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Essays, Reportagen, Feuilletons:Flanieren auf Papier

Berlin bekommt kein Zusatzgeld vom Bund

„Ich habe ein Dutzend Bücher über Berlin geschrieben, aber die Stadt ist mir seit dem Jahr 2015 so fremd wie nie zuvor“, schreibt Annett Gröschner. – So sah es 2006 in der Kastanienallee aus.

(Foto: Peer Grimm/dpa)

Annett Gröschner besucht "Berliner Bürger*stuben" und schreibt über die Stadt mit gelassener Neugier. Dieses Berlin-Buch muss man lesen.

Von Ulrich Rüdenauer

An jedem Klischee klebt natürlich immer ein bisschen Wahrheit. Vermutlich auch an jenem, dass im Prenzlauer Berg trotz der inzwischen dramatisch gestiegenen Mieten eine ziemlich hohe Schriftstellerinnen- und Journalisten-Dichte herrsche. Jedenfalls sieht man etliche Vertreter der schreibenden Branche immer wieder rund um den Wasserturm schlendern, auf dem Markt in der Kollwitzstraße einkaufen oder in einschlägigen Cafés sitzen. Na ja, zumindest ist das in normalen Zeiten so, also dann, wenn nicht Coronaviren den Spaß am Umherstreifen gehörig einschränken.

Irgendwoher müssen die vielen Romane, Kolumnen und sonstigen Texte, die über Berlin in den letzten Jahren geschrieben wurden und oft im Prenzlauer Berg spielen, ja auch kommen. Die meisten dieser Werke aber, das soll hier mal keck behauptet werden, lassen sich getrost eintauschen gegen die herrlichen Lesebücher von Annett Gröschner. Die handeln auf so hinreißende und gelehrte Art von Berlin überhaupt und vom Prenzlauer Berg im Speziellen, dass man fast ein bisschen neidisch wird, nicht selbst mit diesem alle möglichen Zeitschichten und Menschenschicksale durchdringenden Blick gesegnet zu sein. Annett Gröschner ist eine "Flâneuse", ziellos und hellwach umherwandernd, interesselos aber ist sie nicht. Wenn ihre Aufmerksamkeit unversehens auf ein Haus, eine Straße oder einen Menschen gelenkt wird, dann regt sich ihr Ehrgeiz erst: Man merkt ihren leichtfüßigen Texten die Wegstrecke kaum an, die sie zu den beschriebenen Orten und tief hinab in diverse Archive zurücklegen musste. Ganz verdichtet sind sie, vollgesogen mit Geschichten, Fundstücken, Erkenntnissen.

"Orte verschwinden, werden umdefiniert oder überformt. Aber immer bleibt etwas übrig"

In Annett Gröschners neues Buch "Berliner Bürger*stuben" sind Beiträge aus den letzten zehn Jahren eingegangen, und die Rasanz der Veränderungen lässt sich darin eindrücklich nachvollziehen: Vielen der Texte mussten Fußnoten hinzugefügt werden, weil das Geschilderte inzwischen vom Lauf der Dinge überholt wurde. Für Gröschner ist Berlin ein Palimpsest - eine Stadt, die von der immerwährenden Überschreibung lebt. "Orte verschwinden, werden umdefiniert oder überformt. Aber immer bleibt etwas übrig, oft rätselhaft wie die fünfte oder sechste, nur kryptisch überlieferte Schicht auf dem Papyrus." Von diesen Schichten und den Menschen, die die Geschichte mit- oder überschreiben, handeln ihre zuvor in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichen Arbeiten. Es gibt wenige Autorinnen, in deren Werk Berlin, der Prenzlauer Berg und das Brandenburger Umland eine derart wichtige Rolle einnehmen wie bei Annett Gröschner.

Umso bestürzender ist es, in ihrer neuen Sammlung von Essays, Reportagen, Porträts, Feuilletons immer wieder auf Sätze wie diese zu stoßen: "Ich habe ein Dutzend Bücher über Berlin geschrieben, aber die Stadt ist mir seit dem Jahr 2015 so fremd wie nie zuvor." Oder: "Inzwischen habe ich Angst, dass Berlin mir abhandenkommen könnte." Die leicht ramponierte Liebe hat mit den einschlägigen Veränderungen zu tun, die jeder angesagten Metropole früher oder später blühen - Stichwort Gentrifizierung. In einem ihrer neueren Texte erzählt sie davon, wie ihr selbst eine Lehrstunde in Sachen Entmietung erteilt wurde. Es ist eine typische Berliner Geschichte der Zehnerjahre. Meistens fängt es damit an, dass sich überraschend ein Makler meldet. "Er sprach in einem sehr geschraubten Ton, dass er von Schulze-Dalldorfs als den Eigentümern der von mir bewohnten Wohnung bevollmächtigt sei, diese zu verkaufen. Wenn ich in der Wohnung zu bleiben wünsche, würde er nach einem Kapitalanleger suchen. Ich könne mich natürlich auch selbst bewerben. Ich fragte nach dem Preis. Er nannte eine annähernd mittlere sechsstellige Summe. Ich kriegte einen höheren sechsstelligen Lachanfall."

Annett Gröschner wird vertrieben, an den Rand des Viertels gedrängt, wo die Mieten noch erschwinglich sind. Ihr erging es wie vielen: Von den ganz alten Bewohnern des Stadtteils ist heute kaum noch jemand da, und die Häuser werden nach und nach verschönt, überbaut, umgestaltet - heute leben hier nur noch jene, die sich die neu herausgeputzte, heile Welt innerhalb des S-Bahn-Rings leisten können. Eine ziemlich homogene Community aus Besserverdienern also, Leuten aus der Kreativwirtschaft und den Kindern reicher Investoren aus aller Herren Länder, die ein bisschen Berliner Luft schnuppern wollen, bevor sie sich dem wahren Leben zuwenden. Allerdings bleibt wohl auch hinter den neuen Styroporfassaden die alte Substanz erhalten. "Lässt sich nicht längst nachweisen - mit den Mitteln der Psychogeografie zum Beispiel -, dass zu Eigentumswohnungen umgebaute Gefängnisse den neuen Bewohner*innen Alpträume bescheren, die nicht von der Kreditbelastung herrühren?"

"Widersprüche blieben mit Absicht stehen, keine Fassade aus Sprache sollte errichtet werden"

Dass es für Berlin vielleicht doch noch Hoffnung gibt, zeigt ein Kapitel in Gröschners Buch, das vom unerwarteten Zuzug der Flüchtlinge von 2015 an. handelt: Die Stadt als Arche, die existiert ja auch noch - im Integrieren von Verschieden- und Andersheit sieht sich Berlin dann vielleicht doch ähnlicher als in der Umwandlung in ein finanzkräftiges Hipsterparadies.

Um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen: Annett Gröschners "Berliner Bürger*Stuben" ist weder wehleidig noch nostalgisch, melancholisch durchaus, aber nur, weil die Autorin um den Wert des Vergangenen weiß. Ob sie über die Volksbühne schreibt oder über Kleingärten, eine Absolventenrede hält oder den Fotografen Robert Paris porträtiert, den Frauen von Wiepersdorf ein Denkmal setzt oder mit Theodor Fontane wandern geht, in kleinen Snapshots Stadtszenen einfängt oder eine historische Studie über die Fasanenstraße 23, das heutige Literaturhaus, vorlegt - in all diesen Texten herrscht ein gelassener, der Sprache und ihrer Bewahrungskraft vertrauender Ton. "Flanieren auf Papier", nennt sie das. Daraus spricht eine Geisteshaltung, die sich wohl am besten mit gelassener Neugier beschreiben ließe. Schöner als sie selbst kann man ihr Tun allerdings kaum zusammenfassen: "Meine Arbeit an der Vergangenheit ist eine Arbeit an der Differenz. Jahrzehntelang habe ich nach Lebensgeschichten gefragt und in Archiven gesessen - und tue es noch. Beide sollten sprechen, die Menschen und die Akten, gemeinsam sollten sie in einen Dialog treten, eins sollte das andere ergänzen, Widersprüche blieben mit Absicht stehen, keine Fassade aus Sprache sollte errichtet werden, keine Ornamente das Ganze ausschmücken. Nur rohe Ziegel oder Sichtbeton. Nichts ist mir abträglicher als die einfachen Wahrheiten, eine Welt aus Schwarz und Weiß. Mir geht es darum, ohne Empörung Dinge wirken zu lassen in ihrer manchmal kaum auszuhaltenden Widersprüchlichkeit."

Annett Gröschner: Berliner Bürger*Stuben. Palimpseste und Geschichten. Edition Nautilus. Hamburg 2020. 328 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 09.07.2020

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