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Erzählungen:Immer dünnere Haut

Katharina Bendixen: Mein weißer Fuchs. Erzählungen. Poetenladen, Leipzig 2019. 112 S., 18,80 Euro.

(Foto: Verlag)

Fuchsmensch und Fabelwesen: Katharina Bendixen erzählt in neuen Bildern und mit magischem Realismus vom alten Irrsinn.

Von Cornerlia Fiedler

Ein Buch zum launigen Weglesen, so wirkt es mit dem bunten Fuchsmenschen auf dem Titel und einem klaren, freundlichen Sound. Bis man "Mein weißer Fuchs" gemütlich im Bett weiterliest und das Einschlafen sich auf unbestimmte Zeit verzögert: Unter jeder der Geschichten mit ihrem magischen Realismus läuft bei Katharina Bendixen eine leise, gemeine Spur der Verunsicherung mit.

Die Figuren geben keine Ruhe, sie spuken dezent aber beharrlich im Kopf herum. Zum Beispiel der siebenjährige Junge, der sich eine Rüstung baut, aus der Angst des Vaters, dem kleinen Glück der Mutter, dem Fleiß der Schwester. Darin steckt der Stoff für einen Gesellschaftsroman des Spätkapitalismus: ein Vater, der seit er im Job aufsteigt, Ängste mit nach Hause bringt, wie kleine Haustiere; eine Mutter, die ewig zurücksteckt; eine gerade erwachsene Schwester, die endlich ausbricht aus dem Wohlstandsgefängnis, dann aber blass und schwer krank in ihr Kinderzimmer zurückkehrt, wo ihre Haut immer dünner wird; ein bester Freund, der unter Gleichaltrigen seine Loyalität vergisst; ein Mädchen, das lächelt - und der junge Erzähler, der nicht weiß, wie zurücklächeln geht.

Gerade das Schwere kommt bei Bendixen leicht und beiläufig daher. "Erst später ist mir aufgegangen", heißt es in der Titelgeschichte, "dass wir uns nicht wegen meiner Anfälle getrennt haben, sondern aus einem anderen Grund. Im Gegensatz zu mir fürchtete mein Freund den Tod und nicht das Leben." Die Erzählung handelt von Kontrollverlust, nur dass es hier nicht um cholerische Schübe, Depression oder ADHS geht, sondern eben um Menschen, die einen Fuchs in sich haben. Das Ganze spielt in einer aufgeklärten Gesellschaft, die um die Füchse weiß, die in der Praxis aber anstelle des Abweichenden doch lieber das Gleiche hätte.

Mal streifen Fabelwesen durch die Geschichten, ohne sich um den Rucksack voller Mythen-, Märchen- und Fantasysymbolik zu scheren, den sie eigentlich tragen müssten. Mal ist es das Setting selbst, das irgendwie neben der Spur läuft: Plötzlich herrscht Krieg und eine Ausgangssperre kocht die Hirne weich. Eine Lehrerin verliert sich im Wahn, einen verschollenen Verwandte aufstöbern zu müssen - und alle schauen zu. In einem "Zauberberg"-Setting müssen Herzen operativ ersetzt werden, weil die alten zerbrochen sind oder viel zu hochtourig schlagen.

An einigen Stellen mischt die Autorin etwas zu viel Interpretationshilfe bei. Stärker sind die Texte, die rätselhaft bleiben. Erklärungsbedürftig sind schließlich nicht magische Abweichungen, sondern die komische Welt, in der wir leben. Bendixen stellt nur den Blick darauf scharf.

© SZ vom 02.03.2020

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