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Eröffnung der Scala:Fieberfantasien von König und Kampf

Anna Netrebko triumphiert in Giuseppe Verdis Oper "Giovanna d' Arco", die Riccardo Chailly an der Mailänder Scala dirigiert.

Von Reinhard J. Brembeck

Zuletzt steht einsam die kleine Muttergottesfigur vor dem roten Vorhang, aus dem Schnürboden regnen Blumen und gelegentlich schauen Anna Netrebko und ihre Mitstreiter vorbei. Tosend lang anhaltender Beifall in der Mailänder Scala: elf Minuten und keine Buhs, das ist hier ein Rekord. Ein Rekord sind auch die 700 Polizisten und Pistoleros, die die Scala wegen der diffusen Gefahrenlage nach den Pariser Attentaten so weiträumig abgesperrt haben wie noch nie.

Die "Inaugurazione", die Spielzeiteröffnung der Scala, ist ein Mega-Society-Ereignis. Dennoch wird jeder der illustren Besucher mit Metalldetektoren kontrolliert, auch das ist neu. Selbst die obligatorischen Demonstranten vor dem Opernhaus sind mit ihrer Rockmusik so weit abgedrängt wie nie, ihr Sozialprotest dürfte zumindest dem jetzigen Papst ganz gut gefallen: "Hunderte Reiche, Milliarden Arme: Das ist der Ausnahmezustand."

Italiens Premier Matteo Renzi sieht das vermutlich anders. Mit seinem Erscheinen in der überbordend mit Blumen geschmückten Königsloge will er ein Zeichen setzen gegen die derzeit grassierende Terrorangst, will er ein Bekenntnis ablegen zur Alltagsnormalität. Was in der Gated Community der von Fotografen, Fernsehteams und Sicherheitskräften belagerten Scala leicht deplatziert wirkt. Erst mal wird die Nationalhymne angestimmt, der Saal erhebt sich und Renzi präsidiert singend mit stolz geschwellter Brust. Sollte vielleicht bei den nächsten Bayreuther Festspielen vor dem "Parsifal" die deutsche Nationalhymne in Anwesenheit von Angela Merkel gespielt werden?

Die Einzige, die unbefangen wie immer agiert, ist Anna Netrebko als Jeanne d'Arc, als Jungfrau von Orléans. Verdi hat seine dazugehörige Oper vor 170 Jahren an der Scala uraufgeführt, vor 150 Jahren wurde die sehr frei mit dem Vorbild assoziierte "Giovanna d'Arco" dort zuletzt gespielt: Rettet doch eine von Gott inspirierte Bäuerin ihren von den Engländern fast schon besiegten französischen König vor der Niederlage und stirbt zuletzt auf dem Schlachtfeld. Jetzt, da Gotteskriegertum und Frankreich die Themen der Stunde sind, passt die Oper bestens.

Netrebko macht, was sie so unübertrefflich kann: Sie betört durch springlebendige Unbefangenheit und ihre noch immer volle, in allen Lagen präsente Stimme. Gelegentlich auftretende Härten und Unsicherheiten mögen dem Premierenstress geschuldet sein. Gegen Netrebko hat der kurzfristig eingesprungene und wohl deshalb nur kreuzbrav singende Devid Cecconi als Giovannas Vater genauso wenig eine Chance wie der durchschlagend klangschön, aber auch oft feinsinnig gestaltende Francesco Meli als französischer König.

Netrebko ist und bleibt die Königin, der auch Riccardo Chailly, der neue Musikchef des Hauses, huldigt. Er trägt seine Diva auf Händen, er folgt ihr in jeder Nuance. Aber er ist ein eigener Herr, der sich vor allem für die Neuerungen in Verdis Partitur begeistert. Das grandios zwischen Liebe und religiös-nationalem Sendungsbewusstsein zerrissene Duett von Giovanna und König, dessen nur von Cello und Oboe sekundierte Todessehnsucht sind Höhepunkte. Da spielt das Orchester auf Augenhöhe mit den Sängern.

Zumindest diskutabel ist, dass die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier zwar die Erwartungen des Publikums befriedigen, den Sängern aber nie auch nur ansatzweise der Partitur gemäße Rollenporträts abverlangen. Dass Giovannas Papa ein übler Patriarch mit "Ehrenmord"-Tendenzen ist, wird ebenso unterschlagen wie die hier wuchernde Sexual- und Frauenfeindlichkeit. Verdis Giovanna wird von teuflischen wie gutkatholischen Wahnvorstellungen gequält, sie ist eine psychisch verletzliche Frau. Dafür fehlen der durch und durch diesseitigen Netrebko trotz wundervoller Pianopassagen die elysisch jenseitigen Töne. Und Leiser/Caurier verbannen sie zudem ins Bett, wo sie fieberfantasierend von König und Kampf nur träumt: Verdi als harmloses Kindermärchen.

© SZ vom 09.12.2015
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