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"Erntehelfer" im Kino:Auf unmöglicher Mission

Dokumentation "Erntehelfer" im Kino

Eine Szene aus der Dokumentation "Erntehelfer".

(Foto: Siebertfilms)

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wie heißt das gleich - "Bas-mati"? Für seinen großartigen Dokumentarfilm "Erntehelfer" hat Moritz Siebert einen indischen Pfarrer auf Auslandsmission in Unterfranken begleitet.

Auf die Frage, wie er aus Indien nach Unterfranken gekommen sei, antwortet Rev. Fr. Cyriac Chittukalam in gebrochenem Deutsch, dass ihn sein Bischof hergeschickt habe. Er lächelt dabei, wie er immer lächelt; wohl wissend, dass bei dieser Versetzung in die deutsche Provinz höhere Fügung im Spiel war. Die eines Vorgesetzten, die Gottes? Wer auch immer da seine Hände im Spiel hatte - er hat sich einen ziemlichen Scherz erlaubt.

Da sind gleich am Anfang die Gemeindehelferinnen des Dorfes, die Cyriac zu seinem gelungenen Einstand gratulieren und ihm erklären, man hätte sich etwas mit seiner Robe überlegen müssen - er sei nun mal ein bisschen "kleinwüchsig". Da kommt die Gemeinheit schon mit der ganzen Herzlichkeit daher, zu der katholische Gemeindehelferinnen fähig sind. Dass Cyriac später in der Fahrstunde "Rechts vor links" nicht versteht und es als ein "Problem der Sprache" schildert, scheint seinen Fahrlehrer wenig zu interessieren: "Das verstehst du schon", sagt der unterfränkische Redneck mit Baseballkappe.

Diese latenten Rassismen, sie sind allein sprachliche Effekte: Selbst im Priesterseminar erklärt man den indischen Gästen, ihre Predigten hätten "literarisch wertvoll" zu sein, in Hochsprache und ohne Dialekt. Cyriac lacht sich schlapp - wieder einer, der keine Ahnung von den Problemen der Sprache hat.

Bestürzende seelsorgerische Gespräche

Schwer ist auch das Gespräch mit dem Pfarrer des Dorfes, der mit Cyriac am Küchentisch sitzt, Kaffee trinkt und priesterlich Nutellastullen futtert. Wirkt diese Provinzpfarrerexistenz auf Cyriac so deprimierend wie auf uns? Wenn er bestürzende seelsorgerische Gespräche über "Mentalitätsdifferenzen" anfängt oder krampfhaft versucht, sich an irgendwelche indischen Reissorten zu erinnern? Wie heißt das gleich - "Bas-mati"? Man hört vor allem sein Nutellaschmatzen.

Cyriacs Auslandsmission, auf der ihn Moritz Siebert ein Jahr lang begleitet hat, ist also unmöglich. Cyriac kommentiert das zumeist durch Lachen, das wirkt wie die ironische Einsicht in eine unlösbare Prüfung, das Überspielen einer Überforderung. Aber diese Irritation erhellt, worauf er trifft. Der Film ist durchsetzt mit Aufnahmen einer kleinen Handykamera, die offenbar von Cyriac selbst stammen. Je nach Monat filmt er den Schnee auf den Straßen, blühende Felder, Traktoren, einen Jogger, ein Karnickel, einen Weinberg, einen Baum in Blüte - wie jemand, der zum ersten Mal vor ihnen steht. Die Spinnen, die im goldgelben Herbstlicht über eine Traubenrebe kriechen, oder der Staub, der in der Luft tanzt - das sind die kleinen Merkwürdigkeiten, mit denen eine scheinbar bekannte Welt in ihrem ewigen Lauf alle Sinne irritiert und übersteigt, ohne je zu einem allerletzten zu finden.

Ein Wunder. Oder ein Witz?

Cyriacs Begegnungen mit den Alten und Kranken der Gemeinde bringt das auf den Punkt: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Allein das Gespräch darüber ist schwierig, die Alten sprechen meist nicht weniger gebrochen und mit Akzent als Cyriac. Über dessen Verhältnis zum Glauben erfährt man außerdem kaum mehr als über das von Siebert, der auch einmal gefragt wird, wie er es mit der Auferstehung halte: "Ich bin mir da nicht so sicher." Genau in dieser unprätentiösen Unentschiedenheit legt der Film das Skelett der vergehenden Zeit und der ewig wiederkehrenden Fragen offen, denen man sich nicht weiter annähern kann als bis zur Grenze eines wesentlichen Unverständnisses, mit dem Cyriac im Unterfränkischen umherstreicht: Das Heilige liegt hier offen inmitten des Profanen. Gerade, weil er hier eine Art reiner, sprachloser Tor ist, kommt er wie der echte Christ in diese Gegend, in der er im trockenen Sommer 2013 an einem Weinberg um Regen betet. Zwei Szenen später regnet es. Ein Wunder. Oder ein Witz?

Sieberts großartiger Film kennt kein anderes Sujet als jene permanente Irritation in Bezug auf das, was der Kamera und Cyriac begegnet. Sein Stil erinnert an Arbeiten von Philipp Scheffner oder Thomas Heise. Wie diesen Dokumentarfilmern gelingt es Siebert, in nur einer Einstellung ein Weinfeld in ein abstraktes Muster zu verwandeln, in dem das Wirkliche nur verschlüsselt vorliegt. Nichts liegt ihm ferner, als in einen aufgemotzten Thesenbrei über irgendwelche vorgefertigten Ideen Multikulturalismus hineinzurühren.

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Und der Mixer rattert

Interviews gibt es hier keine - anders als bei all den intellektuellen Veganern unter den Dokumentarfilmern, die mit ihrem Gefrage auf verbales Fallobst aus dem Mund ihrer Opfer warten, um es aufzulesen und seine faulige Belanglosigkeit dann mit hübschen Bildchen zu verschleiern. "Erntehelfer" ist die einsame Frucht eines One-Man-Unternehmens ohne zusätzliche Filmförderung, und Siebert muss sich dabei in der deutschen Filmlandschaft ebenso in der Fremde fühlen wie sein Protagonist aus Indien im Unterfränkischen.

Erntehelfer, D 2013 - Regie, Kamera: Moritz Siebert. Mit Cyriac Chittukalam. Siebertfilms, 70 Min.