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Essayistik: "Ich bin ein Mensch. Nichts Menschliches sei mir fremd", hat sich Leslie Jamison auf den Unterarm tätowieren lassen. Schon wird sie als neue Susan Sontag gehandelt.

"Ich bin ein Mensch. Nichts Menschliches sei mir fremd", hat sich Leslie Jamison auf den Unterarm tätowieren lassen. Schon wird sie als neue Susan Sontag gehandelt.

(Foto: Colleen Kinder)

In ihrem Band "Die Empathie-Tests" erkundet die junge US-Amerikanerin Leslie Jamison unsere Gefühlswelt. Ihre fulminanten Aufsätze sind das Buch der Stunde.

Von Christopher Schmidt

Die Gefühle, die sich stets pünktlich zum Fest einstellen, hat der Schriftsteller John Irving einmal als "Weihnachtsrisiken" bezeichnet, als eine Form von ungedecktem Pathos. Sentimentalität, dieses klebrige Gefühl, ist so etwas wie der Lebkuchen des Herzens, eine Kalorienbombe an Rührseligkeit. Der emotionale Überschwang, der sich hier Bahn bricht, ist das ganze Jahr über streng verboten und wird wie der Christbaumschmuck in den Keller verbannt. Doch warum ist das eigentlich so? Weshalb ist es den Tränen nur zu bestimmten Anlässen erlaubt, ungehemmt zu fließen? Wieso darf man sich allenfalls heimlich vollstopfen mit dem Naschwerk des Sentimentalen? Könnte es nicht vielmehr sein, "dass der Honig selbst Tiefe in sich trägt"?

Diese Fragen stellt die 32-jährige Leslie Jamison in einem ihrer Essays. "Süßlich" heißt dieser Aufsatz, weil Jamison bei dem Versuch einer Rehabilitierung des großen Gefühls gleich zwei guilty pleasures zusammendenkt: ihre Sucht nach dem rauschhaften Glücksgefühl, das ihr künstlicher Süßstoff verschafft, und ihre lasterhafte Leidenschaft für die wohligen Schauer des Melodrams. Gemeinsam ist beiden das schlechte Image ebenso wie die Künstlichkeit. Und schädlich sind sie auch: Süßstoff ist krebserregend, und Sentimentalität gilt als eine Art Nervengift, das uns gerade nicht das Herz öffnet, sondern so etwas ist wie psychoaktives Doping, ein Booster fürs Ego.

Die Autorin raubt uns einige Illusionen über Emotionen, die wir für so einfach halten

Doch die Wirkmacht der Sentimentalität, die "als schneller Schuss, wie ein Shot Tequila oder eine Nase Koks" durch die offenen Poren flutet und alle inneren Widerstände hinwegspült, ist gerade das, was Jamison fasziniert. Und dabei geht es ihr um die kathartische Wirkung, die sie sich davon verspricht, wenn man vor lauter Gefühl zerfließt. Das Übermaß, so vermutet sie, könnte einer inneren Reinigung dienen, uns die Augen öffnen für das wahre Wesen der Sentimentalität, die Arthur Schnitzler einmal "das Gefühl der Gefühllosen" genannt hat. Denn mag auch der Kitsch in all seinen Pastelltönen "die arschkriecherische Frucht der Westentaschen-Pastorale" sein, heißt es bei Jamison, und letztlich "ein Modus der Bestärkung der eigenen Identität" - so treffe das auf sein Gegenteil, die postmoderne Ironie noch viel mehr zu. Unter Berufung auf den Schriftsteller David Foster Wallace bringt Jamison das Sentimentale gegen den Panzer der Ironie in Stellung und streitet für eine neue Kultur der Empfindsamkeit.

Empathie ist der Schlüsselbegriff der fulminanten Texte im Buch der jungen Autorin, die an der Columbia University in New York Literatur lehrt. "Die Empathie-Tests", so der Titel, versammeln Aufsätze, die Leslie Jamison zwischen 2006 und 2012 in Zeitschriften wie Harper's Bazaar oder Vice veröffentlicht hat. Die amerikanische Ausgabe führte schnell die Bestsellerliste der New York Times an. Und in der Tat, die "Empathie-Tests" sind so etwas wie das Buch der Stunde. Das liegt zunächst am Thema. Nicht erst angesichts des gegenwärtigen Flüchtlingsdramas ist Empathie zu einem Zauberwort geworden. Von der Fähigkeit zur Einfühlung erhoffen wir uns die Erfüllung eines universellen Gleichheitsversprechens. Sich in den anderen hineinzuversetzen erscheint als Voraussetzung, um in einer globalisierten Welt Gerechtigkeit zu schaffen. Kulturelle Unterschiede sollen dabei nicht eingeebnet, sondern respektiert werden.

Was Jamisons Erkundungen ihrer Gefühlswelt so interessant macht, ist, dass sie uns bei diesen Tauchfahrten unter die eigene Haut einige Illusionen über das Wesen der Empathie raubt. Denn bei näherer Betrachtung erweist sich das, was wir für naturhaft gegeben halten, für einen Wärmestrom, der einfach so da ist, als überaus komplex, ja als eine Kulturtechnik, die gelernt sein will. Jamison schreibt: "Empathie ist nichts, was uns einfach so zustößt, kein Meteoritenschauer von kreuz und quer durchs Gehirn feuernden Synapsen, sondern basiert auf einer Entscheidung, die wir treffen: einem anderen Menschen Aufmerksamkeit zu zollen, aus uns herauszutreten. Empathie ist das Produkt einer Anstrengung, dieser glanzlosen Cousine des Impulses."

Das klingt harmlos, doch um die Brisanz zu ermessen, die sich in dieser Abklärungsemphase verbirgt, muss man sich nur einige der erregten Debatten des Jahres in Erinnerung rufen. Als im Mai das Satiremagazin Charlie Hebdo in New York mit einem Preis geehrt wurde und eine prominente Phalanx von Autoren im Vorfeld gegen die Auszeichnung protestierte, entbrannte ein heftiger Streit. Die einen beriefen sich auf das Toleranzgebot und argumentierten, man dürfe eine Zeitschrift nicht prämieren, die mit ihren Mohammed-Karikaturen die religiösen Gefühle auch derjenigen Muslime verletzte, die genauso entsetzt waren über die Terrorakte von Paris wie Nicht-Muslime. Mit einer solchen Instinktlosigkeit wiederhole man nur das imperialistische Muster. Die anderen führten die Meinungsfreiheit ins Feld und unterstellten ihren Gegnern positiven Rassismus. Es ging also um die Frage nach dem Machtgefälle, darum, inwieweit man die Ungleichheit zwischen der Minderheit und der Mehrheit berücksichtigen soll und muss, es ging um die Bereitschaft zur Empathie.

Das Thema Selbstzensur kam einige Monate später erneut auf den Tisch, als der WDR eine Folge der Talkshow "Hart aber fair" aus seiner Mediathek entfernte und damit auf Vorwürfe reagierte, die Sendung habe einen frauenfeindlichen Tenor gehabt. Und wieder stand die Frage im Raum, wie viel Sensibilität und Einfühlung angemessen ist und an welchem Punkt das bloße Gefühl, gekränkt worden zu sein, zu einem Instrument moralischer Erpressung wird.

Amerikanische Studenten fordern neuerdings sogenannte Trigger Warnings für bestimmte Studieninhalte, weil sie nicht belastet werden möchten mit Themen, die ihren Werten widersprechen und daher ihr moralisches Empfinden verletzen. Und ihre bloggenden deutschen Kommilitonen machten Texte von Herfried Münkler öffentlich, die im Unterricht behandelt wurden, an deren politisch unkorrektem Inhalt sie jedoch Anstoß nahmen. Sie wollten dadurch Druck aufbauen gegen ihren Lehrer. Dies sind weitere aktuelle Beispiele dafür, wie Empathie ihre Unschuld verlieren kann und Denkverbote befördert. Leslie Jamison würde hier von "erzwungener Symmetrie" sprechen oder auch von "Inpathie", wie sie das nennt. Inpathie ist ihrer Definition zufolge das Gegenteil von Einfühlung, gibt sich aber deren Anstrich. Man versetzt sich nicht in einen anderen hinein, sondern importiert dessen Probleme mit dem strategischen Ziel, sich auch dann zum schutzwürdigen Opfer zu stilisieren, wenn man gar keiner benachteiligten Minderheit angehört. All jene, die im Fernsehen voyeuristisches Mitgefühl erheischen, um es als Machtmittel zu missbrauchen, bezeichnet Jamison als "Kuratoren der Entrüstung".

In ihrem Leit-Essay, der dem Band den Titel gibt, veranschaulicht sie die Janusgesichtigkeit der Einfühlung. Jamison jobbt während des Studiums als "standardized patient", als Simulationspatientin. Nach einem festen Drehbuch täuscht sie Krankheitssymptome vor, damit Medizinstudenten Patientengespräche trainieren können. Das Ganze erinnert an das berühmte Privatsprachen-Argument von Ludwig Wittgenstein. In seinen "Philosophischen Untersuchungen" kommt Wittgenstein zu dem Ergebnis, dass inneres Erleben nur über äußeres Verhalten zugänglich sei. Empathie werde mir dann zuteil, wenn ich die allgemein anerkannten Verhaltensnormen einhalte, in denen Schmerz zum Ausdruck gebracht wird. Dass Gefühle zu einem gewissen Teil soziale Konstrukte sind, eine Art Rollentext, ist eine der Erkenntnisse, die Jamison aus dem Krankenhaus mitnimmt. Parallel dazu vergleicht sie das dort Erlebte mit ihren eigenen Empathie-Erwartungen und stellt dabei fest, dass Anteilnahme nötig ist, um Emotionen ausformen und richtig interpretieren zu können. Einfühlung sei auch ein Tauschhandel, und manchmal fügten sich junge Mädchen körperlichen Schmerz zu, um eine Art "Empathie-Sozialhilfe" in Anspruch zu nehmen.

Im letzten Kapitel entwickelt Jamison auf den Spuren von Sylvia Plath, Joan Didion und Susan Sontag eine "Große Universaltheorie über den weiblichen Schmerz". Die Haltung, die sie einnimmt, ist die einer zweifachen Negation. Jamison wendet sich gegen die Romantisierung der Frau zur Leidensikone. Aber sie grenzt sich auch ab von jenen "postverwundeten" Frauen, die sich hinter der Maske von Coolness und Härte verbergen, weil sie fürchten, dass Schmerzposen einem unemanzipierten Konzept von Weiblichkeit in die Hände spielen. "Ich habe genug vom weiblichen Schmerz, und ich habe genug von Leuten, die genug davon haben."

Vielleicht sollte man diesen Essay mal Ronja von Rönne zu lesen geben, die im Frühjahr durch eine, gelinde gesagt, unterkomplexe Feminismus-Kritik von sich reden machte. Leslie Jamison ist eine ungemein inspirierende Seelenkundlerin. Wie die großen französischen Moralisten zeigt sie mit ihren brillanten Essays, wie haltlos der klischeehafte Dualismus von Verstand und Gefühl ist. "Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr", wusste bereits Friedrich Schiller. In der damaligen Literatur der Empfindsamkeit gab es einen Namen für dieses Wissen. Man nannte es Herzensbildung.

Leslie Jamison: Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer. Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2015. 336 Seiten, 21,90 Euro. E-Book 16,99 Euro.

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