Wiener Burgtheater. Aus der "Orestie" hat nun das Deutschlandradio unter der Regie von Michael Farin ein zweiteiliges, prominent besetztes Hörspiel gemacht.

Hier glänzen unter anderen Melika Foroutan (Elektra) und Corinna Harfouch (Klytämnestra) und Ulrich Matthes und Michael Rotschopf (Menelaos und Orestes), man hört Ulrich Noethen und Friedhelm Ptok. Der Text wurde an vielen Stellen gekürzt und nachbearbeitet, er hat dabei gegenüber der Buchfassung sehr gewonnen.

Eine komplexe, immer wieder absichtsvoll aussetzende musikalische Begleitung (Franz Hautzinger) gibt dem Drama etwas von dem Pathos zurück, das ihm die Sprache Schrotts genommen hat. Die Stimmregie wechselt zwischen einer postdramatischen Insichgekehrtheit, als redeten die Personen mehr mit sich selbst als dem Gegenüber, und auftrumpfender Drastik. Die Amplitude ist vor allem mit Kopfhörern so groß, dass tatsächlich ein Bühneneindruck entsteht. Hadern kann man mit der modischen Beiläufigkeit, mit der gerade emotionale Höhepunkte wie die Wiedererkennung (Anagnorisis) zwischen Elektra und ihrem nach vielen Jahren heimkehrenden Bruder Orestes abgedämpft werden.

Der "Orestes" übrigens löst den großen mythischen Konflikt so überraschend anders auf als Aischylos in seinen "Eumeniden", dass man selbst manchem gebildeten Leser keinen Spoiler zumuten mag.

Im Deutschlandradio am 21. und 28. März, jeweils um 18:30 Uhr.

Euripides: Die großen Stücke. Alkestis-Die Bakchen-Elektra-Orestes. Übertragen von Raoul Schrott. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2021. 407 Seiten, 30,00 Euro.

© SZ/fxs
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