Erste Station in Medari, Kroatien Kaltes Wasser

Ein Friedhof in Kroatien: Die Häuser der Ermordeten sind nie wieder bezogen worden.

Vieles hat sich verändert in Kroatien, seit der Krieg vorbei ist, könnte man wenigstens meinen. Und doch gelten hier immer noch die Gesetze von ehedem: die der Geschmacksknospen und die der Physik. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Von Michael Glawogger

Niemand spricht in Medari, Kroatien, über den Krieg, und doch ist er überall zu spüren: Es gibt nur einen Laden und neben Ruinen stehen deutlich neue Häuser. Vieles hat sich verändert, könnte man meinen. Und doch gelten hier immer noch die Gesetze von ehedem: die der Geschmacksknospen und die der Physik.

Das kleine Huhn tat sich einigermaßen schwer, auf einem Bein zu hüpfen. Nach jedem vorsichtigen Sprung in Richtung Futterstelle schaute es sich um, ob noch alles in Ordnung war, ob es noch stand, ob die Welt rundum noch da war, und ob keine Feinde sich näherten, die ihm sein gesundes Bein auch noch würden abspenstig machen.

Das kaputte Bein hielt es angezogen auf Höhe des Bauches, ruderte ein wenig mit den Flügeln und sprang ein Stück nach vorne, wo es im Stehen um Balance rang. Dann wieder ein vorsichtiger und doch fordernder Blick.

Er sah das Huhn in einem kleinen Hinterhof, wo er mit dem Besitzer des Hauses saß, einem wohl sechzigjährigen Mann mit traurigen Augen und schlohweißen, kurzgeschnittenen Haaren. Da sie keine gemeinsame Sprache hatten, sagten sie nichts zueinander, sondern schauten nur dem Huhn zu.

Er dachte noch, dass das Huhn weiblich sei und man trotzdem das Huhn sagt, als es wieder einen kleinen Satz nach vorne machte und in einem Blumenbeet landete. Es stand dann zwischen den Überresten einiger verdorrter Astern und schaute, wie es eben schaute. Er deutete den Blick als vorwurfsvoll, gleichzeitig zweifelnd, dass ein Huhn - und schon gar dieses Huhn - eines Vorwurfs fähig wäre. Wem hätte es denn auch einen Vorwurf machen sollen? Seinem Schöpfer?

Kampf um die Besteigung

Der Mann mit den traurigen Augen musste den Blick des Huhns wohl ähnlich gedeutet haben, denn er verzog seinen fast zahnlosen Mund zu einem Grinsen und erzählte, dass die beiden stattlichen Hähne auf der anderen Seite des Zaunes so lange und heftig darum gekämpft hatten, wer es besteigen durfte, bis sie ihm im Zuge dieses Kampfes das Bein gebrochen hatten.

Dann hätten sie sofort von dem Huhn und voneinander abgelassen, und jetzt interessierten sie sich nicht mehr für das kleine Wesen, dass da mehr schlecht als recht durch den Garten hüpfte. Stattdessen posierten sie, wieder auf der anderen Seite des Zaunes, und präsentierten ihr glänzendes Gefieder in der müden, weichen Wintersonne.

Der betrunkene Sohn des traurigen Mannes übersetze das Ganze in ein holpriges Englisch und musste dabei so viel lachen, dass er fast von der Stiege gefallen wäre, auf der er saß. Dann stand er auf und sang das Lied vom Dorftrunkenbold, das er mit einem Schmählied über Milošević vermischte.

Bewohnt oder unbewohnt?

Er wurde immer lauter, der Mann mit den traurigen Augen wurde immer trauriger, und das Huhn ergriff die Flucht. Dann wurde es ruhig - so ruhig, wie es hier auf dem Land überhaupt werden konnte. Die Hähne schrien ihre Besitzansprüche auf alles Weibliche mit Federn in den Hof hinaus, die Ferkel im Stall quiekten hungrig nach Muttermilch, und der Nachbar schnitt Holzgriffe für diverse Werkzeuge zu. Draußen donnerten Lastwagen durch die schnurgerade Straße, an der der Hof lag.

Dort draußen reihten sich Haus an Haus und Dorf an Dorf. Es gab auf jeder Seite der Straße nur diese Häuser, keinen zweiten Weg oder irgendeine Abzweigung. Von der Straße aus wirkten die Häuser unscheinbar, und man konnte nicht wirklich ausmachen, ob sie bewohnt waren oder nicht, und wer dort wohnte.

Nur die, die voller Gartenzwerge und Springbrunnen waren, und vor denen prachtvoll hochgetunte Autos standen, gehörten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einigen Roma. Die Roma waren neu hier, sie waren nach dem Krieg hergezogen. Die Häuser waren billig zu haben gewesen, denn obwohl der Krieg schon 20 Jahre her war, kamen nur wenige der Vertriebenen zurück.