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Eskapismus:Ein wunderschöner Ausweg

Plötzlich verändert sich die ganze Welt? Dieses Gefühl hatten Künstler auch früher schon, in Venedig um 1500 oder in Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Sie zogen sich zurück und retteten sich in die Fantasie.

Ein Unbehagen liegt in der Luft, und es ist schwer zu fassen. Trump, Türkei, Aleppo, Attentate, Le Pen: Sind das Indizien für eine sich grundsätzlich ändernde Weltlage, einen Epochenwandel - oder täuscht dieses dumpfe Gefühl, das manche beschleicht? Was sich jedenfalls schon verändert hat, sind die Tischgespräche unter Freunden. Vor zwei, drei Jahren ging es um den letzten Museumsbesuch, ein Konzert, Umzüge, Hochzeiten und um Urlaubsreisen auch in den arabischen Raum. Beim dritten Glas erst kam die Rede auf die Tagespolitik. Jetzt ist das anders herum. Die Welt hat mit neuer Dringlichkeit am Esstisch Platz genommen. Der eine war schon mal im Pulse, der Homosexuellenbar von Orlando, bevor es dort zum Massaker kam. Die andere erzählt von ihrer Schwester in Istanbul, die sich nicht mehr zum Frauenarzt traut, weil sie nicht zugeben möchte, als ledige Frau Verhütungsmittel zu nutzen - aus Angst vor der Sittenpolizei. Und eine Lehrerin hilft geflohenen Jesidinnen aus dem Irak beim Deutschlernen.

Im Vergleich zu den Erlebnissen wirklich Betroffener ist das harmlos. Aber immer mehr Nichtbetroffene entdecken doch persönliche Bezüge. Und so kommen die Gespräche nun schnell darauf, ob die europäischen Demokratien wirklich so stabil sind, wie die Nachkriegskinder immer dachten. Ob die USA auch unter dem nächsten Präsidenten noch Deutschlands Sicherheit garantieren werden. Was passiert, wenn der Krieg in Syrien kein Ende nimmt und der Terror auch nicht. Ein besonnener Gast erinnert daran, wie in den Achtzigern alle den Atomkrieg fürchteten. Und sagt, dass weltweit gesehen weniger Kinder verhungerten als früher und die Terrorakte auch nicht zugenommen haben. Heute aber, erwidert jemand, erführen wir eben im Sekundentakt davon, und sei es auf dem Bildschirm in der Trambahn.

Arkadien ist das Land der Liebe und der Schönheit. Der Tod aber wohnt hier auch

Die neue Zeitgenossenschaft changiert zwischen Glückhaben und Unglückahnen, zwischen einem immer noch sehr bequemen Leben und der Angst, es zu verlieren. Einzigartig ist dieses Gefühl nicht. In der Geschichte gab es immer einmal wieder Momente, in denen die Zukunft besonders unberechenbar erschien und darüber die Gegenwart ins Wanken geriet. Dies war in Venedig knapp nach 1500 so und in Wien kurz vor 1900. Politikverdrossene, verunsicherte Künstler und Literaten fanden damals eine andere Lösung als heute. Sie zogen sich miteinander zurück und ersannen ungeahnte imaginäre Welten, in denen Schönheit, Liebe und Unheil eine innige Verbindung eingingen.

Die Republik Venedig befand sich von 1508 an in ungemütlicher Lage. Der Papst und der deutsche Kaiser hatten sich mit den Königen von England, Frankreich und Ungarn zusammengeschlossen, um den kleinen Staat zu vernichten. Sie schickten ihre Truppen in die Terraferma, das Hinterland Venedigs. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis in dem von seinen Kornkammern abgeschnittenen Venedig Hunger und Seuchen grassierten. Die Handelsmetropole war dem Untergang geweiht, und dass der Papst zwischenzeitlich christliche Taufen und Begräbnisse in der Stadt verbot, forderte auch noch die Jenseitshoffnungen der Bewohner heraus.

Fries

Auf Klimts Beethovenfries locken drei nackte Gorgonen, darüber grämen sich Krankheit, Wahnsinn, Tod. Typhon, das Monster, ist nicht fern. Seine Begleiterinnen sind Wollust,Unkeuschheit Völlerei und Kummer.

(Foto: akg-images, Erich Lessing, Österr. galerie Belvedere Wien)

Vielen Adeligen und reichen Kaufleuten aber ging es immer noch gut. Sie konnten weiter ihre Feste feiern, die in der Stadt gedruckten Bücher kaufen, ihre Frauen trotz des staatlichen Luxusverbots mit Schmuck und Seide ausstaffieren und ihren Söhnen ein Leben ohne existenzielle Nöte bieten. Die allerdings machten die Vätergeneration für die aussichtslose Lage verantwortlich. In den Augen vieler Junger waren die Alten gescheitert mit ihrem Unternehmergeist, ihrer Außenpolitik, auch mit ihrem angeblichen Humanismus. Die Söhne zogen der Politik das kontemplative Leben vor, lasen Poesie, lernten das Lautenspiel, goutierten moderne Malerei und diskutierten an langen Salonabenden über das Wesen der Liebe. Das Leben konnte so kurz sein, wer wollte es da an politische Intrigen verschwenden? Wo es doch so viel reizvoller ist, die Geheimnisse der Seele und der Schönheit zu erkunden.

Man kann das Eskapismus nennen, Flucht vor der Realität. Das aber ist nicht alles. Denn der Isolation dieser Jahre verdanken wir einige der traumhaftesten Werke der Kunstgeschichte. Giorgione malte sein "Gewitter" und die "Schlafende Venus", der junge Tizian schulte Auge und Pinsel. Sie bezogen sich auf die frisch gedruckte Liebesliteratur, auf Nachdrucke von Petrarcas "Canzoniere" und Vergils "Eklogen", auf Pietro Bembos "Asolani" und auf den in der Stadt zirkulierenden Raubdruck von Jacopo Sannazaros "Arcadia".

Sehnsuchtsort der Venezianer war nicht das herrschaftliche Rom, sondern das freie Arkadien, das Land der Fantasie, in dem nackte Göttinnen lustvoll mit Hirtenjungen musizieren. Die Gegenwelt der Kunst kam ohne Zwänge aus, ohne unhandliche Plateauschuhe für die Frauen und allzu steife Schamkapseln für die Männer. Die Liebe und die Schönheit aber trübt in Arkadien stets der Tod. In den Geschichten und Bildern ist er nie ganz fern, irgendein als Brunnen genutzter Sarkophag mahnt immer: Das Leben ist kurz.

So ist es ja auch, und völlig klar wird das erst in riskanten Situationen, wie es die Belagerung Venedigs war. Am Ende erfüllten sich die Sorgen der Bewohner nicht und auch das Misstrauen der Jungen blieb unbegründet. Den venezianischen Diplomaten gelang es, die Gegner der Republik so weit abzulenken, das diese verschont blieb für die nächsten drei Jahrhunderte.

Wie aber eine Geschichte ausgeht, weiß man immer erst hinterher. Manchmal liegt eine Spannung in der Luft, ein Geruch vom möglichem Zusammenbruch des Altbekannten, und das müssen die jeweiligen Zeitgenossen erst einmal aushalten. In Österreich, das der Publizist Karl Kraus später einmal die "Versuchsstation des Weltuntergangs" nannte, war das um 1900 nicht ganz einfach. In den Jahrzehnten nach der gescheiterten Revolution von 1848 hatten sich nach und nach die Liberalen politisch, gesellschaftlich und ökonomisch durchgesetzt. Ende des Jahrhunderts aber begann der aufgeklärte Konsens zu bröckeln. Nationalitätenkonflikte im k.u.k.-Reich brachen auf, Arbeiter liebäugelten mit der Sozialdemokratie und viele einfache Leute applaudierten dem Christsozialen Karl Lueger, der 1897 mit seinen judenfeindlichen Hetzparolen zum Wiener Bürgermeister gewählt wurde.

Concert Champetre

Göttinnen treffen sich mit einem Hirtenjungen und der Sarkophag wird zum Brunnen: Tizians "Concert Champetre".

(Foto: oh)

Es gibt keinen Rückzug vor dem Weltgeschehen mehr. Das verkündet jedes Telefon

In seiner pulitzerpreisgekrönten Studie "Wien und Gesellschaft im Fin de Siècle" hat der Kulturwissenschaftler Carl E. Schorske beschrieben, was die neue Unsicherheit für die Kinder der liberalen, oftmals jüdischen Bürger bedeutete: Sie konnten die Aufstiegshoffnungen ihrer Väter nicht mehr erfüllen, und auch deren strenges Sittenreglement erschien plötzlich sinnlos. Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Gustav Klimt und andere zogen sich erst einmal zurück von der Politik und verübten den Vatermord in ihren Traumstudien, Theaterstücken, Gemälden. Auch sie erkundeten das Seelische, vor allem das Begehren exzessiv, auch sie taten dies in geschützter Umgebung, in der Weltabgeschiedenheit der Wiener Kaffeehäuser. Freud sucht laut Schorske in seinen eigenen Träumen erst einmal nicht nach den Abdrücken einer autoritären Regierungsform, sondern nach seinen enttäuschten Erwartungen an den strengen Vater, der gern knurrte, aus dem Knaben werde doch nichts. In Schnitzlers "Reigen"schläft jede mit jedem, ohne dauerhaften Halt im Sex zu finden. Und Klimt malt langbeinige Furien, noch nackter und vor allem unheimlicher, als es Tizian und Giorgione taten. Schon bei den Venezianern waren Männer keine väterlichen Helden und Honoratioren mehr, sondern weichgesichtige Jünglinge, denen das Herz auf der Zunge liegt. Klimt nun drängt die Männer ganz aus dem Bild oder macht sie zu hilflosen, irrlichternden Gestalten. Skelette treten auf; Liebe und Tod sind wieder ein Paar.

Die krisengeschüttelten Fantasten um 1500 und um 1900 eint der Mut, die eigene Verletzlichkeit wie auch ihre Wünsche und Träume offen zu verhandeln. Sie hätten sich ja auch mit Superkräften ausstatten und die Unsterblichkeit erfinden können, oder ein Paradies. Wollten sie aber nicht.

"Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein", schreibt Freud 15 Jahre nach seiner "Traumdeutung", als er sich dem Politischen wieder direkt zugewandt hatte. Dies war nun, im Jahr 1915, unumgänglich geworden. Im österreichischen Reich war der Schalter der Geschichte in die andere Richtung gekippt als damals in Venedig: Erbittert wurde der Erste Weltkrieg ausgefochten. Die Katastrophe war tatsächlich eingetreten.

Sie konnten die Künstler und Literaten um 1900 nicht vorhersehen. Sie haben nur die quälende Unruhe der Vorkriegszeit erspürt und ins Imaginäre übersetzt. Das hat nichts verhindert, aber es ihnen leichter gemacht, sich in Zeiten des Wandels wenn schon nicht mehr in der Welt, dann wenigstens in sich selbst zurechtzufinden.

Ein wenig von dieser eskapistischen Energie und dem Lebensmut der alten Rebellen mag man sich heute wünschen. Das aber kann kaum gelingen in Zeiten medialer Dauerpräsenz. Es gibt keine Rückzugsorte vor dem Weltgeschehen mehr, in denen sich Eros und Thanatos so ungestört verbünden könnten, um dann im Symbolischen eben doch auch vom Politischen zu erzählen. Der reale, fremde Tod rückt den Netzbesuchern jetzt viel direkter nah, mit Aufnahmen vom "Leiden anderer", wie es die Essayistin Susan Sontag ausdrückte. Davon können sie sich rühren lassen oder auch nicht. Es erscheint ihnen immer noch abstrakter als ein Skelett oder ein Sarkophag in den ureigenen Träumen.

Gerade weil die Schreckensnachrichten so schnell zu haben sind, lassen sie sich nicht mehr in Ruhe aneignen. Und die Kunst? Sie ist jetzt des Öfteren in Überdeutlichkeit politisch oder sie flieht ganz ins todesfreie Idyll, etwa in das des großen Geldes. Natürlich gibt es Künstler, die das so nicht wollen. Aber sich einfach gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter ins Kaffeehaus oder das Esszimmer zurückziehen, monatelang? Undenkbar. Irgendein Handy mit Eilmeldungen klingelt immer.

© SZ vom 20.08.2016

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