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Ethnologie:Tattoos und Totokias

Actor Robert Beltran

Commander Chakotay (Robert Beltran), ein interstellarer Ethnograph mit Gesichts-Tattoo.

(Foto: Getty Images)

Ausflug in entfernte Galaxien: Der Wiener Wissenschaftler Georg Schifko beschäftigt sich in seinem Vortrag im Museum Fünf Kontinente mit der Rezeption der materiellen Kultur indigener Völker in Science-Fiction-Filmen

Von Barbara Hordych

Millionen von Zuschauern verfolgten die in 47 Sprachen ausgestrahlte Fernsehserie "Star Trek", für die in den vergangenen 35 Jahren über 500 Episoden produziert wurden. Die als Trekkies bezeichneten Fans treffen sich nicht nur im virtuellen Raum des Internets, sondern auch auf sogenannten Conventions. Oder jetzt im Münchner Museum Fünf Kontinente, deren Leiterin Christine Kron ebenfalls bekennende Trekkie ist. Zur Lucian-Scherman-Lecture hat sie den Wiener Wissenschaftler Georg Schifko ins Museum eingeladen. Der beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit ethnologische Themen Eingang in Science-Fiction-Filme wie Star Trek und Star Wars gefunden haben.

Fiktion wird Realität

1976 sah sich US-Präsident Gerald Ford aufgrund vieler Briefe von Star-Trek-Fans genötigt, das Space Shuttle "Constitution" in "Enterprise" umzubenennen. Aber auch mit einem "Skandalkuss" schrieb sich Star Trek in die amerikanische Geschichte ein: 1968 küssten sich zum ersten Mal ein Weißer und eine Farbige im amerikanischen Fernsehen - einander zugetan waren Captain Kirk (William Shatner) und Lieutenant Uhura (Nichelle Nichols). Einige Regionalsender in den Südstaaten der USA strahlten die Folge aus Protest nicht aus. Themen wie erstmaliger Kulturkontakt und Rassismus in Science-Fiction-Filmen werden längst wissenschaftlich untersucht. Der Ethnologe Georg Schifko hingegen nennt (nicht) gelungene Beispiele für die Rezeption der materiellen Kultur indigener Völker.

Chakotays Tattoo

Die von Robert Beltran gespielte Figur Commander Chakotay erforscht nicht nur außerirdische Kulturen und betätigt sich als interstellarer "Ethnograph", sondern weist auch selbst indianische Wurzeln auf. Sein äußeres Merkmal ist eine Gesichtstätowierung, die eine Art kreativer Synthese aus philippinischen und neuseeländischen Tätowierungen, dem "Moko" der Maori, bildet, wie der Maskenbildner Michael Westmore i9n einem Interview bestätigte.

Herkunft und Identität

Die von einer Angehörigen der Spezies 8472 geäußerte Vermutung, dass Chakotays Tätowierung eine Geschichte habe, bestätigt sich in der "Tattoo" betitelten Episode (1995): Auf die Frage nach seiner Tätowierung antwortet Chakotay: "I wear it to honour my father. He wore it to honour his ancestors". Wie bei den Einheimischen Neuseelands also eine Frage der Herkunft und Identität.

Erotische Ausstrahlung

Das allmächtige, auf der Voyager in Menschengestalt erscheinende Wesen Q8 vermutet, dass Chakotays Tätowierung auf Captain Janeway eine erotische Anziehungskraft ausübt. Der an der attraktiven Kathryn Janeway selbst sehr interessierte Q stellt sie dahin gehend zur Rede: "Is it the tattoo? Because mine's bigger!" fragt er anzüglich in "Die Q-Krise" (1996). Bei diesen Worten erscheint eine sich über die linke Gesichtshälfte erstreckende Tätowierung im Bild, die eindeutig als abgewandelte Maori-Tätowierung identifizierbar ist.

Nicht Gender-gerecht

In der Folge "Durch die Wüste" (2002) in der Serie "Star Trek Enterprise" weist der von einem fernen Wüstenplaneten stammende Zobral (Clancy Brown) eine Kinntätowierung auf, die eindeutig auf Maori-Tätowierungen basiert. Allerdings hat man in diesem Fall irrtümlicherweise nicht auf ein Gesichtsmoko eines Mannes zurückgegriffen, sondern eine Kinntätowierung als Vorlage gewählt, wie sie ausschließlich von Maori-Frauen getragen wurde und wird.

Falsch verbunden

Die enge Verbindung zwischen einem falsch verstandenen Kriegerethos, Kriminalität und Tätowierungen konstatieren und kritisieren auch Maori wie der Schriftsteller Alan Duff in seinem Roman "Once Were Warriors" (1990), verfilmt als "Die letzte Kriegerin". Dass ausgerechnet der wegen Vergewaltigung verurteilte ehemalige Boxweltmeister Mike Tyson auf dem Gesicht eine Tätowierung trägt, die an traditionelle Maori-Muster angelehnt ist, sorgt ebenfalls für Unmut bei Indigenen. Chakotays Filmtattoo hingegen führte nie zu Unmutsäußerungen. Vermutlich deshalb, weil es sich um eine sehr positiv besetzte Figur handelt.

Fidschi-Keule Totokia

Im vierten Teil der "Star Wars"-Saga "Die neue Hoffnung" ( 1977) taucht eine fiktive Waffe auf, bei deren Gestaltung eindeutig eine fidschianische Keule als Vorbild gedient hat. Es handelt sich um die sogenannte Totokia, eine schwere, beidhändig geführte Waffe, deren Schlagteil sehr unorthodox ausgeformt ist. Nachdem die Keule an ihrem oberen Ende einen mehr oder weniger rechtwinkeligen Knick macht, schließt sich ein Keulenkopf an, der einerseits einen charakteristischen Dornenkranz aufweist und andererseits an seinem Ende zu einer langen Spitze ausgezogen ist. Die Totokia war die Waffe der Häuptlinge und taucht selbst im heutigen Staatswappen Fidschis auf.

Sandläufer's Gaffi Stick

Auf dem Wüstenplaneten Tatooine lebt nicht nur der junge Luke Skywalker, sondern auch die humanoide Spezies der Tusken Raiders oder "Sandläufer". Dieses marodierende Volk zeichnet sich durch eine ganz typische Waffe, den "Gaffi Stick" aus. Bei einem Vergleich mit der fidschianischen Totokia-Keule erkennt man sofort, dass diese eindeutig den Hauptteil der Waffe bildet; am unteren Ende wurde allerdings ein weiterer Bestandteil hinzugefügt, der einem mittelalterlichen Streitkolben ähnelt.

Enttäuschte Fans

Ähnlich den Trekkies erscheinen auch die Star-Wars-Fans bei ihren Conventions in Kostümen ihrer Lieblingsfiguren. Besonders beliebt sind die Tusken Raiders, mit einem Gaffi Stick als Accessoire. Viele Fans bestellten im Internet eine Totokia-Keule, in der Annahme, quasi Repliken der im Film gezeigten Waffe zu erhalten. Ein Irrtum, weshalb enttäuschte Fans ihre Keule wieder zurückgaben. Die Rücksendungen waren so zahlreich, dass FijiShop.com beschloss: "Enough! We're done dealing with the star wars fanatics." Wer heute als Sandläufer durchgehen will, muss zu Kunststoffimitaten greifen - oder seinen Gaffi Stick selber bauen.

Beam me up, Scotty - Star Trek, Star Wars und die Ethnologie, Vortrag von Georg Schifko, Mittwoch, 28. Oktober, 19 Uhr, Museum Fünf Kontinente, Maximilianstr. 42

© SZ vom 27.10.2015

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