bedeckt München 12°
vgwortpixel

Ernst Jünger: Tagebücher:Im Meer der Bewegungslosigkeit

Je weiter der Krieg des Leutnants fortschreitet, desto deutlicher wird Jüngers Sichtweise auf ihn. Das Charakteristische des Weltkriegs an der Westfront war die weitgehende Aufhebung der Bedeutung militärischer Bewegung. Regimenter und Divisionen rückten nicht mehr vor, sondern gruben sich ein. Der Verlauf des Krieges wurde vom Feuer bestimmt, vor allem von der Artillerie und dem Maschinengewehr.

Die großen Schlachten, die Blutmühlen, wie es über Verdun hieß, waren Versuche, die Bewegungslosigkeit aufzubrechen, den Durchbruch zu erzielen. Die meisten dieser Versuche schlugen schrecklich fehl wie eben der deutsche Angriff auf den Festungsgürtel von Verdun oder die englische Offensive an der Somme. Vielfach gestaffelte Stellungssysteme und vor allem die Konzentration der Artillerie ließen den Krieg erstarren; bis heute wird durch Begriffe wie "Schützengraben" oder "Trommelfeuer" dieser Weltkrieg typisiert.

In Frankreich, das die Defensive als Sieger überlebte, führten die Erfahrungen zum Bau der Maginot-Linie, die als eine europäische Abart der Chinesischen Mauer ein für alle Mal die deutschen Barbaren fernhalten sollte. Die Konzeption scheiterte im Zweiten Weltkrieg, weil die militärische Motorisierung zu Lande und in der Luft die Bedeutung des Feuers und der statischen Verteidigung zurückdrängte, im Falle des sogenannten Blitzkriegs vom Mai 1940 sogar aufhob. Die Barbaren überflogen im Stuka Maginots Bunker und umgingen sie in ihren Panzern.

Persönliche Durchbrüche in einem Grabenstück

Jünger beschreibt seinen Krieg häufig als die Offensive des Individuums im Meer der Bewegungslosigkeit. Als Stoßtruppführer an der Spitze einer, wie er einmal formuliert, "rauen Bande" von einem Dutzend Männern erzielt er seine persönlichen Durchbrüche in einem Grabenstück oder einem granatenzerpflügten Hohlweg. Er beweist sich, dass der Besondere selbst im Mahlstrom nicht untergehen muss. Seine Tagebuch-Eintragungen aus den Jahren 1917 und 1918 zeigen in einer sehr subjektiven Weise, wie sich in der Materialschlacht eine neue Infanterietaktik entwickelte.

Der Stoßtrupp, die wenigen Tapferen in einer anonymen Hölle, wurde nach dem Krieg in der nationalistischen Rechten ein ideologisches Konstrukt - Nazis, Freikorpsler, Stahlhelmer und andere sahen im Stoßtruppführer den Typus des neuen, durch Krieg und Niederlage gestählten Deutschen. Auch Ernst Jünger, der Stoßtruppführer par excellence, trug durch Bücher und Aufsätze in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren zur Verklärung und Ideologisierung dessen bei, was er als junger Mann bis 1918 mit viel Glück, erheblichem Mut und sehr zufällig überlebt hatte. Jüngers oft schnoddriger Ton in den Tagebüchern ist wohl auch ein Versuch, sich mit dem ganz und gar Ungeheuerlichen auseinanderzusetzen.

© SZ vom 22.09.2010/kar
Zur SZ-Startseite