Essay Was uns um uns selber bringt

Ulla Berkéwicz.

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Ulla Berkéwicz schreibt in ihrem Essay "Über die Schrift hinaus" gegen die "Dehumanisierung des Menschen" an.

Von Friedrich Wilhelm Graf

Kulturkritik hat Hochkonjunktur. Die weltweite schnelle Durchsetzung der digitalen Revolution hat in Verbindung mit einem ebenso dynamischen wie oft auch zerstörerischen Kapitalismus dazu geführt, dass Skeptiker ganz unterschiedlicher Couleur nach Entschleunigung und neuer Besinnung auf das wahrhaft Wichtige im Leben rufen.

Auch Ulla Berkéwicz setzt in ihrem Essay "Über die Schrift hinaus" auf uralte religiöse Mythen, um gegen die von ihr beklagte fortschreitende Dehumanisierung des Menschen individueller Freiheit und reflektierter Selbstbestimmung Geltung zu verschaffen. In ihrer teils unterhaltsamen, teils redundanten Assoziationsprosa knüpft sie an die Romantiker um 1800 an, deren frommer Protest gegen Verstandesherrschaft und rein prozedurale Vernunft noch immer starke Wahrheitsmomente berge. Zwar seien die Romantiker mit ihren Utopien einer ganz anderen Gesellschaft damals an der Macht des restaurativen Staates und einer mit ihr verbündeten autoritären Kirche gescheitert. Aber ihre Kritik an allumfassender Entfremdung und Mechanisierung des Lebens sei mehr denn je berechtigt.

Denn unser Leben werde zunehmend vom "Golem unserer Tage", dem "Komputer", bestimmt, der die "Erfahrung von Welt" durch Berechenbarkeit, Manipulation, Simulation und Emulation ersetzt habe. Fortwährend werde die Weisheit alter Wissenschaften vom "universalen Gleichgewicht" durch "kommerzialisierte Zweigwissenschaften" wie die "Zombiologie" und die "Technomagie" entwertet. Indem wir uns selbst berechenbar machten, schritten wir nur auf dem "Abweg" voran, "uns selber um uns selbst zu bringen".

Gottverlassenheit sei die Signatur unserer Gegenwart, in der ein globaler Kapitalismus die neuen "elektronischen Denksysteme" als "Herrschaftsinstrument seiner Verkommenheit" nutze. Walter Benjamins "Weltzustand der Verzweiflung" sei im Valley nun auf die Spitze getrieben worden, nur zwei Jahrzehnte nach Monterey und Woodstock. Den egozentrischen neuen Nerds aus den Cyberwelten wirft Berkéwicz vor, in ihrer "Ichbezogenheit, Selbstüberschätzung, Enthemmung" und "Exaltation" nur ein neues Heidentum zu verkünden: "Übermenschenideologie, Auserwähltheitsfieber, esoterisch, rassistisch, amerikanisch konsumtiv". Vor allem den Technologen der "Künstlichen Intelligenz" wirft sie Gewissenlosigkeit, Habgier und den "konformen", kollektiven Wahn vor, "technologischem Firlefanz metaphysische Bedeutung" anzudichten und "mit neuen ökonometrischen Methoden alten Aberglauben anzudrehn".

Aber die Eigentümerin des Suhrkamp-Verlags kennt die entscheidende Gegenmacht: die Offenbarung einer Wahrheit, die sich jenseits alles Zählbaren, Messbaren erschließt. Bedeutende Wegbereiter der modernen Kybernetik wie Norbert Wiener und der Informatiker Joseph Weizenbaum hätten sich das Wissen um die elementare Ambivalenz ihrer Denkmaschinen bewahrt. Und der geniale russisch-jüdische Mathematiker Grigori Jakowlewitsch Perelman habe 2002 die "Poincarésche Vermutung" aus dem Jahr 1890 bewiesen, dass der Kern unseres Universums als dreidimensionale Kugel zu bestimmen sei. Dies biete nun die Chance, ganz neu über "Zeit, Raum, Existenz und andere vereinfachende Kategorien, die unsrer Wahrnehmung zugrunde liegen, nachzudenken und hiermit auch über das Unendliche". Berkéwicz beschwört so den "Geist, der war, bevor etwas war, wo der Geist mit dem Geiste im Geiste" war - und so fort.

Über vage Andeutungen, dass alles Offenbare immer "mit einem Fuß oder zweien im Nichtoffenbaren" gründe und das Göttliche das zentrale "Synonym für Freiheit" sei, kommt sie trotz vielfältiger Bezüge auf rabbinische Überlieferungen und moderne Glaubensdeuter nicht hinaus. Wie das Jenseits zur bestimmenden Kraft des Diesseits zu werden vermag, bleibt unklar. Empfohlen wird "Versenkung" und "Hinabsteigen ins eigene Nichts", wobei der "Vedenwind von Vorstellung und Phantasie" helfen soll. Dazu führt die Autorin den Leser in ein altes Wiener Caféhaus, wo bei einer Fastnachtsparty Perelman auf so unterschiedliche Personen wie Friederike Mayröcker, den Kellner Franz und die Dichterin Ann Cotten trifft. Auch in großen Porträts abgebildete Gestalten wie die Romanows, Maria Callas, die Romysissy und der Tänzer Nijinski in seinem Faunsgewand von 1912 feiern mit, indem sie den jeweiligen Bilderrahmen an der "Portraitantenwand" sprengen und sich im heiteren Palaver wechselseitig der Einsicht versichern, dass die Gesetze der Bedingtheit mathematisch, die der Unbedingtheit hingegen poetisch seien. Aber jede Party geht einmal zu Ende, am Aschermittwoch ist auch das Sinnspiel vorbei, demzufolge es mehr Dimensionen gibt, als man gemeinhin zu wissen meint. Aus dem Rahmen zu fallen, mag eine Transzendenzerfahrung sein. Aber die Botschaft, dass das wahre Leben noch immer analog geführt werden muss, bleibt, trotz aller poetischen Glaubensbeschwörung, trivial.

Ulla Berkéwicz: Über die Schrift hinaus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 116 Seiten, 22 Euro.