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Essays von Franco Moretti:High Noon

Franco Moretti, einer der prägendsten Literaturwissenschaftler der Welt, analysiert die amerikanische Popkultur mit dem Instrumentarium, das er an Dante und Proust geschärft hat.

Von Lothar Müller

Im Frühjahr 2016 hat der italienische Literaturwissenschaftler Franco Moretti sein letztes Seminar an der Stanford University in Kalifornien gegeben. Danach hat er den Zyklus von Einführungsvorlesungen, die er über Jahre hinweg vor amerikanischen Studenten gehalten hat, in fünf Essays verwandelt und ist dabei einer sehr einfachen Idee gefolgt: aus einem Hörsaal heraus sprechen, aber nicht ausschließlich zu ihm. Ebenso einfach ist seine Methode. Alle Essays des Bandes, den es nun unter dem Titel "Ein fernes Land. Szenen amerikanischer Kultur" auch auf Deutsch gibt, sind kontrastive Lektüren, wobei man das Wort "Lektüren" großzügig nehmen muss, da es nicht nur um Bücher und Buchstaben geht, sondern auch um Bilder und Filme. Walt Whitman steht Charles Baudelaire gegenüber, Hemingways festgefügter Satzbau der unberechenbaren Prosa von Joyce und Gertrude Stein, der Western tritt zum Duell mit dem "Film noir" an, Henry Millers "Tod eines Handlungsreisenden" muss sich vor dem epischen Theater Bertolt Brechts verantworten und am Ende werden die Jahrhunderte durcheinander gewürfelt, werden Vermeers Interieurs mit den Innenräumen Edward Hoppers konfrontiert.

Trotzdem gibt einen roten Faden. Er verläuft durch die disparaten Gegenstände, und wenn man ihn aufrollt, landet man beim Autor als jungem Mann, in der intellektuellen Herkunftswelt Morettis, im Italien der Sechziger- und Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Das war eine Welt des theoretischen Aufbruchs, in dem sich die Neuentdeckung des Marxismus mit dem Import des russischen Formalismus und des französischen Strukturalismus mischte und die populäre Kultur, schon ehe sie "Pop" hieß, zum Faszinosum der Intellektuellen wurde.

Wie arbeitet Whitman an einer Sprache der Poesie, die immer zuhause ist?

Wie in anderen europäischen Ländern waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Projekte einer "demokratischen Kultur" eng verbunden mit der Frage nach dem Verhältnis von europäischer und amerikanischer Kultur. Franco Moretti, 1950 als Sohn des Althistorikers und Epigrafen Luigi Moretti geboren und wie sein jüngerer Bruder, der Filmregisseur Nanni Moretti, im Rom der späten der 1960er-Jahre aufgewachsen, studierte Anglistik in Rom, schrieb zahlreiche Bücher über den europäischen Roman, und da knüpft der rote Faden dieses Buches an. Der europäische Roman war ein weit über Europa hinaus erfolgreiches Modell, er war ein Instrument "kultureller Hegemonie". Das Studium der politischen Effekte einer solchen Hegemonie hatte der italienische Marxist Antonio Gramsci auf die Tagesordnung gesetzt, in Reaktion auf den Aufstieg des Faschismus. Die Grunderfahrung der Nachkriegsgenerationen war die kulturelle Hegemonie Amerikas, etwa im Kino. Mit Verachtung und Abendland-Rhetorik oder Begriffen wie "Kulturimperialismus" ließ sich der Erfolg von Hollywood nicht beantworten. Sondern indem man die amerikanischen Filme, die Musik, die Literatur mit demselben hoch entwickelten Instrumentarium studierte wie Dante, Shakespeare, Goethe, Proust.

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Ineinander von Intimität und Gewalt: Barbara Stanwyck und Fred MacMurray in „Double Indemnity“ (1944).

(Foto: imago/Cinema Publishers Collecti)

Morettis kontrastive Lektüren werden durch die Frage nach den Formen von Kunst und Literatur vorangetrieben, durch die Frage nach den Energien, die in sie eingehen und die sie freisetzen. Die Form in der Literatur ist Sprache, Stil. Die linguistische Analyse kleiner Elemente gibt über sie Aufschluss. Wie arbeiten die Adjektive und Substantive bei Walt Whitman zusammen, wie bei Charles Baudelaire gegeneinander? Wie arbeitet Whitman an einer Sprache der Poesie, die immer zu Hause ist, wie an seiner Rhetorik der Einfachheit, wie Baudelaire an den paradoxen Widerhaken seiner Verse voller Gespenster? Moretti löst die vorschnelle Koppelung der "modernen Lyrik" an Komplexität, Vieldeutigkeit und Sprachskepsis auf. Adressat der Warnung ist eine der Orientierungsfiguren seiner Jugend, Theodor W. Adorno, in dessen "Ästhetischer Theorie" Baudelaire auf Schritt und Tritt vorkommt, Walt Whitman aber kein einziges Mal.

Im Western ist die Grunddissonanz des Daseins grell hervorgehoben

Formen sind für Moretti wie für den jungen Georg Lukács in seiner "Theorie des Romans" (1916) Antworten auf historische Erfahrungen, auf die "Grunddissonanz des Daseins". Aus der Stummheit, mit der die Soldaten aus den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs heimkehrten, sieht er den Stil Hemingways in "Großer doppelherziger Strom" (1925) hervorgehen, aus dem Anrennen gegen die Ungerührtheit, mit der das moderne Wirtschaftsleben die Konventionen des bürgerlichen Theaters kassiert, ein melodramatisches Detail in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Das Glanzstück des Bandes aber ist wohl kaum zufällig der Essay, in dem der amerikanische Western und der "Film noir" aufeinandertreffen. Wie die Literatur geriet auch die Philologie in Europa seit den Sechzigerjahren in den Bann des Kinos. In einer Fußnote lässt Moretti einen der ältesten Kinosäle Romas auftreten, der "Lux et Umbra" hieß.

Die lateinische Formel fasst die Grundspannung dieses Essays zusammen, das Gegenüber des Duells unter freiem Himmel, in heißer Sonne, und der nächtlichen Schattenspiele des Film Noir. "High Noon" versus "Double Indemnity", "Stagecoach" versus "Der dritte Mann". Den Planwagentreck durch eine weite Landschaft im Western und die Spiegelkabinette des Film noir, der kein Showdown mit zwei einander gegenüberstehenden Figuren kennt, sondern unbedingt des Dritten oder besser noch der Dritten bedarf und seine Toten im gefährlichen Ineinander von Intimität und Gewalt produziert. Sie, die Gewalt und der Tod sind die "Dissonanzen", aus der die Formen von Western und Film noir hervorgehen. Sagt der Filmvorführer Moretti und gibt für seine Zuhörer, wenn sie sich dem Studium der Zauberkräfte von Literatur und Kino widmen wollen, die Parole aus: "Genieße ihre Magie und filtere sie dann durch die Skepsis der Kritik!"

Der italienische Literaturwissenschaftler Franco Moretti.

(Foto: Regina Schmeken)

Franco Moretti: Ein fernes Land. Szenen amerikanischer Kultur. Aus dem Amerikanischen von Bettina Engels und Michael Adrian. Konstanz University Press im Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 148 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 22.08.2020

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