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Haustiere und "Neo Nature":Ganz leicht abwaschbar

Cat - Peterbald PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: Jean-MichelxLabat 10982853

Die Sphynx-Katze kann einem vorkommen wie die Haustierentsprechung zur körperhaarlosen Waxing-Ära.

(Foto: imago images/Ardea)
  • Neue Züchtungen versprechen Hunde, die nicht mehr haaren, und Katzen, die keine Allergien auslösen.
  • Gleichzeitig suchen Großstädter in Lagerfeuer-Workshops nach größtmöglicher Naturnähe.
  • Vermenschlichen wir die Tiere genau zu dem Zeitpunkt, da wir uns selbst immer "natürlicher" geben?

Der Kater als Kronzeuge im Wortsinn soll hier nur W. heißen. Obwohl der vollständige Name der Redaktion bekannt ist, darf man annehmen, dass W. von der Idee, auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden, nicht erbaut ist. Öffentlichkeit, ein Garten, der Park oder die Straße zum Beispiel, das alltägliche Leben in freier Natur oder doch inmitten der städtisch halbfrei geprägten Natursurrogat-Räume, sind dem W. fremd. "Von Natur aus", wie einem das Frauchen versichert. Das Frauchen, eine kluge und charmante Dame, gehört zu den bevorzugten Untertanen des W.

Der W. ist ein Kartäuser, auch Chartreux genannt. Er gehört zu den ältesten Rassekatzen und ist auch sonst ein wundersam schönes Wesen. Leuchtend gelb erstrahlt der intensive Blick aus einem seidig schimmernden und blaugrau changierenden Fell. W., erlesen ernährt, ist von majestätischer Anmut. Ein einziges Mal lässt er es zu, sich von der Reporterhand - nur beinahe - berühren zu lassen, dann majestiert er wieder davon. Er ist souverän und katzenhaft, also auf vertraute Weise fremd. Ein Tier zum Verlieben. Und Tiere sind gut für den Menschen.

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Doch ist er auch abseits aller Liebe ein Indoor-Kater, der noch nie draußen war. Der noch nie jenseits der großzügig geschnittenen Wohnung im Obergeschoss der Münchner Isabellastraße war. Der W. ist ein Schwabinger Kater, der Schwabing außer von oben aus den Fenstern noch nie gesehen hat. Man kann sich gut vorstellen, dass eine echte Maus den W. zu Tode erschrecken würde. Sein Habitat ist das der Wohnung, samt Stuck, Parkett und Flügeltüren. Zum Eames Chair passt er fast besser als das dazugehörige Fußteil.

Die nächste Stufe wäre dann Vintage: Tierpräparate, Plüsch-Teddy, Tamagotchis

Der Begriff "Haustier" findet in einer solchen Tierexistenz, die das Haus zum zivilisierten Lebensraum der natürlichen Tierwelt umdeutet, zu sich selbst. Die Katze lässt das Mausen nicht? Inzwischen immer öfter. Im "Rasseporträt" des ZooRoyal-Magazins, das wirklich so heißt (auch jetzt, da sich unglücklicherweise ein Zoo für die Tierwelt als tödlich erwiesen hat), ist über die Kartäuser-Rasse zu lesen, dass ihr Drang, sich in der Natur zu bewegen, "nicht so stark entwickelt" ist. Mit anderen Worten: Man braucht weder Katzenklappe noch Balkon noch Garten noch Natur.

Solche Katzen passen einerseits zur Epoche des Cocooning als Lebensstil. Andererseits passen sie auch zu einer Meldung, wonach haarlose Nacktwesen wie die kanadische Sphynx-Katze, die einem vorkommt wie die Haustierentsprechung zur körperhaarlosen Waxing-Ära, aktuell zum Ideal aller Katzenhaar-Empfindsamen werden, da die irrtümliche Information die Runde machte, die Sphynx-Katze löse - anders als alle anderen Rassen - bei Katzenhaar-Allergikern keine Allergie aus.

Leider ist das ein Trugschluss. Tatsächlich gibt es zwar "Katzen für Allergiker". Das sind sogenannte hypoallergene Katzenrassen, die weniger Allergene als andere Arten besitzen (sollen). Aber grundsätzlich werden allergische Reaktion durch Allergene ausgelöst, die im Speichel der Katze zu finden sind, in deren Tränenflüssigkeit und in den Hautschuppen. Wenn sich die Katze leckt, verbreiten sich diese Allergene eben auch über die ausfallenden Katzenhaare. Man ist also nicht gegen Katzenhaare, sondern schlicht gegen Katzen allergisch. Die Nacktkatze ist keine Lösung.

Aber doch ein Indiz, wie man den Haustieren das Tiersein austreiben kann. Es gibt auch Hunde wie den Goldendoodle, eine lebenslustig aussehende Mischung aus Golden Retriever und Pudel, der als "Allergikerhund" empfohlen wird. Das Portal Allergikerhunde.de weiß: "Laut wissenschaftlichen Untersuchungen gelten Goldendoodle als Hunde mit geringerem Allergiepotenzial. Dies ist aber vom jeweiligen Hund abhängig. Insbesondere Züchtungen mit geringerem Haarverlust sind gut für Allergiker geeignet."

Auch das könnte ein Missverständnis sein: Wer gegen Hunde allergisch ist, ist gegen Hunde allergisch - die "Züchtung mit geringerem Haarverlust" ist wohl vor allem das Gezücht einer Gesellschaft, in der Tiere einer den Tieren entfremdeten, staubsaugerfreundlichen Easy-to-use-Welt implantiert werden.

Wie lange werden Tiere noch Stoffwechsel haben?

Das geht letztlich nur, wenn Haustiere aufhören, Tiere sein zu wollen, um sich endgültig in das Haus zu fügen. Das Haustier von heute hat pflegeleicht, staubfrei und haarlos zu sein wie eine Küchenarbeitsplatte aus Laminat. Wie lange werden Tiere noch Stoffwechsel haben? Lässt der sich wegzüchten? Die nächste Stufe der haushaltsverträglich domestizierten Haustiere könnte dann Vintage sein: Tierpräparat, Steiff-Teddy, Tamagotchi.

Dass das Haus im Haustier auch abseits der Rassekatzen zunehmend von Bedeutung ist, dürfte man in diesen Tagen erleben. Nach Heiligabend, da ungeachtet aller Tierschutzvernunft (dafür dem Trend der letzten Jahre folgend) Hund, Katz und Maus, dazu auch Wellensittich, Meerschweinchen und Hamster als Geschenke unter dem Weihnachtsbaum platziert wurden. Ein Trost: Die Vogelspinne hat es im Ranking der Freizeit Revue nur auf den letzten Platz der aktuell beliebtesten deutschen Haustiere geschafft.

Im Haustier-Dorado Deutschland leben einer repräsentativen Erhebung des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe zufolge 34,3 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel. Dazu kommen noch Zierfische und Terrarien-Tiere. Immer wieder zu lesen ist die Meldung "Giftschlange entwischt". Zuletzt, im Spätsommer, war das in Herne der Fall. Die geflüchtete Kobra animierte den Spiegel zur Zitat-Überschrift "Wir haben unsere Katzen eingesperrt". Das gilt natürlich nicht für Kater W., den lebenslänglich Gar-nicht-erst-Ausgesperrten.

Das Gebot der Stunde: Die Züchtung hypoallergener Hipster

In 22 Prozent aller Haushalte leben Katzen. Hunde bevölkern 18 Prozent der Wohnungen und Häuser. Seit Jahren steigt die Zahl der Haustiere in Deutschland bis zur Groteske. Bald muss man vielleicht überlegen, ob Haustiere wählen dürfen - und wann unsere Städte und Architekturen endlich tiergerecht sein werden.

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Von dieser Entwicklung profitiert auch ein sich immer mächtiger plusternder Wirtschaftszweig, der über das mit Swarovski-Kristallen besetzte Lederhalsband für Bello längst hinausweist. Eine Studie der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Göttingen besagt, dass "Heimtiere ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind". Der Umsatz entspricht dem des deutschen Buchhandels.

Die Wirtschaftswoche schreibt: "Das Geschäft mit den Tieren wächst in immer mehr Branchen. Ärzte, Physiotherapeuten, Kosmetiker, Hoteliers, Bestatter - von jedem erdenklichen Berufszweig gibt es mittlerweile eine Haustiervariante. Sie alle verdienen an der Tierliebe der Deutschen." Das schwedische Textilunternehmen H & M hat aktuell Hundekleidung in Form von Pullis, Mänteln und Kostümen im Angebot: "Verpasse deinem Hund ein schickes Outfit - mit unseren süßen und farbenfrohen Styles und Accessoires. Unsere gemütlichen Hunderegenmäntel und -jacken halten deinen Vierbeiner schön warm und trocken und mit einem Kostüm oder sonstigen Accessoires kannst du seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen." Da könnte auch die kanadische Nacktkatze nachdenklich werden. Dass es mittlerweile "Bauhaus"-Möbel für Hunde und ein von Luigi Colani entworfenes Katzenklo gibt: geschenkt.

Absurder-, möglicherweise aber auch logischerweise vermenschlichen wir die Tiere genau in dem Zeitpunkt, da wir uns selbst immer "natürlicher" geben. Der Megatrend der Epoche heißt "Neo Nature" und lässt die Barthaare der Hipster wachsen, die das Outdoor-Magazin Walden lesen, großes Karo tragen, Feuermach-Workshops besuchen und digitales Detoxing betreiben.

Im Sinne einer friedlichen Koexistenz und wegen der vermutlich schon bald aufkommenden Menschenhaareallergie unserer Katzen und Hunde ist die Züchtung haarloser, hypoallergener Hipster das Gebot der Stunde. Diese könnte man dann mit einem hoffentlich unterdurchschnittlichen Drang zum Aufenthalt in freier Natur den Haustieren zu Weihnachten schenken.

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