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Essay:Im Bauch des Zyklopen

Paolo Rumiz, der als Schriftsteller fast die ganze Welt bereist hat, zieht sich in einen Leuchtturm auf eine Mittelmeerinsel zurück. Wo sie liegt, bleibt ein Geheimnis. Von dort begibt er sich auf eine Gedankenreise.

Als Reiseschriftsteller hat Paolo Rumiz fast die ganze Welt bereist; mit dem Auto, mit der Eisenbahn, zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit einem Heißluftballon. Zu der winzigen Insel irgendwo im Mittelmeer, ihren Namen will er nicht verraten, gelangte er mit einem Beiboot, weil die Untiefen drum herum für jedes größere Schiff zu gefährlich wären. Gerade einmal zwölfhundert Meter lang und zweihundert Meter breit ist das Land, über das stolz ein Leuchtturm wacht. Im Bauch des einäugigen Monolithen wollte Rumiz drei Wochen Quartier beziehen, am Ende wurden es drei Monate.

Ein Freund empfahl ihm, genügend Zitronen mitzunehmen, um die Venusmuscheln zu beträufeln, die dort so groß seien wie Jakobsmuscheln. Neben den Zitronen schnürte er also Tomaten, Kartoffeln, Kohl und Zwiebeln zu einem fünfzig Kilo schweren Bündel, besorgte noch zwanzig Liter Wein und Triester Ostergebäck für die Feiertage. Ein starker Mistral blies ihn schließlich auf die kleine Insel, wo außer einem lakonischen Leuchtturmwärter kaum jemand anzutreffen ist. Es ist ein rauer Ort, wer dort überleben möchte, muss die Elemente beherrschen, die Sprache des Meeres sprechen, seine Winde beim Namen nennen.

Paolo Rumiz: Der Leuchtturm. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Wien und Bozen 2017. 159 Seiten, 20 Euro.

Rumiz versteht das Meer, er ist an der Adria-Küste groß geworden. Nur widerwillig würde er sich deshalb als Italiener bezeichnen lassen. Als Korrespondent war er im Jugoslawien- und im Afghanistan-Krieg. Dort hat er gelernt, Nationalismus zu verabscheuen und fremde Sprachen zu lieben. Voller Bewunderung ist er für das Griechische, das vier Namen für das Meer kennt. Geschmackvoll schreibt er auf Italienisch, hält dessen lateinische Wurzeln hoch. Rumiz ist ein Sprachsommelier: Er kaut seinen Homer wie den Stockfisch und die Garnelen, die er sich zubereitet. Wenn man in Griechenland nicht wisse, dass Sardellen "Gravos" heißen, so solle man sie erst gar nicht bestellen, sie würden einem nicht munden. Man müsse lernen, schon den Namen der Speisen zu schmecken. Die Übersetzerin Karin Fleischanderl hat Rumiz' lukullische Worte in ein ungewohnt appetitliches Deutsch überführt.

Das Leben hat den fast siebzigjährigen Paolo Rumiz schon an viele entlegene Orte geführt, von denen er gerne in Büchern erzählt. Sein Reisebericht "Der Leuchtturm" (im Original "Il Ciclope") ist anders, beginnt er doch mit dem Ziel, von dem er sich physisch auch nicht mehr wegbewegt. Rumiz hat lange nach der Insel mit diesem Leuchtturm gesucht, so lange, dass sie ihm heilig geworden ist und er ihre Koordinaten verschweigt. Für den aufmerksamen Leser ist es jedoch ein Leichtes, mit den Hinweisen, die der Autor streut, Namen und Lage der Insel herauszufinden. Jeden Eindruck, den Rumiz dort sammelt, umschließt er mit einer mystischen Aura. Kein Wind, kein Sternenbild, das er nicht in griechische Mythologie bannt: "Der Wind unserer uralten Kultur, der die Segel Odysseus' und Diomedes' blähte, weht auch heute noch, obwohl Jahrtausende vergangen sind."

Er pflückt Gedanken genauso wie Kapern und wilden Spargel - beim Spazierengehen

Die Gedanken und Erinnerungen des Autors hängen frei herum. Er pflückt sie beim Spazierengehen über die Insel, wie den wilden Spargel oder die Kapern, die er in Salzlake einlegt. Und plötzlich ist man, ohne es gemerkt zu haben, mit ihm auf einer Reise, von der Arktis bis in die Sahara, dem grellen Blick des Zyklopen leitmotivisch folgend: Rumiz kennt die schönsten und einsamsten Leuchttürme zwischen Apulien und Kalabrien. Er war in Chile am Kap Hoorn, wo der berühmteste Leuchtturm der Welt steht, und in Alaska, wo er nur noch Ruinen der Lichtanlagen vorfand, dafür aber hungrige Eisbären.

Auf seinen Reisen traf Rumiz Menschen wie die Meeresbiologin Tamara, die nicht müde wurde, die Meereszerstörung zu beweinen. Durch sie hat er verstanden, dass das Meer unter Abfällen und Düngemitteln zu ersticken droht. Solche Dinge passieren auf einer einsamen Insel. Neuartige Gedanken und Wahrnehmungen: "Das Schlimmste besteht nicht darin, am Rande der Katastrophe zu stehen, sondern darin, es nicht zu bemerken."

Altersweise ist Rumiz, aber kein bisschen altersmilde. Er geht hart ins Gericht mit den zivilisierten Menschen, die einander fremd geworden sind: Das Mittelmeer sei der Friedhof, auf dem man nicht nur bootsweise Syrer und Afghanen ertrinken lasse, sondern auch die humanistische Idee Europas. Man hat den Eindruck, er bemitleide die Wohlstandsgesellschaft mehr als diejenigen, die nach Europa flüchten, um einen besseren Ort zum Leben zu finden. Er ist überzeugt, dass sie am Ende siegen werden. "Weil die Welt immer den Migranten gehört hat, jenen, die sich in Bewegung setzen und andere Länder suchen und voll Furcht das Schwarze Meer durchqueren."

Es gibt maritime Augenblicke, in denen Wind, Meer und Festland ein Gleichgewicht erreichen und Rumiz ein Teil davon wird. Dann lehnt er sich befreit von jeder Last an einen sonnengewärmten Felsen und macht Frieden mit sich selbst.

Die einsame Insel ist nicht für die Ewigkeit. So wie die Leuchtturmwärter nach einigen Wochen die Wachablöse vollziehen, kommt der Tag, an dem Rumiz die Insel verlässt. Er steigt in das Beiboot und verabschiedet sich von seinem selbst gewählten Exil, wie es griechische Seeleute seit Menschengedenken tun: ohne einen Blick zurück. Denn die Sehnsucht wäre nicht zu ertragen.