bedeckt München 19°

Essay über Ausbeutung:Die neuen Diener sind Putzfrauen, Au- pair-Mädchen, Baby- oder Hunde-Sitter

Die neuen Diener sind Putzfrauen, Au- pair-Mädchen, Baby- oder Hunde-Sitter, Boten für allerlei Lieferdienste, Pflegehelfer, Betreuerinnen. Diese Welt hat in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit von Soziologen, Kulturhistorikern und Gewerkschaftern erregt. Die meisten Studien konstatieren schlechte Bezahlung und einen prekären rechtlichen Status. Vor allem Migrantinnen - in Deutschland kommen sie aus Ost- und Südeuropa, Polen oder Portugal - finden Arbeit in fremden Haushalten. Ein Bericht der Internationale Arbeitsorganisation (ILO) summiert die Kennzeichen dieses Beschäftigungssektors: "Sehr niedrige Löhne, exzessive Arbeitszeiten, das Fehlen von Ruhetagen, mentaler und sexueller Missbrauch sowie die Beschneidung von Freiheitsrechten."

Gewiss sind die Arbeitsbedingungen in Haushalten Saudi-Arabiens, Frankreichs, der USA und Deutschlands sehr verschieden. Aber überall ist es vor allem dieser Sektor, der soziale Ungleichheit und Asymmetrien verstärkt. "Die neuen Servicekräfte", so Bartmann, "sind allem Anschein nach gekommen, um zu bleiben - was sie sind." Die oberen Mittelschichten scheinen sich mit diesen "neofeudalen" Zuständen abgefunden zu haben. Soziale Spaltung wird abstrakt beklagt, aber praktisch hingenommen, ja für unvermeidlich erklärt, wenn die Dielen gewischt, die Mutter gepflegt, das Mineralwasser mit dem Ökosiegel vier Treppen hochgetragen werden muss.

Diese Verhältnisse sind stabil, weil genug billige, kaum zu Protest und Widerstand bereite Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und Selbstbild wie Alltag der Mittelschichten oft für eine Beschäftigung dienstbarer Geister sprechen. Man ist ohnehin dauernd gestresst, hat die Freizeit längst dem beruflichen Leistungsethos unterworfen. Auch der Haushalt wird unternehmerisch geführt.

Hilfe durch Technik gibt es vor allem dort, wo man sie nicht so dringend braucht

Doppelverdiener, die als Paar dem Ideal der Gleichberechtigung folgen, nehmen die Ungleichheit in der Beziehung zum Servicepersonal hin, weil ihr Lebensstil, eingezwängt zwischen Kindererziehung, Karriere und Pflege der Eltern, nur so durchzuhalten zu sein scheint. Mit großem Fingerspitzengefühl seziert Bartmann diese Lebenswirklichkeit. Er klagt nicht an, er verlangt Klarheit. In Rechnung zu stellen wäre dabei, dass jede Entlastung mit neuen Lasten einhergeht, dass mit jedem neuen Gerät auch die Ansprüche wachsen.

Dabei unterscheiden die meisten zwischen Arbeiten, die für ihr Ich entscheidend sind - Kochen, Vorlesen - und bloß lästigen Tätigkeiten wie Staubwischen, Fliesenpolieren. Zur Akzeptanz der oft inakzeptablen Verhältnisse trägt bei, dass Vermittlungsplattformen uns das Soziale der Geschäftsbeziehung vielfach abnehmen. Technische Hilfen werden vor allem dort angeboten, wo man sie kaum braucht. Im Kühlschrank nachzuschauen, ob noch genug Butter da ist, war eigentlich nie ein großes Problem. Wohl aber das Reinigen von Duschkabinen. Für die dazu erforderliche Hartnäckigkeit gibt es keinen Ersatz.

Bartmann ist klug genug, den Rückgriff auf Servicepersonal nicht pauschal zu verdammen, gerade in der Pflege geht es oft nicht ohne. Aber er öffnet die Augen für gern verleugnete Schrecken des betreuten Daseins und wirbt für eine Lebensführung, "für deren Leistungsbilanz der Einsatz von Personal nicht strukturell erforderlich wäre". Wer Gefahr läuft, das "volle Leben" über lauter Lebenserleichterung zu verpassen, findet in diesem Buch viele Gründe, die Fenster einmal wieder selbst zu putzen. Die Sicht wird freier.

Christoph Bartmann: Die Rückkehr der Diener. Das neue Bürgertum und sein Personal. Carl Hanser Verlag, München 2016. 288 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Christoph Bartmann: Die Rückkehr der Diener. Das neue Bürgertum und sein Personal. Carl Hanser Verlag, München 2016. 288 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

© SZ vom 25.08.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite