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Erzählungen:Der Stummerzähler

Patrick Modiano, ecrivain

Patrick Modiano, geboren 1945 in Boulogne-Billancourt.

(Foto: Thierry Dudoit/EXPRESS-REA/laif)

Nach dem Nobelpreis musste er seinen Schreibrhythmus wiederfinden: Patrick Modiano erkundet mit zwei Büchern die Zwischenwelt des Erinnerns.

Von Joseph Hanimann

Bis vor Kurzem gab es in der Pariser Métro elektrische Netzplantafeln, auf denen per Knopfdruck mehrfarbig die Lämpchen des Wegs bis zum Zielbahnhof aufleuchteten. So eine Orientierungshilfe hätte sich auch Modianos Erzählfigur für die Irrfahrten durch die Nacht ihrer Erinnerungen gewünscht. Unermüdlich notiert der Erzähler von "Schlafende Erinnerungen" Namen und sonstige Details aus der Halbvergessenheit seiner Streifzüge durch Paris und stellt sich vor, dass während dieser Arbeit, "bei der man im Ungewissen tappt, manche Namen zeitweise aufblinken wie Signale, die vielleicht hinführen zu einem verborgenen Weg".

Den Modiano-Lesern ist dieses Herumtappen in der Ruhlosigkeit der Erinnerungen vertraut. Den anderen mag das Buch als neue Einstiegsmöglichkeit ins Werk des Autors dienen. Es ist die erste Publikation seit dem Nobelpreis vor vier Jahren. Dargestellt wird die Suche eines Mannes nach Erinnerungen an fünf oder sechs Frauen, denen er in seiner Jugend begegnet ist und die er aus den Augen verloren hat. Mit dem autobiografischen Text "Ein Stammbaum" hatte Modiano 2005 in Form von Kindheitserinnerungen einige Grundmuster seiner Erzählwelt vorgelegt. Mit diesem Buch haben wir ein eher reflektierendes Pendant dazu. Und mit "Die Anfänge unseres Lebens" kommt gleichzeitig ein Theaterstück von ihm heraus, eine Seltenheit bei diesem Autor.

Modianos Medium ist eine permanent ins Heute herüberlappende Vergangenheit der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Trotz der genauen Ortsangaben entfaltet sich die Erinnerung bei ihm nicht in einem geografisch erfassbaren Raum. Sie ist tiefenlos, ein ständiges Flimmern individueller und historischer Ereignisse, Atmosphären, Begegnungen, Ängste und Erwartungen. Grelle Lichter schimmern hinter der Scheibe einer nachts geöffneten Bar. Nachmittägliche Zeitstille zerdehnt sich beim Herumsitzen in einer fremden Wohnung. Gespenstische Leere lauert auf den hochsommerlichen Straßen von Montmartre. Die Situationen verharren, wenn der Erzähler im Geist die Orte abschreitet, in der Schwebe zwischen Fremdheit und Alltäglichkeit. Selbst, wenn es darum geht, nach dem mysteriösen Tod eines gewissen Ludo F. den Revolver unter dem nächstbesten Schachtdeckel verschwinden zu lassen, flimmert die Spannung wie hinter einem Schleier aus Unwirklichkeit.

In keinem anderen Buch bisher ist so deutlich geworden, wie weit die Dunstschwaden der Erinnerung bei Modiano vom spontanen Aufblitzen der "mémoire involontaire" bei Proust entfernt sind. Entspringen Prousts Erinnerungsschnipsel stets aus bestimmten Blickwinkeln, Gegenständen, Landschaften, Klängen oder Geschmacksnuancen, so bewegt sich die Erinnerung bei Modiano in einem Kontinuum der Raum- und Zeitlosigkeit. Sein Erzähler lebt in einem ständigen Déjà-vu. Wenn er, wie hier, nach sechs Jahren zufällig eine aus den Augen verlorene Jugendfreundin trifft, mit einem Kleinkind an der Hand, kommt ihm diese Begegnung wie eine bloße Variante der ersten vor: nun eben mit Kind. Und es werde noch andere Begegnungen mit ihr geben, sagt er sich, "in derselben Straße, wie bei den Zeigern einer Uhr, die jeden Tag zu Mittag und um Mitternacht aufs neue zusammenkommen".

Die Begebenheiten tanzen bei Modiano im Grenzraum zwischen Realität und Vorstellung vollkommen unvorhersehbar, jedoch mit der Zuverlässigkeit einer Uhrenmechanik umeinander. Und nicht einmal das Ticken ist hörbar. Alles scheint lautlos abzulaufen. Geräusche kommen bei diesem Autor praktisch nicht vor, als wäre das Geschehen bloß eine Vision. Wenn es in der Literatur so etwas wie Stummfilme gäbe, wäre Modiano ein Meister dieses Genres. Ein Stummerzähler.

Damit hängt zusammen, dass die von Vergangenheit durchtränkten Ereignisse nie so etwas wie Nostalgie aufkommen lassen. Mögen sie gestern, vor zehn oder fünfzig Jahren passiert sein, sie schwimmen im selben Zeitbad. Die besagte Freundin wohnte, als der Erzähler sie in den Sechzigerjahren kennenlernte, statt in einer Wohnung in einem Hotel, wie es damals in Paris häufig vorkam. "Die alte Welt verhielt zu jener Zeit ein letztes Mal den Atem, bevor sie zusammenstürzte", bemerkt der Erzähler dazu. Seiner Generation sei es gegeben worden, noch ein paar Momente lang in den alten Kulissen zu leben.

Statt diese Kulissen aus der Erinnerung nostalgisch einzufärben, rückt Modiano sie in unsere Gegenwart vor und schickt uns auf den Spuren seines Erzählers auf Irrfahrt durch ein halb fantastisches, halb reales Paris, das "übersät ist mit neuralgischen Punkten und den vielfältigen Formen, die unser Leben auch hätte annehmen können". Das Ambiente ist bei diesem Autor Mitträger des nicht ausgelebten Lebenspotenzials der Protagonisten. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem Theaterstück "Unsere Anfänge im Leben", das im letzten Jahr parallel zu den "Schlafenden Erinnerungen" herauskam. Handlungsort ist da ein Theater, in dem Tschechows "Möwe" geprobt wird. Ein junger Schriftsteller namens Jean verbündet sich mit der Darstellerin Ninas aus dem Tschechow-Stück gegen seine Mutter, die ebenfalls Schauspielerin ist - eine Situation, die an Modianos eigene Kindheit erinnert. Es wäre erstaunlich gewesen, würde in diesem Stück nicht auch der Theaterraum zu sprechen anfangen.

"Wände, Bühne und Balkone sind erfüllt von den Stimmen all jener, die hier gespielt haben", raunt Jean seiner Freundin zu, mit der er sich nachts im Theater verbarrikadiert hat. Und nicht nur die früheren Schauspieler, auch die Zuschauer von einst sind wieder da und nehmen an einer Art "ewiger Wiederkehr" teil. Diese Formulierung taucht in "Schlafende Erinnerungen" ebenfalls mehrmals auf. Das bisher unaufgeführte Theaterstück wirkt eher wie ein Lesestück. Die beiden Texte sind gleichzeitig nebeneinander entstanden. Nach dem Wirbel um den Nobelpreis hat der öffentlichkeitsscheue Autor die straffe Rede-Antwort-Form des Theaters dazu benützt, seinen Schreibrhythmus wiederzufinden. Wir dürfen beruhigt sein, es ist der alte Modiano-Sound, der in der Erzählung wie im direkten Wortwechsel weiterhin tonlos aus dem Vollen spricht. Und die gestandene Modiano-Übersetzerin hat für beide Texte das richtige Parlando gefunden.

Patrick Modiano: Schlafende Erinnerungen. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München, 2018. 112 Seiten. 16 Euro. Patrick Modiano: Unsere Anfänge im Leben. Theaterstück. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München, 2018. 110 Seiten. 16 Euro.

© SZ vom 04.10.2018

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