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EU-Referendum:To brexit or not to brexit

Gipkyn, John, active 1594-1629; Old Saint Paul's

1616, im Todesjahr Shakespeares, malte John Gipkyn die "Union Flag" in sein "Diptych of Old St. Paul's" (Ausschnitt).

(Foto: oh)

Shakespeare hat erlebt und beschrieben, wie England zu Großbritannien wurde. Beginnt im Shakespeare-Jahr die Rückentwicklung?

Großbritannien stimmt in dieser Woche nicht nur über seinen Verbleib in der Europäischen Union ab, sondern auch über sich selbst. Die Wandlung des Brexit von einem taktischen Manöver zu einer realen Option wurde vor allem im Kernland des Vereinigten Königreichs, in England, vorangetrieben. Ein Blick auf die Landkarten mit den aktuellen Umfragewerten zeigt, dass die "Top Ten" der Brexit-Hochburgen alle hier, in den Regionen außerhalb Londons, versammelt sind. In Wales sind die Brexit-Befürworter in der Minderheit, Schottland hat unter den Länder des United Kingdom den höchsten Anteil an Wählern, die für den Verbleib stimmen wollen.

Je näher das Referendum rückt, desto deutlicher treten diese Ungleichverteilung der Pro- und Contra-Energien und der Umstand ins Bewusstsein, dass alte Konfliktlinien wie die zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland durch das Referendum aktualisiert werden. Zu den Post-Brexit-Szenarien gehört das eines neuen schottischen Referendums mit dem Ziel der Loslösung von England zugunsten einer künftigen eigenständigen EU-Mitgliedschaft. Es scheint, als nähmen die englischen Ausstiegsbefürworter den Zerfall der Einheit des United Kingdom als Preis für den Brexit in Kauf.

Es ist reiner Zufall, dass das Jahr, in dem die Briten über den Brexit abstimmen, zugleich ein Shakespeare-Jahr ist. Aber dieser Zufall hat einen eigentümlichen Effekt. Er lenkt den Blick auf die Epoche, in der das Königreich England unter Elizabeth I. sich seiner selbst und seiner Herkunft aus blutigen Kriegen im Inneren vergewisserte und in der dann ihr aus Schottland stammender Nachfolger James I. den Anspruch erhob, "King of Great Britain" zu sein. Nun blickt eine Gegenwart in diese Welt zurück, in der ein gegenläufiger Prozess denkbar wird: die Rückentwicklung Großbritanniens zu England.

Mehr und mehr war William Shakespeare in den vergangenen Jahrzehnten zum universellen Autor geworden, dessen tödlich verfeindete Familien, stürzende Machthaber und Usurpatoren, verzauberte Liebende und haltlose Trunkenbolde, Verblendete und Hellsichtige in alle Kontinente ausschwärmten. Taucht man aber nun in die Shakespeare-Welt ein, so treten dem Globus, der seinem Theater den Namen gab, wieder die heimischen Landkarten an die Seite, etwa die, über die sich in "Heinrich IV." die Rebellen beugen, um zu beratschlagen, wie sie das Land aufteilen werden, wenn sie die Macht errungen haben. Es geht darum, wem das nördliche England und wem das südliche zufallen soll - und wem Wales.

Es war eine alte Geschichte aus dem frühen 15. Jahrhundert. Aber Landkarten waren im elisabethanischen England hochaktuelle, hochpolitische Gebilde. Erst der Vater von Elizabeth I., Heinrich VIII., hatte Wales formell dem Königreich England einverleibt. Als Shakespeare mit seinen Historien bekannt zu werden begann, um 1592, entstand das "Ditchley Portrait" von Elizabeth I., in dem sie auf einer gekrümmten Erdoberfläche steht, dort, wo den Globus die Karte bedeckt, die Christopher Saxton 1576 von Warwickshire und Leicestershire angefertigt hatte.

Die Karte war Teil eines großen, aus 34 Karten bestehenden Atlas-Werkes über England und Wales, in dem die Untertanen von Elizabeth erstmalig das Land als Ganzes überblicken konnten, in dem sie lebten. Nicht nur an den Hof und die Eliten war das Kartenwerk adressiert, sondern auch an die niederen Schichten, die es als Bildelement in Kartenspielen erreichte. Es war das Gegenbild der Landkarte, auf die in Shakespeares Theater die Figuren blicken, um das Land zu zerstückeln. Der Atlas war Teil der inneren Erschließung und Zusammenfügung Englands, die Königin verkörperte dieses Land, auf dem sie im "Ditchley"-Porträt stand.

Shakespeare war beides, ein "englischer" und ein "britischer" Dramatiker

Shakespeare war nicht lediglich Zeuge der inneren Erschließung Englands für seine Bewohner, sein Theater war einer der wichtigsten Schauplätze, auf denen sie stattfand. Es hatte einen doppelten Adressaten, das gemischte städtische Publikum in London und den Hof. Die Historien, in denen er das Zeitalter der Rosenkriege den Chroniken und der Zeitachse der Realgeschichte entführte und den Gesetzen des Theaters unterwarf, vibrierten vor aktueller Spannung, wenn sie von scheiternden Thronfolgern erzählten und immer wieder um den riskanten Punkt kreisten, an dem ein König stirbt. Im Reich von Elizabeth, der jungfräulichen Königin, die unverheiratet und kinderlos blieb, war die Frage der Nachfolge prekär. Und tabu.

Die Rhetorik der Zerrissenheit und die Rhetorik der Einheitsbeschwörungen, die er der blutigen innerenglischen Rivalität der Häuser York und Lancashire abgewann, war mehr als nur Nacherzählung der blutigen Vorgeschichte, die mit dem Tod Richards III. und dem Sieg Heinrichs VII. zur Machtübergabe an das Haus Tudor führte, dem Elizabeth angehörte. Die Ausblicke, die er auf den Hundertjährigen Krieg mit Frankreich gab, waren nicht nur Rückblicke. Sie knüpften Verbindungen zwischen äußerer und innerer Bedrohung für ein Publikum, in dem die Erinnerung an den Sieg über die spanische Armada 1588 noch frisch und der Konflikt Englands mit der europäischen Großmacht Spanien noch nicht ausgestanden war.

Mindestens so erfolgreich wie in der Geschichtsschreibung, der Geografie und den bildenden Künsten wurden im Globe-Theater und in den Auftritten bei Hofe die Bilder und Wendungen geprägt, in denen England sich selbst als Nation beschwor. Wer in diesen Tagen in die Welt Shakespeares eintaucht, der wird über die Antwort nicht hinweggehen, die in der gegenwärtigen Shakespeare-Philologe auf die Frage gegeben wird, ob Shakespeare ein "englischer" oder ein "britischer" Dramatiker war. Sie lautet: Er war beides.

Während der Herrschaft von Elizabeth I., also bis 1603, sprach er - zumal in seinen Historien der 1590er-Jahre - stets von England. "God for Harry, England, and St. George" heißt es in "Heinrich V.", in "Heinrich IV." spricht Falstaff von "our English Nation". Nachdem James I. den Thron bestiegen hatte, taucht mehr und mehr das Adjektiv "britisch" auf. Shakespeares Bühne wird, zumal in "Cymbeline" und im "King Lear", zum Reflexionsraum über das Projekt des neuen Königs, des Sohnes von Mary Stuart, England unter Einschluss von Wales und seine Heimat Schottland zu einem Königreich zu vereinigen.

Der "Union Jack", entworfen aus englischem Georgskreuz und schottischem Andreaskreuz

Mehr als fünfzigmal tauchen in "Cymbeline die Begriffe "Britain" für das Land und "Britains" für seine Bewohner auf. Shakespeare hat das Stück für den Hof von James I. geschrieben. Es führt zurück in die Zeit, als die Römer in Britannien waren, in die Zeit des Kaisers Augustus. In der Symbolik, mit der James I. sich umgeben hatte, spielte seine Identifikation mit Augustus als Einheitsstifter und Hersteller des Friedens eine Schlüsselrolle. Und das Projekt "Great Britain" war als Rückgang Englands an seine Ursprünge inszeniert: Seit dem Mittelalter gab es eine erfundene mythologische Tradition, die den Briten und den Römern den gleichen Ursprung zuschrieb. Ein Enkel des Aeneas, gezwungen, ins Exil zu gehen, gelangt auf die Insel und nennt sie nach sich selbst und die Bewohner "Britons". London entsteht, wie Rom, als Ableger von Troja.

Trotz der mythologischen Unterfütterung scheiterte James I. Die Parlamente in London und Edinburgh blockierten das "United Kingdom", es blieb bei der Personalunion, in der er zugleich König von England unter Einschluss von Wales und Schottland war. Er selbst, der König, war das einzige Band zwischen den Reichen. Aber England war auf dem Weg, Great Britain zu werden. In Irland baute James I. seit 1609 die englische Herrschaft im Zuge der Ansiedlung englischer, schottischer und walisischer Siedler aus. Hier, nicht in Schottland, trat England als Kolonialmacht auf.

Shakespeare hatte schon zu Zeiten von Elizabeth Schottland als Figuren- und Konfliktreservoir in seine Historien über die Etablierung und den stets drohenden Zerfall einer Zentralmacht hineingenommen. Nun schrieb er sein schottisches Königsdrama, "Macbeth", und im "King Lear" beginnt der Zerfall des Reiches eines "Königs von Britannien" mit der Aufteilung der Landkarte: "Give me the map there." Im Brexit könnte die Fahne, die James I. aus englischem Georgskreuz und schottischem Andreaskreuz entwerfen ließ, zerschnitten werden.

© SZ vom 20.06.2016

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