Essay Wenn ein Bildschirm nicht mehr reicht

Ein Buch über die Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft: Das war das letzte Projekt des verstorbenen Roger Willemsen.

(Foto: dpa)

Das letzte Projekt des 2016 verstorbenen Roger Willemsen war ein Buch über die Digitalisierung. Er konnte es nicht mehr schreiben. Aber er hinterließ eine "Zukunftsrede".

Von Jens Bisky

Von nahezu allem kann der Mensch der Gegenwart Auskunft geben, nur sich selbst kennt er wenig und gerade das Entscheidende nicht. Die Gegenwart weiß nicht, wo ihr Witz ist. Diesem wollte der Literaturwissenschaftler, Journalist und findige Autor Roger Willemsen nachspüren, indem er aus der Perspektive der Zukunft über das Heute und unsere Versäumnisse in ihm schrieb. "Wer wir waren" sollte das Buch heißen, an dem er 2015 arbeitete, bis ihn die Krebsdiagnose traf. Am 7. Februar 2016 starb er, einer der neugierigsten, umtriebigsten Intellektuellen seiner Generation.

Ein suggestiver, kluger Versuch zur Rettung der Geistesgegenwart

Das Buch ist nicht geschrieben worden; seine Gedanken, Intentionen und Motive erprobte Roger Willemsen in einer "Zukunftsrede", die er 2015 zweimal hielt. Deren Text hat die Literaturkritikerin Insa Wilke nun aus dem Nachlass herausgegeben: einen suggestiven, klugen Versuch zur Rettung der Geistesgegenwart.

Dabei scheinen Willemsen Geist wie Gegenwart nicht selbstverständlich zu sein, gleichen wir doch "Geiseln der organisierten Abwesenheit": "Sie sind alle nicht da, abgestoßen vom Hier, auf der Flucht, im Zwischenreich, auf dem Wege, zerstäubt, in einem dezentrierten Leben, das sich darunter oft phlegmatisch höhlt." Ist das neu? Gab es das nicht bereits, den Menschen, "der neugieriger auf die Uhr schaut als ins Gesicht der Ehefrau"? Auch die Verlockungen des Virtuellen, der Bildschirme, gibt es ja schon länger, wie Willemsen wusste, der Nachdenklichkeit im TV erfolgreich erprobt hat. Neu erschien ihm "eher jener Typus des ,Second-Screen-Menschen', dem der eine Bildschirm nicht mehr reicht, der ohne mehrere Parallelhandlungen die Welt nicht erträgt und im Blend der Informationen, Impulse und bildgeleiteten Affekte sich selbst eine Art behäbiger Mutterkonzern ist, unpraktisch konfiguriert und irgendwie fern und unerreichbar".

Kulturkritische Litanei, die nicht langweilt und nicht nervt

Ja, diese "Zukunftsrede" führt immer wieder in eine kulturkritische Litanei. Aber diese langweilt nicht und nervt nicht. Die Standardargumente gegen Kulturkritik sind ja inzwischen so leicht zur Hand, dass man misstrauisch wird angesichts der energischen Abwehr allen Spielverderbertums. Willemsen nutzt sie als rhetorische Sprungbretter. Wenn immer schon alles schlechter wurde, immer Krise war, Erwartungen regelmäßig enttäuscht wurden, Bilder des Unheils unsere Vorstellungskraft kontaminierten, wie wären dann unsere Bilder der Zukunft zu erklären? Willemsen stellt verschiedene nebeneinander, die Niedergangsprognosen, die Verheißungen von Frische, erschwindelte Versprechen, verkitschte Sehnsüchte, grassierende Erwartungslosigkeit.

Es wird schon alles so bleiben, wie es ist, nur schneller wird es werden. Rasanz und Flüchtigkeit bestimmen für Willemsen unser Gegenwartsverhältnis. Dieses will er analysieren, ohne Technologie zu verdammen oder in den Ton eines Erweckungspredigers zu fallen. Man liest diesen kulturkritischen Abriss der Gegenwart gern, weil er von intellektueller Neugier, wirklichem Erkenntnisinteresse statt Bescheidwissertum getragen ist. Was heißt Bewusstsein, wie entsteht ein Ich, was meint Gegenwart unter digitalisierten Verhältnissen? Roger Willemsen hat in dieser "Zukunftsrede" formuliert, was geistesgegenwärtige Kulturkritik zu leisten hätte.

Roger Willemsen: Wer wir waren. Zukunftsrede. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 64 Seiten, 12 Euro. E-Book 9,99 Euro.

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