Essay Ins Bodenlose

Wie schreibt man ohne Verklärung und Klischees über das Berlin der Weimarer Jahre? Die Millionenstadt, in der ich meine Kriminalromane um den Kommissar Leo Wechsler ansiedele, ist auch ein Ort des Alltags.

Gastbeitrag von Susanne Goga

Wie über das Berlin der Weimarer Jahre schreiben, ohne es zu verklären? Wie ein zum Mythos geronnenes Bild aus Tempo und Rausch, Neonlicht und Josephine Baker im Bananenröckchen, Charleston und Tanz auf dem Vulkan, unterlegt mit dem dumpfen Marschschritt der SA, in eine, wenngleich fiktionale, Wirklichkeit zurückholen? Die Versuchung, Berlin auf seine Kontraste zu beschränken, auf Glanz und Elend, auf rauschende Feste am Kurfürstendamm und feuchtdunkle Hinterhöfe im Wedding und in Friedrichshain, auf Haller-Revue und Groschenroman, ist groß, denn es war letztendlich eine Metropole der Kontraste.

All dies gehörte zum Berlin der Weimarer Republik, zu einer Stadt, die wie keine andere für eine Epoche von Zusammenbruch und Neuanfang steht, der dann doch wieder in den Zusammenbruch mündet. Schaut man aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts auf diese Zeit, so nimmt man vorzugsweise jene Dinge wahr, die besonders grell aufleuchten, während Zwischentöne untergehen. Da liegt es nah, die Figuren auf Drahtseile zu schicken und am Rande des Vulkans zu balancieren, gleichsam schwebend zwischen Absturz und Rausch.

Aber Berlin hatte vier Millionen Einwohner, die von den Klischees oftmals kaum berührt wurden. Sie arbeiteten und amüsierten sich, zeugten Kinder und versuchten, diese durchzubringen, studierten und lernten und lebten in der Zeit, die wir heute gern zum Mythos stilisieren. Für sie war dieses Berlin der Alltag, nicht das Besondere. Sie ahnten nicht, dass sie in einer "Zeit zwischen den Kriegen" existierten, für sie war dies die Gegenwart, in der sie leben und überleben mussten.

Apropos "Zeit zwischen den Kriegen": Die Reihe um Leo Wechsler setzt bewusst nicht erst im Spätherbst der Weimarer Republik, sondern 1922 ein, als Krieg und Revolution noch nah waren und Attentate rechter Gruppen die junge Demokratie erschütterten.

Ich schreibe im Rückblick, mit dem Wissen um das, was wird. Meine Figuren kennen nur das, was geschehen ist

Leo selbst trägt eine Narbe, die an diese Zeit der Wirren erinnert. Seine erste Frau stirbt bei der Grippe-Pandemie, die nach der Katastrophe des Krieges über die Welt hereinbricht. Wir erleben die rasende Geldentwertung, die niemanden verschont, die Existenzen zerstört und den Glauben an jedwede Sicherheit erschüttert.

Verlorener Krieg, politischer Umbruch und das Gefühl, ins Bodenlose zu stürzen, prägen die Menschen. Im Krisenjahr 1923 findet der erste Berliner Judenpogrom des 20. Jahrhunderts statt; zuvor schon sind Hunderttausende Flüchtlinge aus Osteuropa in die Stadt gekommen, um Schutz vor den Sowjets zu suchen.

Aber es gibt auch politischen und sozialen Fortschritt, wirtschaftliche Erfolge und eine behutsame Rückkehr in die Völkergemeinschaft. Frauen können nicht nur wählen, sondern auch zahlreiche Berufe ergreifen und eine Selbständigkeit erlangen, die vor dem Krieg undenkbar war. Mädchenbildung, Rechte in der Ehe und wirtschaftliche Unabhängigkeit gehören zur Lebenswelt meiner Frauenfiguren.

Illustration: Max de Radiguès/Reprodukt Verlag

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Natürlich verspüre ich Wehmut, wenn ich mühsam erkämpfte Freiheiten beschreibe, die allesamt dem Untergang geweiht sind.

Daher braucht es ein Korrektiv, das ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufe: Ich schreibe im Rückblick, mit dem Wissen um das, was geschehen wird, während meine Figuren nur das kennen, was geschehen ist. Sie mögen das eine oder andere ahnen, vor allzu pathetischen Prophezeiungen möchte ich sie jedoch bewahren.

In diese Welt bricht nun das Verbrechen ein und reißt die Menschen mit Gewalt aus ihrem Alltag.

Die organisierte Kriminalität, die Kaschemmen des Scheunenviertels und die Ringvereine mit den klangvollen Namen wie "Apachenblut" und "Deutsche Eiche" interessieren mich eher als Hintergrundrauschen. Auch hier lauert die Gefahr, sich im Klischee zu verlieren. Wer vom Verbrechen lebt, ist sich der Gefahr, Leben und Freiheit zu verlieren, stets bewusst. Wer vom Verbrechen lebt, ist von Gewalt umgeben, sie ist kein Schrecken mehr, der unerwartet in den Alltag eindringt.

In meinem Berlin sterben die Menschen an ganz gewöhnlichen Orten: in ihrer Wohnung, vor ihrer Haustür, im Hof einer herrschaftlichen Wohnanlage, im Geräteschuppen eines Gymnasiums. Mein Kommissar Leo Wechsler und seine Kollegen erleben den ganzen Kosmos dieser Stadt, während sie die Geschichten hinter der Tat aufdecken. Und dabei geht es immer auch um jene, die zurückbleiben, denen die Ermittler gegenübertreten und mit deren Schmerz sie umgehen müssen.

Sind Ort und Zeit also beliebig? Könnten auch München, Leipzig oder Köln Schauplatz der Romane sein? Was verankert Leo Wechslers Fälle an diesem bestimmten Ort? Nicht unbedingt die kriminellen Taten selbst, wohl aber die Motive, aus denen sie erwachsen, die Charaktere, die sie begehen und ihnen zum Opfer fallen und deren Leben von ihnen berührt wird: ein von der Syphilis gezeichneter Mörder, eine feministisch engagierte Ärztin, ein berühmter Filmregisseur auf pornografischen Abwegen, ein kontroverser Maler, der rechten Verschwörern zum Opfer fällt, ein von seinen Kriegsverletzungen gezeichneter Theaterbesitzer, eine Ausdruckstänzerin, die Anita Berber gekannt haben muss, die unkonventionell verheiratete Besitzerin eines Modesalons am Kurfürstendamm. Und dazu all die Gastwirte, Lohnnäherinnen, Hausmeister, Verkäufer, Lehrer, Russisch-Dolmetscherinnen, Stenotypistinnen, Ärztinnen. Diese Collage des urbanen Lebens in seiner ganzen politischen, sozialen und kulturellen Breite lässt sich wohl nur im Berlin der Weimarer Jahre verwirklichen.

Natürlich stammen meine Berlinerinnen und Berliner nicht unbedingt von dort. Der Sog der Stadt ist enorm, sie zieht Menschen an, die sich dort alles oder zumindest mehr erhoffen. Meine Figuren kommen auch aus anderen Regionen Deutschlands oder aus Frankreich, sind Spätheimkehrer aus russischer Gefangenschaft oder von dort vor den Bolschewisten geflohen.

Mein Berlin ist keine Insel: Leo Wechsler macht Urlaub auf Hiddensee und reist beruflich quer durchs Reich nach Württemberg.

Susanne Goga, geboren 1967, lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Seit 2005 ermittelt ihr Kommissar Leo Wechsler in Berlin, zuletzt in „Nachts am Askanischen Platz“ (2018, erschienen bei dtv).

(Foto: Bogenberger)

Aber mein Berlin ist ein Magnet und spiegelt damit die historische Realität, denn die Stadt war Anziehungspunkt und Sehnsuchtsort für viele - darunter auch für Christopher Isherwood, der Jahre später schreiben sollte: "To Christopher, Berlin meant boys."

Das, was wir heute als LGBTQ-Szene bezeichnen, fand sich in dieser ungeheuren Vielfalt wohl nur in Berlin - vom Straßenstrich über elegante Tanzpaläste und private Clubs bis hin zu wissenschaftlichen Instituten und politischen Vorkämpfern wie Magnus Hirschfeld und Friedrich Radszuweit.

Gewiss, das Verbrechen an einem schwulen Mann, das ich beschreibe, könnte sich, auf die Tat reduziert, an jedem anderen Ort ereignen. Doch es geht im Kriminalroman eben nicht nur um die Tat, sondern auch um das Motiv, die ganz spezifische Lebenswelt von Opfern und Tätern, die Charaktere der Beteiligten und ihre komplizierten Beziehungen. Die Geschichte ließe sich in dieser Form an keinen anderen Schauplatz übertragen.

Somit schreibe ich Geschichten, die in ihrem Kern überall spielen könnten, aber erst durch den Schauplatz, eingebettet in die Epoche, dreidimensional werden.

Einzigartig ist natürlich auch die Polizei, vor allem die Inspektion A der Kriminalpolizei, zuständig für Kapitalverbrechen. Ihr Leiter, Kriminalrat Ernst Gennat, an dem man nicht nur wegen seiner legendären Leibesfülle kaum vorbeikommt, wenn man über Verbrechensbekämpfung im Weimarer Berlin schreibt, revolutioniert in diesen Jahren die polizeiliche Methodik und setzt dabei Maßstäbe, die sich Ermittler in aller Welt zum Vorbild nehmen.

Aber er ist nicht nur ein großer Modernisierer und brillanter Kriminalist, sondern auch einfühlsam und menschlich. Der Versuchung, ihn auf seinem Sofa zu schildern, vor sich den Teller mit dem unvermeidlichen Stück Torte, kann man kaum widerstehen. Und warum sollte man das tun? Eine Figur wie Gennat müsste man erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe.

Die Kriminalbeamten sind keine Einzelgänger oder Helden, sondern Teile eines gewaltigen Apparats

Einen Kommissar zu entwerfen, der sich in dieser Welt bewegt und nach diesen fortschrittlichen Methoden arbeitet, ist reizvoll. Noch reizvoller finde ich, diesen Kommissar mit Kollegen zu umgeben, die über eine ausgeprägte Persönlichkeit verfügen und ihre privaten Neigungen und Aversionen, Fähigkeiten und Schwächen in die Ermittlungsarbeit einbringen.

Die Kriminalbeamten sind, wie alle anderen Figuren, fest in dieser Zeit und dieser Stadt verwurzelt. Sie sind keine Einzelgänger oder Helden, sondern Teile eines gewaltigen Apparats, der in einer nahezu unüberschaubaren, politisch zerrissenen Großstadt Sicherheit gewährleisten soll - ein unmögliches Ziel.

Dies ist nicht mehr die Polizei des Kaiserreichs, die zuallererst dem Obrigkeitsdenken und dem Schutz der Monarchie verpflichtet war. Zumindest in der Theorie ist diese Polizei Wegbereiter und Vertreter einer im Werden begriffenen Demokratie; ihre Präsidenten sind - anders als im Kaiserreich - nicht adelig und gehören fast ausnahmslos der SPD an.

Doch auch hier gibt es entschiedene Gegner der neuen Republik, die dem aufkommenden Nationalsozialismus aufgeschlossen gegenüberstehen. Nicht alle Polizeibeamten identifizieren sich mit dem noch jungen Staat, dem sie dienen. Auch diese Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit bietet sich an, um den Figuren Tiefe zu verleihen.

Kurzum: Berlin ist der Brennpunkt, in dem sich alles konzentriert und sammelt, der das Wesen dieser vierzehn Jahre mit all ihren Widersprüchen besonders treffend einfängt. Für mich ist es immer wieder herausfordernd und spannend, meine Figuren in dieses Berlin zu stellen, auf dass sie sich bewähren, statt darin unterzugehen.