Erzählungen:Kalk im Kopf

Leseprobe

Einen Auszug aus den Erzählungen bietet der Verlag hier an.

James Leslie Mitchell lotet das Verhältnis von Landschaft und Mentalität seiner Heimat in "Szenen aus Schottland" aus.

Von Christoph Schröder

Wenn der Schriftsteller James Leslie Mitchell und seine vierjährige Tochter eine Meinungsverschiedenheit hatten, pflegte das in England geborene Kind den Streit gerne mit dem Satz "Du bist ja bloß schottisch!" zu beenden. Und Mitchell konnte nicht widersprechen. Geboren wurde er 1901 als Spross einer Landarbeiterfamilie in der Nähe von Aberdeen. Diese Landschaft und ihre Menschen haben Mitchell nie losgelassen, obwohl er als Verwaltungsangestellter der Militärbehörde unter anderem im Nahen Osten, in Indien und in Ägypten stationiert war, ehe er sich nach seiner Rückkehr in England niederließ, wo er im Alter von nur 34 Jahren starb.

Nun hat der Guggolz Verlag eine kleine, von Esther Kinsky ausgezeichnet übersetzte Sammlung von Mitchells Erzählungen publiziert, in denen das Verhältnis von Landschaft und Mentalität ausgelotet wird. Mitchell war Sozialist und Antinationalist; in seiner Prosa finden sich keine Verklärungstendenzen, keine schottischen Folkloreambitionen. Er erzählt in erstaunlichem Vokabelreichtum von einer ungemein schönen und ungemein kargen Gegend, in der das Leben hart ist und die die Menschen hart gemacht hat. Das Land erzieht seine Bewohner zu einer an Verrohung grenzenden Unerbittlichkeit.

Da ist der Bauer, der mit allen Kräften versucht, ein Stück Moor für die Landwirtschaft urbar zu machen, und darüber sogar die Krebserkrankung seiner Frau ignoriert. Während der Beerdigung fällt es ihm ein: "Verdammt, Mensch, ich hab's! Kalk hätte ich beim Sommergetreide draufgeben müssen. Der hat ja geschrien nach dem Zeug, der Acker am Hang!" Die bittere Pointe der Geschichte: Kurz darauf stirbt auch der Bauer selbst an Erschöpfung. Sein letzter Gedanke gilt dem Feld. Geschont wird hier niemand.

Nicht nur die Überlebensbedingungen sorgen dafür, dass bei Mitchell nie der Verdacht einer Idyllisierung aufkommt; zudem machen sich auch die Auswirkungen des Industriezeitalters bemerkbar. Man isst Corned Beef aus Dosen statt selbstgeernteter Brombeeren. In seinen starken Momenten, etwa in dem vierteiligen Zyklus "Das Land", der dem Verlauf der Jahreszeiten folgt, erinnert Mitchells poetischer Realismus an Wilhelm Raabes fein erspürte Zeitenwendeprosa. Mitchell bleibt stets ambivalent und offen.

Die Städteporträts "Glasgow" und "Aberdeen" sind deutlich meinungsstärker und journalistischer als die fiktionalen Texte. Mitchell beschreibt darin zum einen schonungslos die Verarmungstendenzen ("die Nahrung der Hundertfünfzigtausend ist nicht besser als Abfall, schlecht gekocht und schlecht gegessen mit rasch verfaulenden Zähnen"), andererseits erscheinen die Städte auch als Räume mit utopischem Potenzial, in denen die Landbevölkerung möglicherweise dereinst zu einem besseren Leben finden kann.

Diese Texte verdienen mehr als nur ein historisches Interesse. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass Mitchell sich jenseits aller politischen Friktionen und immer wieder beschworenen Klassenunterschiede ein ungebrochenes Interesse an Menschen bewahrt hat. In seinen sorgfältig ausgearbeiteten Charakterstudien erscheinen die Figuren nie als Typen. Es sind Individuen, denen die Bedingungen ihrer Existenz oft keine Wahlmöglichkeit lässt. Mitchells differenzierter, auf die Details hin geschulter Blick, findet auf wenigen Seiten in diesem Lebensumfeld Schönheit und Grausamkeit, Leid und hin und wieder auch Trost.

James Leslie Mitchell: Szenen aus Schottland. Aus dem Englischen von Esther Kinsky. Guggolz Verlag, Berlin 2016. 168 Seiten, 19 Euro.

© SZ vom 25.04.2016
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