Essay Ohnmachtskult

Daniele Giglioli: Die Opferfalle. Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt. Aus dem Italienischen von Max Henninger. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. 126 Seiten, 14,90 Euro. E-Book 11,99 Euro.

(Foto: oh)

Pathos des Unanfechtbaren: Der italienische Autor Daniele Giglioli attackiert die Opferideologie.

Von Jens Bisky

Du Opfer!" - das mag auf den Schulhöfen weiterhin ein Schimpfwort sein, in der Öffentlichkeit ist der Opferstatus oft mit Vorzügen verbunden. Er sichert Aufmerksamkeit, schützt gegen Kritik, verleiht Unschuld. Wer sich auf die Seite der Opfer schlägt, steht auf der Seite der Guten und muss sich nicht länger mit den immer vertrackten Unterscheidungen zwischen gerecht und ungerecht plagen. Ja, Opfer können als die Helden unserer Zeit gelten, von ihr hervorgebracht, vergöttert und benötigt.

Der Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli sieht darin eine Zurücknahme von Modernität überhaupt, einen konterrevolutionären Widerruf. An die Stelle der aktivierenden Imperative, sich seines Verstandes zu bedienen, aufrecht zu gehen, mündig zu werden, trete das "gegenteilige Motto: Unmündigkeit, Passivität, Machtlosigkeit sind ein Gut; umso schlimmer für alle, die handeln". Dass eine solche Vergötzung die Mächtigen stärkt, den Status quo stabilisiert, Veränderungen erschwert, Ressentiments begünstigt, Freiheit und Verantwortungslosigkeit kurzschließt, zeigt Daniele Giglioli in einem Essay, den jeder lesen muss, der die unaufhaltsame Zunahme von Opfern, Zurückgesetzten, Leidenden inmitten der europäischen Wohlstandswelt skeptisch betrachtet.

Giglioli, der in Bergamo Vergleichende Literaturwissenschaft lehrt, kennt sich aus im Dickicht der Welterklärungstexte von Marx bis Badiou, er ist mit den Debatten über Gedenken, kollektives Gedächtnis und Opferkonkurrenz vertraut. Sein Essay ist vor allem deshalb ein Vergnügen, weil Giglioli es geschickt vermeidet, sich selbst oder die Wahrheit oder das Gute zum Opfer des Opferkults zu stilisieren. Er fragt lieber nach dessen Anfängen und entdeckt diese in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Zwar hat schon Jean-Jacques Rousseau die Wonnen und Leiden des Opferstatus ausbuchstabiert, aber erst seit den Siebzigern feierte die Opferideologie immer wieder Triumphe. Damals trennten sich der Geist des Kapitalismus und die asketische Gesinnung; Aufschub der Triebbefriedigung oder gar Verzicht wurden tendenziell kontraproduktiv. Es galt, sofort zu konsumieren, und zwar möglichst viel. Wenigstens wurde dies den Verbrauchern ununterbrochen eingehämmert.

Am Ende will jeder Opfer sein - zumindest der bösen "Verhältnisse"

Dennoch konnte und kann selbstredend nicht jeder alle seine Wünsche sofort erfüllen, auch bleibt manche Wunscherfüllung unbefriedigend. Die Frustration lässt sich ertragen und ausagieren, indem einerseits die Forderung nach Wunscherfüllung, nach Gerechtigkeit, nach Mehr unbarmherzig hartnäckig weiter erhoben und andererseits das eigene Ich als passives, unschuldiges glorifiziert wird. Man hat doch ein Recht auf ein gutes, volles Leben, auf Genuss der ganzen Welt. Wird einem das verweigert, ist man ein Opfer - wenigstens der Verhältnisse. Wenn nun diese politisch nicht zu verändern scheinen, dann gewinnt ein Menschenbild, das um Schwäche, Nacktheit, Mangel kreist, die besondere Würde des eigenen Mangels ins Zentrum stellt. An die Stelle der großen Befreiungsversprechen, die seit 1789 so viele begeistert haben, trete, so Giglioli, die Mythologie des Opfers und fessele uns an die eigene, elende Subalternität. Statt von "Emanzipation" wird von "Identität" geredet; "wer bin ich?" statt "was tun?"

Manche Argumente Gigliolis kennt man aus dem vor 25 Jahren inbrünstig geführten Streit zwischen "Modernen" und "Postmodernen", manche aus der Diskussion über die Opferkonkurrenz in der Erinnerung an das 20. Jahrhundert. Elektrisierend wirkt der knappe, nie lange bei einem Problem verweilende Text dort, wo er Rollen der öffentlichen Rede und die verhängnisvolle Logik der Opferideologie analysiert: Von der italienischen Debatte um politische Korrektheit über die Obsession für Plagiate und das feministische Misstrauen gegenüber Pornografie eilt Giglioli zum "Kampf der Kulturen". Vier seiner Protagonisten werden kurz gemustert. Der ermordete Filmemacher Theo van Gogh, "der die Beleidigung zu seiner Muse machte", dessen Mörder Mohammed Bouyeri, "typische Figur des radikalisierten Verlierers", der ebenfalls ermordete Politiker Pim Fortuyn und die Autorin Ayaan Hirsi Ali erscheinen Giglioli als "aggressive Opfer", getragen vom Pathos des Unanfechtbaren. Dabei habe jedes der "aggressiven Opfer" eine Halbwahrheit für sich, die aber ein Moment des Falschen sei.

Giglioli will die Opferideologie insgesamt als verzerrt vernünftig verstanden wissen. Er hofft darauf, mittels Kritik das Vernünftige herauslösen und erlösen zu können. Das klingt ebenso antiquiert wie vermessen. Was gemeint sein könnte, erklärt er am Beispiel der Verschwörungstheorien. Diese mögen ja absurd, dumm, gefährlich sein, aber sie halten den Anspruch aufrecht, dass es verantwortliche Akteure gibt, Entscheider und Gewinner, nicht nur Sachzwänge, Mechanismen, Märkte. Im "Verantwortungsentzug" der Opferideologie scheine das nämliche Motiv in entfremdeter Sprache auf. So gesehen wären Ideologien, Mythologien für Gesellschaften, was Träume für das individuelle Seelenleben: verschobene Wunscherfüllung und Hüter des Schlafs zugleich.

Was also tun? Von Interessen reden statt von Skandalen, von Akteuren statt von Opfern, "sich als Konfliktpartei begreifen, nicht als Vertreter einer gespenstischen Universalität wie der von der Opfer-Ethik versprochenen". Wie vulgär diese gespenstische Universalität sich äußern kann, zeigen derzeit in ganz Europa die Demonstrationen derer, die sich als Opfer ihrer Eliten sehen und dabei immer mehr Unterstützung ihrer Eliten finden.