Essay Auf den Avenidas

Können Frauen spazieren gehen? Lauren Elkins wunderbarer Essay "Flâneuse" erzählt von Frauen, die lieber beobachten, als beobachtet zu werden

Von Kathleen Hildebrand

Das Flanieren lernte Lauren Elkin erst in Paris. In dem Vorort auf Long Island, in dem sie aufgewachsen ist, gab es keine Bürgersteige.

(Foto: Marianne Kast)

Im vergangenen Sommer waren viele Franzosen sehr aufgebracht wegen eines Überwachungsvideos eines Pariser Cafés. Auf dem Video war eine Frau im roten Kleid zu sehen, die an einem Mann vorbeiläuft. Er scheint sie wütend zu machen, womit ist nicht erkennbar. Sie dreht sich zu ihm um, ruft etwas, läuft weiter. Er ist schon fast um die Ecke, dann kommt er zurück, und schlägt ihr ins Gesicht, so heftig, dass ihre langen dunklen Haare zur Seite fliegen. Mitten am Tag, vor mindestens einem Dutzend Zeugen, schlug dieser Mann zu, weil ihm nicht passte, dass diese Frau, das schrieb sie später auf Facebook, auf seine Anzüglichkeit hin "halt die Schnauze!" gerufen hatte. Mit dieser Szene im Kopf klingt die Frage, die dem wunderbaren essayistischen Sachbuch "Flâneuse" der amerikanischen Autorin, Essayistin und Übersetzerin Lauren Elkin zugrunde liegt, gar nicht absurd: Können Frauen spazieren gehen?

Die Frage ist auch heute noch nicht ganz einfach zu beantworten, im 19. und 20. Jahrhundert konnten sie es ganz bestimmt nicht. Allein, unbeachtet und ziellos durch die Großstadt streifen, sich ins Café setzen und schauen wie Baudelaire und Walter Benjamin, die über die Haussmann'schen Boulevards von Paris und durch seine überdachten Passagen schlenderten. Zu viel stand dem entgegen: Kleidungs- und Verhaltenskonventionen, die ökonomischen Verhältnisse, die handfeste Angst vor Gewalt.

Die Freiheit zu flanieren hatten lange Zeit nur privilegierte Männer

Die Kulturgeschichte des Flâneurs, schreibt Elkin, ist zunächst einmal eine rein männliche. "Als wäre ein Penis eine Art Wanderstab, ein notwendiges Anhängsel, das man zum Gehen braucht." Die Freiheit zum Flanieren, dazu, sich ohne Einschränkung im öffentlichen Raum zu bewegen, hatten lange Zeit nur Männer. Und selbst von ihnen nur die Privilegiertesten. Jene, die keiner geregelten Arbeit nachgingen und sich für Kunst und Ästhetisches im Allgemeinen interessierten.

Eine unbegleitete, etwas ziellos wirkende Frau auf der Straße konnte lange nur eine Prostituierte sein. Anständige bürgerliche Frauen gingen sonntags mit Mutter, Tante, Vater in den Park oder blieben ganz zu Hause. Selbst wenn sie es gewagt hätten, mit dieser Konvention zu brechen - eine zentrale Eigenschaft des Flâneurs war und ist vielleicht noch immer für Frauen unerreichbar: Unsichtbarkeit. Nicht das Objekt der Beobachtung sein, sondern selbst Beobachter. Lauren Elkin zitiert eine Passage von Ernest Hemingway, die er, in einem Pariser Café sitzend, über eine junge Frau ein paar Tische weiter schreibt: "Ich habe dich gesehen, du Schöne, und jetzt gehörst du mir." Als Frau, auch als Beobachtende, denkt man diesen besitzergreifenden Blick auf sich selbst immer schon mit.

Und doch muss es sie ja gegeben haben, die Frauen in der Großstadt. Wo also sind sie, in Literatur, Film und Kunst? Elkin porträtiert George Sand, Agnès Varda, Sophie Calle und Virginia Woolf als Flâneuses, die sich in Paris, London, Venedig das Recht zu Präsenz und Beobachtung nahmen. Die sehen wollten, was in ihrer Stadt geschah und was die Straßen und Plätze mit ihnen machten.

Elkins Interesse daran ist auch ein persönliches. Für ihr Studium zieht sie vom gehsteiglosen Suburbia Long Islands zuerst in die amerikanische Fußgänger-Metropole New York und erlebt dann, im Auslandsjahr in Paris, ihre Flanier-Erweckung. In den Jahren darauf erkundet sie Tokio, London und immer wieder die französische Hauptstadt, in der sie heute lebt. Mit der typisch angelsächsischen Neigung, in essayistischen Texten und Sachbüchern "Ich" zu sagen, erzählt Elkin von Beziehungen mit Männern, die sie in verschiedene Viertel führen und von der sich hinziehenden Trennung von dem Mann, wegen dem sie monatelang zwischen Tokio und Paris pendelt. Oft verliert sich Elkin in diesen privaten Betrachtungen, doch das schadet dem Buch nicht, im Gegenteil. Mit der gewissen Ziellosigkeit ihrer Gedankenführung, ihre Bereitschaft, interessanten Seitengassen im eigenen und im Leben ihrer Protagonistinnen zu folgen, vollzieht sie formal, was sie am Flanieren durch die Großstädte fasziniert.

Die Lebensläufe ihrer urbanen Vorgängerinnen bilden das kulturgeschichtliche Gerüst von Elkins Buch. Um zu zeigen, wie Frauen sich Städte zu eigen machen, arbeitet sie mit Beispielen, Beschreibungen und Details, nicht mit großen soziologischen Thesen. Elkin folgt Pfaden, anstatt Schneisen zu schlagen. Ganz so wie eine Flâneuse sich von ihrem Interesse und den Straßen der Stadt leiten lässt.

Da ist George Sand, die sich in Männerkleidung freier und mobiler als in Rock und zierlichen Schühchen durch das revolutionäre Paris um 1830 bewegen kann, vorbei an Barrikaden, Polizisten und Toten. Da ist Virginia Woolf, die auf der Suche nach Figuren und Geschichten durch das Londoner Bloomsbury lief. Ein Stadtteil, der, weil er erschwinglich war, vielen alleinstehenden, berufstätigen Frauen ein selbständiges Leben außerhalb ihrer Familien in Pensionszimmern ermöglichte. Und da ist Martha Gellhorn, Hemingways Ehefrau, die als Reporterin im spanischen Bürgerkrieg nach Madrid geht. Als man sie nicht an die Front vorlässt, beschreibt sie den Alltag in der spanischen Hauptstadt, als jeder Gang über die Straße lebensgefährlich ist und trotzdem in den Bodegas weiter Brot und Gemüse verkauft werden.

Frauen können ihren Nebenjob als Dekorationsobjekt durchaus auch genießen

Wie unangenehm der männliche Blick für Großstadtfrauen sein kann, demonstriert Elkin an den Figuren der karibisch-britischen Schriftstellerin Jean Rhys, die von 1919 an in Paris gelebt hat. Die Rhys-Heldinnen winden sich mehr durch Paris, als dass sie schlendern. Ihnen ist schmerzlich bewusst, dass sie aus den Cafés heraus nicht nur beobachtet, sondern, "dass sie verhöhnt werden." Kleidung, Gesichtsausdruck, alles an einer allein umherstreifenden Frau ist erst einmal etwas zu Kommentierendes, zu Bewertendes. Sie sind Außenseiterinnen qua Geschlecht. "Warum sind Sie traurig?", fragen wildfremde Männer Rhys' Frauen im Vorübergehen. Die sind so an die Bedeutsamkeit des männlichen Blicks gewöhnt, dass sie ins nächste spiegelnde Schaufenster schauen und sich fragen: "Habe ich denn Grund zum Weinen?"

Mehr als vierzig Jahre später dreht die Nouvelle-Vague-Regisseurin Agnès Varda den Film "Cléo - Mittwoch zwischen 5 und 7". Eine schöne junge Sängerin erwartet darin ihre Krebsdiagnose, begegnet einem Soldaten in der Nacht bevor er in den Krieg muss in den Straßen von Paris und streift dabei Stück für Stück ihre Eitelkeit und Sorge vor dem Urteil anderer ab. Sie wird von einer Frau, die betrachtet wird, zu einer, die sieht.

Im Grunde ist "Flâneuse" die perfekte Handreichung für alle, die im vergangenen Jahr arg baff vor der Debatte um Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas" standen, das Studenten von der Außenwand ihrer Hochschule entfernen wollten. Der Blick des lyrischen Ichs schweift darin über eine Straßenszene und stellt Blumen und Frauen - und nein, keine Männer - hübsch nebeneinander. Frauen können dieses Betrachtetwerden, diesen andauernden Nebenjob als Dekorationsobjekt, den ihnen die Kultur zuweist, auch selbstbewusst genießen. Elkins Streifzug durch die Flaniergeschichte lässt durchaus Platz für diese Möglichkeit. Einfach außer Acht lassen können sie sie aber nicht.

Lauren Elkin hat mit "Flâneuse" nicht nur eine Geschichte kluger Rebellinnen geschrieben, sondern eine Geschichte des weiblichen Blicks. Wer sie liest, sieht danach mehr von London, Paris, New York. Und sich selbst ganz neu beim Sehen zu.

Lauren Elkin: Flâneuse. Frauen erobern die Stadt. Aus dem Englischen von Cornelia Röser. btb Verlag, München 2019. 400 Seiten, 22 Euro.