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EU-Jugendorchester:London kann sehr kalt sein

Youth Orchestra of the European Union Porto 02 28 2015 Auditions for choice of elements of the Eu

Für mehr als 90 Prozent der Euyo-Mitglieder ist das Jugendorchester ein Sprungbrett zur Profilaufbahn. Im Bild: Musikerinnen vor einer Probe. Foto: Image / Global Images

(Foto: Global Images/imago)

Das Jugendorchester der Europäischen Union muss nach dem Brexit raus aus der britischen Hauptstadt. Ein Gespräch mit dessen Leiter und eine Bestandsaufnahme.

Von Alexander Menden

Mitte Juni 2016, eine Woche vor dem britischen EU-Referendum, telefonierte Marshall Marcus mit einem deutschen Kollegen. Der zeigte sich überaus interessiert an Marcus' Arbeit, wollte aber vor allem eines wissen. "Er fragte, was damals alle fragten", erinnert sich der Geschäftsführer des Jugendorchesters der Europäischen Union (Euyo). "Bleibt ihr drin, oder geht ihr raus? Ich antwortete: Es wird sehr knapp." Marcus war weniger optimistisch als die meisten, die in der liberalen Echokammer London einem Sieg der EU-Befürworter entgegensahen. "Aber als ich am frühen Morgen des 24. Juni das Radio anmachte und hörte, wie das Referendum ausging, war es ein Schock", erinnert er sich. "Ich bekam dieses unangenehme Gefühl in der Magengegend, das man hat, wenn man weiß, dass etwas Einschneidendes passiert ist."

Als Leiter einer Institution, welche die Europäische Union im Namen trägt, ihre Zentrale aber seit 42 Jahren in London hat, wusste Marshall Marcus natürlich, dass diese Entscheidung auch Konsequenzen haben würde für das Jugendorchester, dessen Geschicke er seit fünf Jahren mitgestaltet. Seit dem Referendum bereitet er den Wegzug des Euyo aus Großbritannien vor. Vom Herbst an wird es im italienischen Ferrara seinen Sitz haben. "Eine EU-Organisation kann ihre administrative Basis nicht im Vereinigten Königreich haben, wenn das Vereinigte Königreich nicht in der EU ist", sagt er.

Marshall Marcus, ein zierlicher Mann mit schütterem Lockenkopf, bleibt beim Gespräch im Londoner Büro in Mayfair unweit der deutschen Botschaft sachlich. Und doch wird deutlich, dass es ihn nicht kaltlässt, wenn er bei seinen zahlreichen Auslandsreisen den Brexit erklären soll: "Ganz gleich, ob ich im italienischen Kulturministerium bin oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder mit amerikanischen Freunden spreche", sagt er, "alle fragen mich nur: Was ist bloß aus den Briten geworden? Die waren doch immer so praktisch veranlagt!"

Als politisches Signal ist der Brexit auch für ihn, den musikalischen Weltbürger, eine Katastrophe. Der 63-jährige Brite war als Violinist unter anderem Mitglied des BBC Symphony Orchestra, des Amsterdam Baroque Orchestra und Konzertmeister des Orquesta Filarmonica de Caracas in Venezuela, wo er sich früh in dem Musikprogramm "El Sistema" engagierte, in dem Kinder kostenlos Musikunterricht bekamen. Marcus hat Systema Europe gegründet und war Programmdirektor für Musik am Londoner Southbank Centre. Die Geschäftsführung des Euyo übernahmt er 2013, weil er sich mit dem Geist identifizieren konnte, aus dem heraus es 1976 gegründet worden war: Auf die Initiative der in London lebenden Amerikanerin Joy Bryer und ihres südafrikanischen Mannes Lionel zurückgehend, will man junge Europäer grenzübergreifend durch Musik zueinanderbringen. An dieses Prinzip glaubte Bryer, die viele Jahre auch CEO des Orchesters war, leidenschaftlich.

Das Euyo soll die Entwicklung junger Menschen fördern und es soll die Ideale der EU verkörpern

Das Euyo ruhe auf "zwei Säulen", sagt Marcus: "Es sollte von Beginn an der Entwicklung junger Menschen durch die Zusammenarbeit mit den besten Musikern der Welt dienen, und es sollte die kollaborativen, friedensfördernden Ideale der EU verkörpern." Die ersten Schirmherren waren Claudio Abbado und der britische Ex-Premier Ted Heath, der Großbritannien in die Europäische Gemeinschaft geführt hatte. Zu den Dirigenten gehörten Bernard Haitink, Daniel Barenboim, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan. Derzeitiger Chefdirigent ist Vasily Petrenko.

Alljährlich reisen zwischen September und Dezember Tutoren des Orchesters durch alle 28 EU-Mitgliedsstaaten, wo Tausende junger Bewerber zwischen 16 und 26 ihnen vorspielen. Von ihnen werden 120 Mitglieder ausgewählt, die sich in jedem Jahr neu bewerben müssen. Einige bleiben ein Jahr, manche mehrere. "Unsere größte Konkurrenz ist der Markt für Berufsmusiker", sagt Marshall Marcus. Für mehr als 90 Prozent der Euyo-Mitglieder ist das Jugendorchester ein Sprungbrett zur Profilaufbahn. Solisten wie der griechische Geiger Leonidas Kavakos oder der Dänische Schlagzeuger und Dirigent Thomas Søndergård sind aus ihm hervorgegangen.

Noch bedeutender ist nach Marcus' Ansicht aber, in wie vielen der wichtigsten Orchester der Welt Euyo-Alumni spielen. "Als wir 2016 in Finanzprobleme gerieten, war es überwältigend zu erleben, aus welchen Orchestern sich Ehemalige zu Wort meldeten und unsere Kampagne unterstützten: die Berliner Philharmoniker, das BR Symphonieorchester, das Concertgebouw, das Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia und viele andere."

Die Europäische Union subventioniert das Orchester mit jährlich bis zu 600 000 Euro, das sind rund 30 Prozent des Gesamtbudgets; alle Mitgliedsstaaten steuern eigene kleinere Beträge bei, hinzu kommen Sponsorengelder und Einnahmen aus Konzerten und Aufnahmen. Er sei, so Marshall Marcus, 2012 mit dem festen Vorsatz angetreten, die Strukturen des Orchesters noch europäischer zu machen: "Die Stiftung und das Management bestanden fast nur aus Briten. In Brüssel wurden wir organisatorisch als sehr britische Institution angesehen. Natürlich hatte das keinen Einfluss auf die Musik - wir touren durch die ganze Welt, unsere Sommerresidenz ist seit Jahren das österreichische Grafenegg. Aber es war wichtig, auch in den Verwaltungsstrukturen unsere Identität gespiegelt zu finden." Mittlerweile arbeiten im Londoner Büro Finnen, Österreicher, Rumänen, Franzosen und Deutsche. Letztlich hat das Referendum den Bemühungen, europäischer zu werden, sogar einen Schub gegeben.

Denn als klar war, dass die Euyo-Zentrale nicht in London würde bleiben können, gab es schnell Angebote aus sieben anderen EU-Ländern: "Das reichte von Musikagenturen, die uns ein paar Büroräume anboten, bis hin zu extrem ambitionierten Großprojekten" erklärt Marshall Marcus. "Es war eine Art Schönheitswettbewerb." Die Entscheidung für Ferrara fiel, weil der Bürgermeister persönlich schrieb, weil Kulturminister Dario Franceschini 2016 während der Finanzierungskrise des Euyo sehr hilfreich gewesen war und die RAI sich als offizieller Sendepartner anbot. Mittlerweile gibt es eine italienische Stiftung, die die rechtlichen Voraussetzungen für den Umzug gewährleistet.

Kommenden März unternimmt das Orchester eine Reise nach Ferrara, in deren Verlauf auch die Londoner Mitarbeiter prüfen können, ob für sie ein permanenter Umzug dorthin vorstellbar ist. Am 5. Juli wird das Büro in Mayfair geräumt sein. Im Sommer hat das Orchester seine seit Jahren etablierte Residenz im österreichischen Grafenegg. "Und von September an sind wird dann ganz in Ferrara", sagt Marcus, "inklusive der Instrumente, die jetzt in einem Lagerhaus in Leiden lagern."

"Wenn wir England besuchen, wird es dasselbe sein, als wenn wir nach Dubai reisen"

Der Prozess ist unumkehrbar. Selbst wenn die Briten mehr Geld böten als die EU, um das Orchester zu halten, würde er ablehnen, sagt Marshall Marcus. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: "Selbst wenn es ein zweites Referendum gäbe und sich die Briten entschlössen, doch in der EU zu bleiben - der Zug ist abgefahren." Den Umzug selbst betrachtet der Euyo-Geschäftsführer im Übrigen als etwas Gutes. Der wirkliche Tiefschlag durch den Brexit seien die Folgen für die britischen Musiker. "Die werden wir verlieren" sagt Marcus. "Das macht mich als britischen Europäer sehr traurig."

Heute kann ein britischer Musiker auf den Kontinent gehen und unbürokratisch jeden Job annehmen, der innerhalb der EU angeboten wird. Sollte es einen "harten" Brexit geben, wird das enorm erschwert. Das Euyo wird auch weiterhin an BBC Proms oder dem Edinburgh International Festival teilnehmen. Ob es weitere britische Konzerte gibt, wird davon abhängen, wie mühsam die Grenzkontrollen werden, wie stark oder schwach das Pfund ist. Auch vom Effekt der Zusammenarbeit zwischen dem EU-Jugendorchestern und lokalen jungen Musikern an den Auftrittsorten wird das Vereinigte Königreich nicht mehr profitieren. "Wenn wir England besuchen, werden die Voraussetzungen dieselben sein, als wenn wir nach Dubai reisen", sagt Marcus. "Es ist dann ein Drittland."

Das ist bitter, da die britische Gesellschaft zwar tief gespalten ist, es im Musikbetrieb aber so gut wie niemanden gibt, der den Brexit gut findet. "Beim Brexit", so Marshall Marcus, "gibt es keine Gewinner, nur Verlierer."

© SZ vom 12.02.2018

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