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Eurovision Song Contest:Die Frau, die gegen das Frauenbild in Russland ansingt

Manizha

29 Jahre alt, die Tochter von Flüchtlingen aus Tadschikistan: Manizha.

(Foto: Peter Dejong/AP)

Manizha vertritt das Land an diesem Wochenende beim ESC in Rotterdam. Die Konservativen daheim können ihrer Kunst nichts abgewinnen.

Von Silke Bigalke

Manizha ist natürlich keine typische russische Frau. In ihrem Lied "Russian Woman" für den Eurovision Song Contest geht es ja auch darum, dass es so etwas gar nicht gibt. Typisch sind nur die Erwartungen, mit denen sich Frauen in Russland immer noch herumschlagen müssen. Auch Manizha musste immer wieder dagegen ankämpfen. Etwa so, wie sie sich beim Finale am Samstag in Rotterdam wieder aus diesem starren Sarafan herauskämpfen wird. Die Volkstracht steht bei Manizhas Aufritt für ein veraltetes Frauenbild, das die Sängerin ganz buchstäblich ablegt. Danach springt sie in einem wenig schmeichelhaften roten Overall über die Bühne. Nur nicht zu schön sein, keinen Erwartungen entsprechen.

Mit 29 Jahren hat Manizha das Selbstbewusstsein dafür. "Du bist schon 30, hallo?! Wo sind deine Kinder?", rappt sie. Oder, wie sie kürzlich in einem Interview sagte: "Fuck the stereotypes." Genau darum gehe es doch.

Beim ESC denkt der Kreml-Sprecher an "bärtige Frauen"

Müsste man Manizha in Stereotypen beschreiben, käme eine Art Aschenputtel-Geschichte heraus: Migrantentochter, die sich zum Star hochgearbeitet hat und jetzt als vergnügte Feministin auftritt. Natürlich ist es nicht so einfach. Feministinnen gelten vielen Russen praktisch als Radikale, in dem Land gibt es bis heute nicht mal ein Gesetz gegen häusliche Gewalt. Manizha ist zudem "Botschafterin des guten Willens" der UN für Flüchtlingsfragen und unterstützt die LGBT-Gemeinde. Nimmt man noch ihre tadschikischen Wurzeln hinzu, macht sie das in Russland eher zur Zielscheibe als zur Märchenprinzessin. Manizha sagt, in "Russian Woman" geht es um sie selbst.

Als ihre Familie vor dem Bürgerkrieg aus Tadschikistan floh, war sie noch keine drei Jahre alt. Bettelarm kamen sie in Moskau an, dann trennten sich auch noch die Eltern. Ihre Mutter brachte die fünf Kinder mit Jobs als Putzfrau und Verkäuferin durch. "Aber eine zerbrochene Family zerbricht mich nicht", singt Manizha, und vermischt dabei Russisch mit Englisch, wie sie es gerne tut.

Sie besuchte die Musikschule, sang im Chor, spielte Klavier, nahm schon als Kind an Wettbewerben teil. Der Name Manizha klinge zu muslimisch für russische Bühnen, sagte man ihr. Sie sang in Bands, machte Pause, zog nach London. Zurück in Moskau begann sie, kurze Video-Collagen auf Instagram zu veröffentlichen, später längere Musikvideos, die ganze Geschichten erzählen, etwa über Herkunft und Vorurteile. 2017 veröffentlichte sie ihr erstes Album, unter dem Namen Manizha.

Ihre Musik ist ein Mix aus Hip-Hop, Pop, Soul, ethnischer Musik, Chor-Elementen. Wenn eines Tages jemand einen ihrer Songs einschalte, sagte sie kürzlich dem Guardian, solle er unabhängig vom Genre sagen: "Das ist Manizha, ja gut, die kann sich das erlauben."

Vielen konservativen Russen erlaubt sie sich zu viel. In den vergangenen Wochen traf sie eine Welle fremdenfeindlicher Kommentare und Drohungen. Eine Veteranenzeitung und eine Gruppe orthodoxer Frauen protestierten gegen ihren Song, sahen darin "nationale Gefühle" und die "Ehre russischer Frauen" verletzt. Die wohl mächtigste Frau Russlands, die Vorsitzende des Föderationsrats, Walentina Matwijenko, nannte das Lied "Schwachsinn". Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow lehnt gleich den ganzen ESC ab, wo "bärtige Frauen" aufträten und Sänger, "die als Hühner verkleidet sind".

Manizha will sich nicht einschüchtern lassen. "Du bist stark genug, du wirst die Mauer durchbrechen", rappt sie in Rotterdam. Am Ende dürfen 100 Frauen auf der Videoleinwand mitsingen, Models, Journalistinnen, Schauspielerinnen, jede, wie sie will. Manizha ist keine Außenseiterin, kein Underdog. Sie füllt längst große Hallen in Sankt Petersburg und Moskau, auch ohne ESC. Und ihr Ticket nach Rotterdam hat sie bei einer Zuschauerabstimmung gewonnen - im Staatsfernsehen. Zwar steht Manizha gegen fast alles, was die konservative, nationalistische Regierung für Russland plant. Beim ESC aber wolle sie zeigen, wie großzügig, offen und hell ihre Heimat sein kann.

© SZ
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