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Archiv für Street Art:Risiko statt Versicherungsbranche

Und überall fotografierte er Graffiti. Zu dieser Zeit lernte er den zukünftigen Mitbegründer von Global Street Art kennen, "und mir ging auf, dass meine Zukunft nicht in der Versicherungsbranche lag. Ich musste jetzt etwas riskieren - oder für den Rest meines Lebens bereuen, dass ich es nicht versucht habe."

Zurzeit arbeitet das Team mit einem britischen Graffitimaler mit dem Künstlernamen Inkfetish zusammen, er wird mit ihrer Hilfe im Oktober seine erste Ausstellung in London eröffnen. Ein Online-Shop ist auch geplant, was dort verkauft werden könnte, dazu sollen die Website-Besucher gerade Wünsche äußern - Apps, Shirts, Drucke der Kunstwerke, Bofkin legt sich da nicht fest. Es gehe zwar bei dem Projekt nicht ums Geld. Irgendwie müsse das Projekt aber natürlich Geld machen. Um sich etwas dazuzuverdienen arbeitet Bofkin zusätzlich im Immobilienunternehmen seiner Eltern. "Vielleicht dauert es ein Jahr, vielleicht zehn, bis wir herausfinden, was das überhaupt genau für ein Business sein kann, das wir da angefangen haben", sagt er. "Aber die Zeit nehmen wir uns." Zwei Bücherdeals gibt es immerhin schon für Global Street Art. Bildbände, zusammengestellt aus Lee Bofkins Fotoarchiv.

Warum die Welt so etwas braucht, eine fein säuberliche Graffiti-Bildersammlung? "Die Mona Lisa ist doch auch eingescannt", sagt Bofkin schlicht. "Eine visuelle Dokumentation davon zu haben, ist von unschätzbarem Wert. Man kann damit einer größeren Gruppe von Menschen zeigen, wie wertvoll öffentliche Kunst ist." Immerhin, sagt er, sei Street Art die größte Kunstbewegung der Welt, "mit Tausenden und Abertausenden Künstlern".

Er schwingt sich also ziemlich jeden Morgen auf sein Fahrrad, ein großes, bunt besprühtes Mountainbike. Und dann radelt er los, auf der Suche nach bemalten Wänden - oder leeren. Das "Wall Project" ist ebenfalls ein Teil seiner Arbeit, Bofkin sucht in London nach freiem Raum für Graffitikünstler. Mal ist es eine Wand, mal eine Hausfront oder die Rollläden eines Geschäfts, für die er Bemaler vermittelt. Die Besitzer dürfen aber keine Bedingungen stellen, was genau gemalt wird, "sonst wäre es ja keine Kunst mehr", sagt Bofkin.

Bis zu 1500 Fotos am Tag

Er pflegt das Blog des Projektes, die Social-Media-Kanäle. Nebenbei organisiert er Musik- und Kunstfestivals in London. Und immer wieder nutzt er Bonusmeilen und macht sich auf in andere Städte und Länder, um neue Bilder zu sammeln. Im vergangenen Jahr reiste Bofkin 26 Tage lang durch Deutschland, die Schweiz und die Niederlande, durch mehr als 80 Städte. Etwa 400 Bilder machte er pro Tag. An manchen dieser Tage waren es 1500.

Er folgt Hinweisen von Freunden, Bekannten, von Websites und Blogs, fragt sich durch, findet auch mal zufällig ein Werk hinter einer Ecke, unter einer Brücke. "Es ist immer ein Abenteuer", sagt er. "Es ist ein Gefühl, sich zu verlieren. Es ist das gleiche Gefühl wie beim Tanzen."

In einer früheren Form des Artikels hatten wir geschrieben, dass Lee Bofkin das weltweit erste Archiv von Graffiti und Street Art erstellt. Natürlich gibt es bereits Online-Archive dieser Art und auch physische Sammlungen mit Bildern von Graffiti, Infomaterial, Bildbänden und Magazinen. Ihm geht es um das erste nicht-digitale Archiv, in dem die Werke der Künstler ausgestellt und kategorisiert werden.

© SZ vom 21.09.2012/leja

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